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Der wunde Punkt Vom Unbehagen an der Kritik von Edlinger, Thomas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.09.2015
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Der wunde Punkt

Kritik ist Volkssport. Jeder kritisiert jeden - im Wirtshaus, im Internet, an der Universität. Gleichzeitig werden die Defizite der Kritik kritisiert. Sie greife zu kurz oder gehe zu weit, sei autoritär, dekorativ oder schlicht wirkungslos. In Anlehnung an Jean-Luc Godard könnte man sagen: "Kritik ist nicht die Beurteilung der Wirklichkeit. Kritik ist die Wirklichkeit der Beurteilung." Auf jeden Fall verändert Kritik die Welt - zumindest indirekt: als relativistische Hyperkritik, die Gemeinsamkeiten sabotiert, als Kapitalismuskritik, die den Kapitalismus fit hält, oder als Miserabilismus, der sich am Übel in der Welt ergötzt. Thomas Edlinger spürt der Fetischisierung der Kritik dort nach, wo es wehtut, und zeigt, wie sich der Unmut in postkritische Haltungen übersetzt. Thomas Edlinger, geboren 1967 in Wien, wirkt dort als Radiomacher (u. a. moderiert er dasKulturmagazin Im Sumpf auf FM4), freier Kulturjournalist und Kurator.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 260
    Erscheinungsdatum: 06.09.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518742068
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 4708 kBytes
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Der wunde Punkt

Intro

Amerikakritik ist so beliebt wie eh und je, aber Steaks und Burger machen können sie, die Amis! Wo immer die Veganer- und Bioladendichte hoch ist, haben sich auch Burgerläden ausgebreitet. Und richtige Burger, solche mit Biofleischzertifikat nämlich, dürfen gern auch richtig teuer sein. Denn man kauft nicht nur Qualität, sondern ein Lebensgefühl, mit halbwegs gutem Gewissen inklusive.

Noch teurer, weil noch feiner als selbst Bio-Burgerknetmasse, ist naturgemäß das Steak. Seine Inszenierung in den florierenden neuen Hochglanz-Fleischfanzines soll kein poppiges Retro-Americana-Feeling aus der guten alten Zeit der Diners vermitteln, sondern an animalische Instinkte der "Männer mit Geschmack" appellieren. Das Steak braucht keine Dekoration mehr, keine exaltierten Gewürze, keine Geschmacksverstärker und keine Beilagen. Es ist reine Essenz: saftig, blutig, pur und am liebsten vom Grill. Kein Sternekoch soll es neu interpretieren, kein Molekularküchenguru soll es dekonstruieren, keine Frau soll es verfeinern. Ein Steak ist ein Steak ist ein Steak.

Vor dem Duft eines Dry-Aged Beefs gehen die neuen, richtigen Männer aus Freilandhaltung in die Knie. Dabei zeigen sie nicht ihre Muskeln, sondern ihre Grillwerkzeuge und ihre Schneidezähne. Damit signalisieren sie Genussfähigkeit statt Selbstkasteiung. Essen ist Verschlingen, Einverleiben und Schmatzen. Essen ist Sex. Natürlicher, normaler Sex.

In anderen Kreisen, wo die Veganerdichte größer ist als in der Durchschnittsbevölkerung, heißt der normale Sex heteronormativ. Es sind Kreise, in denen prinzipiell jedes Verhalten einer Kritik unterzogen werden kann. Kreise, in denen es kein normales Verhalten gibt, weil Normalität eine Konstruktion, Natürlichkeit eine Illusion und die Welt ein Klischee ist. Eine Frau ist keine Frau ist keine Frau.

Die inkriminierte Heteronormativität ist die Bezeichnung für ein Zwangsregime, das die Vielfalt der Geschlechter leugnet und ihre sexuellen Orientierungen unterdrückt, heißt es. Und wenn ich in die nächste Buchhandlung gehe, sehe ich mit einem Blick, welche Geschlechternormen nach wie vor bestimmend sind. Das Pochen auf die Neupositionierung der Sexualität anhand der Geschlechterdifferenz wird mitnichten automatisch angenommen. Das Versprechen einer queeren Basisdemokratie ist offensichtlich nur für wenige eine reale Glücksvorstellung. In Michel Houellebecqs "Unterwerfung" macht der gewohnt miesepetrige Ich-Erzähler seinen Frieden mit dem sanften Faschismus eines islamisierten Frankreichs im Jahr 2022 und spekuliert auf die kommenden Wonnen der Polygamie. "Fifty Shades of Grey" ist wohl weniger wegen der heute niemanden mehr groß aufregenden S/M-Stellen zum Bestseller geworden, sondern weil das Buch ein Unbehagen an der neueren Kritik der sexuellen Verhältnisse artikuliert. Ruft der Roman doch heute als skandalös empfundene, auch von Houellebecq thematisierte Bedürfnisse in Erinnerung. In den therapeutischen Narzissmuskraftkammern werden sie als Preisgabe von Autonomie und Gegenteil von psychischer Souveränität problematisiert: die romantische Hingabe, die Lust an der Selbstauflösung und die Ichentlastung des unter dem Liberalismus leidenden Subjekts durch die - schon wieder - "Unterwerfung" unter eine neue, alte Ordnung. Hingabe und Unterwerfung versus Gender-Awareness und Souveränität? Soll das jetzt die Alternative sein? Und darf "ich als Mann" überhaupt über ein "weibliches" Begehren spekulieren, das sich womöglich selbst nicht ganz versteht?

Als durchschnittlicher Gegenwartsbewohner mit sogenanntem höherem Bildungsabschluss lebe ich in mindestens zwei Welten. Wenn ich das Privatfernsehen anschalte, sehe ich heteronormative Bachelors und Bachelorettes samt Pop-Starlets in Lack und Leder. Ich zappe weiter. Am Ballermann ist der deutsche Mann noch ein echter Mann. Und auch mit Migrations

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