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Der Fall Scholl Das tödliche Ende einer Ehe von Reich, Anja (eBook)

  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
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Der Fall Scholl

Eine Frau wird brutal ermordet und im Wald verscharrt. Der Verdacht fällt auf ihren Ehemann - den ehemaligen Bürgermeister von Ludwigsfelde, einer Kleinstadt im Süden von Berlin. Sie waren fast fünfzig Jahre miteinander verheiratet. Und galten als perfektes Paar ...
Anja Reich hat den Gerichtsprozess begleitet. Sie sprach mit Verwandten und Freunden des Opfers und des Angeklagten - und mit Heinrich Scholl selbst, der die Tat bis heute bestreitet.

Anja Reich wurde in Ostberlin geboren. Sie arbeitete als Redakteurin für Die Welt und die Berliner Zeitung . 1999 ging sie gemeinsam mit ihrem Mann, Alexander Osang, und ihren Kindern für sieben Jahre nach New York, wo sie heute wieder lebt. 2012 wurde sie mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843707046
    Verlag: Ullstein
    Größe: 3164 kBytes
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Der Fall Scholl

Der letzte Tag
Brigitte Scholl verschwand am 29 . Dezember des Jahres 2011 , einen Tag nach ihrem siebenundvierzigsten Hochzeitstag. Die Blumen, die ihr Mann ihr geschenkt hatte, rote Rosen, standen noch auf dem Wohnzimmertisch, in der Ecke der Weihnachtsbaum, gerade gewachsen, üppig geschmückt. Alles musste stimmen.
Es sollte perfekt sein, bis zum Schluss.
Brigitte Scholl war siebenundsechzig Jahre alt und Kosmetikerin von Beruf. Ihr Studio befand sich im Erdgeschoss ihrer Wohnung. Nie war sie unpünktlich, nie unfreundlich, nie hörte man ein lautes Wort im Hause Scholl. Ihre Ehe galt als tadellos. Wenn um acht Uhr morgens die erste Kundin klingelte, stand Brigitte Scholl im weißen Kittel in der Tür, die Haare zurückgebunden. Aus der Küche grüßte ihr Mann, der Bürgermeister a. D.
Heinrich Scholl war eine Legende in Ludwigsfelde. Er hatte nach dem Mauerfall die Sozialdemokratie im Ort mitbegründet, war bei der ersten freien Wahl seit Kriegsende zum Bürgermeister gewählt worden und hatte seiner Stadt einen einzigartigen wirtschaftlichen Aufschwung beschert. Er holte Daimler-Benz, Thyssen sowie Deutschlands führenden Triebwerkshersteller MTU nach Ludwigsfelde. Er schuf Tausende von Arbeitsplätzen und galt als der erfolgreichste Bürgermeister der neuen Länder, der Beweis, dass der Aufschwung Ost funktionierte, ein Symbol für die deutsche Einheit.
Seit drei Jahren war er Rentner, aber er konnte nicht aufhören zu arbeiten, genauso wenig wie seine Frau. Sie hatte heute eigentlich frei, ihr Salon war zwischen Weihnachten und Silvester geschlossen. Es war einer dieser Tage zwischen den Jahren, an denen die Zeit stillzustehen scheint. Aber Brigitte Scholl konnte nicht stillstehen, sie musste immer etwas machen, sich immer um irgendetwas kümmern, immer jemandem helfen. Im Ort nannte man sie die Lady Di von Ludwigsfelde. Ihr Mann war Napoleon. Er war ein Meter fünfundsechzig groß und trug gerne Schuhe mit hohen Absätzen.
Heinrich Scholl schlief noch, als seine Frau wie jeden Morgen um halb sechs aufstand, um mit ihrem Hund vor die Tür zu gehen. Es handelte sich um den vierzehnjährigen Ursus, einen Cockerspaniel, der jeden anknurrte, seit er im vergangenen September bei einem Spaziergang auf dem Friedhof von einem anderen Hund ins Ohr gebissen worden war. Brigitte Scholl versorgte ihren Hund rund um die Uhr mit Hundekeksen, während der Kosmetik durfte Ursus unterm Behandlungsstuhl liegen. Ihm zuliebe hatte Brigitte Scholl in diesem Jahr sogar auf den Weihnachtsbesuch bei ihrem Sohn in Wiesbaden verzichtet. Brigitte Scholl wollte Ursus die lange Fahrt nicht zumuten, und ihn ins Tierheim zu stecken kam für sie nicht in Frage.
Alles drehte sich um Ursus. Neuerdings übernachtete er sogar im Ehebett. Links neben ihr, da, wo früher ihr Mann gelegen hatte.
Es war noch dunkel, als Brigitte Scholl vor die Tür trat, ungeschminkt und unfrisiert, die Mütze tief ins Gesicht gezogen. So wagte sie sich nur um diese Tageszeit auf die Straße. Sie war allein.
Die Luft fühlte sich kühl und feucht an, genau wie in den letzten Tagen. Sie hatten keine weiße Weihnacht gehabt, und für Neujahr war das gleiche graue Wetter vorausgesagt. Sie lief einmal die Walther-Rathenau-Straße hoch und wieder runter. Links und rechts reihten sich Holzhäuser aneinander, die alle gleich aussahen. Dunkle Fassaden, spitze Giebel, kleine Dachluken, Vorgärten, Beete, Rasen, Zäune, Garagen, Hecken. Die Holzhaussiedlung war kurz vor Kriegsende gebaut worden, 1944 , genau in dem Jahr, in dem Brigitte Scholl auf die Welt kam. Sie war ein Kriegskind, das in einem Kriegshaus wohnte. Auf dem Dachboden hatten sie Zettel in kyrillischer Schrift gefu

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