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Die Angst der Eliten Wer fürchtet die Demokratie? von Schreyer, Paul (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.04.2018
  • Verlag: Westend Verlag
eBook (ePUB)
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Die Angst der Eliten

Ist unsere Demokratie noch zu retten? Das System steckt in der Krise. Liegt der Ausweg in mehr direkter Demokratie? Oder ist das Volk zu 'dumm', um in wesentlichen Fragen selbst zu entscheiden? Lässt es sich zu leicht manipulieren und geht rechten Populisten auf den Leim? Wenn Außenseiter bei Wahlen erfolgreich sind, heißt es oft, die Bürger hätten 'falsch' abgestimmt. Aber wer entscheidet, was 'richtig' ist? In Deutschland gibt es freie Wahlen für alle erst seit gut hundert Jahren. Doch reichen Abstimmungen über die Zusammensetzung eines Parlamentes aus, um ein demokratisches System zu schaffen und eine Oligarchie, also eine Herrschaft der Reichen, zu verhindern? Oder gibt es vielleicht noch weitere, ganz andere wichtige Voraussetzungen für eine Demokratie, die bislang nicht erfüllt sind - weder in Deutschland noch anderswo? Paul Schreyer, Jahrgang 1977, ist freier Journalist, unter anderem für das Magazin 'Telepolis', sowie Autor mehrerer politischer Sachbücher. Sein Buch 'Faktencheck 9/11' (2013) wurde in Fachkreisen mit großem Interesse aufgenommen ('Gehört zum besten, was man an kritischen Analysen zu diesem Thema auf dem deutschen Buchmarkt finden kann' - Dr. Dieter Deiseroth, Richter am Bundesverwaltungsgericht). Seine letzte Veröffentlichung 'Wir sind die Guten' (2014) war über viele Monate ein Spiegel-Bestseller.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 03.04.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783864897030
    Verlag: Westend Verlag
    Größe: 5280 kBytes
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Die Angst der Eliten

2 Die Wahrheit über den Populismus

Wo die Demokratie außer Betrieb gesetzt ist, da blüht das Extreme und Unversöhnliche. Die von der Regierung ignorierten Teile der Bevölkerung wenden sich neuen Anführern zu, die versprechen, sich um ihre vergessenen Anliegen zu kümmern, oder auch einfach um ihren Stolz. So weit, so logisch und menschlich.

Wer nun "die Demokratie gegen Populisten verteidigen" möchte, der meint es zwar gut, gerät aber in einen Widerspruch. Trump und Co. sind bei Wahlen vor allem deshalb erfolgreich, weil die Zustände eben nicht demokratisch sind. Das Fehlen einer funktionierenden Demokratie bringt sie erst hervor. Sich aufzureiben an populären Außenseitern, sich mit aller Energie zu empören über deren Rückständigkeit und Gefährlichkeit, das ist emotional verständlich, politisch aber ein Weg in die Sackgasse. Auch das Diffamieren und Zurechtweisen ihrer Wähler führt nicht weiter.

Als der damalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel im Sommer 2015 seinem Unmut freien Lauf ließ und ostdeutsche Bürger, die rabiat gegen ankommende Flüchtlinge demonstriert hatten, als "Pack" beschimpfte, als "Leute, die mit Deutschland nichts zu tun haben (...) Ihr gehört nicht zu uns, wir wollen Euch nicht" 1 , da schrieb Jakob Augstein im Spiegel :

"Gabriel will auf die Leute, die vor den Flüchtlingsheimen ihren Hass herausbrüllen, verzichten. Vielleicht meint er, wir alle könnten getrost auf sie verzichten. Aber auf diese Leute ist bereits vor langer Zeit verzichtet worden. Wenn man ihnen sagt: 'Wir brauchen Euch nicht', antworten sie: 'Das wissen wir längst.'" 2

Wer sich über Feindseligkeit und Gewalt gegen Schwächere entrüstet, der tut das mit Recht. Zugleich ist gesellschaftliche Solidarität komplexer als manche bedenken. Die zunehmende Radikalität, Aggressivität und Suche nach Sündenböcken - all das sind Symptome mit Ursachen und einer Vorgeschichte. Sie gedeihen dort, wo das System nicht funktioniert, wo Menschen nicht integriert, sondern aussortiert werden. Der Soziologieprofessor Wilhelm Heitmeyer, Gründer des Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, erklärt, wo politische Außenseiterkandidaten ihr Publikum finden und wie Radikalität entsteht:

"In unserem Verständnis geht es erstens darum, ob jemand Zugang zu (...) Arbeit hat und dadurch Anerkennung erwerben und genießen kann. Zweitens stellt sich die Frage, ob man als Einzelner oder als Gruppe bei öffentlichen Angelegenheiten eine Stimme hat und wahrgenommen wird, denn dadurch entsteht moralische Anerkennung als Bürger. Drittens geht es um die Anerkennung der individuellen Integrität und die der eigenen Gruppe, um dadurch emotionale Anerkennung und Zugehörigkeit zum Gemeinwesen zu entwickeln. Unsere Untersuchungen zeigen sehr deutlich: Überall, wo es massive Anerkennungsdefizite gibt, kommt es zu Abwendungen oder Rückzügen. Wer sich in seinen Umgebungen nicht anerkannt fühlt, wendet sich jenen zu, in denen es Anerkennungsquellen gibt. (...) Man muss das immer betonen, und ich tue das seit Langem: Man darf den Begriff Integration nicht reservieren für Migranten und jetzt Flüchtlinge. Auch viele der seit Generationen hier lebenden Deutschen sind nicht integriert, insbesondere was die Anerkennungsgefühle und -erfahrungen angeht." 3

Ein Mensch, der keine öffentliche Anerkennung erfährt, nicht als Bürger, da seine Stimme konsequent politisch ignoriert wird, und nicht als tätiger Mensch, da seine Arbeitskraft als unnütz zurückgewiesen wird, der ist ähnlich fremd im Land und kaum besser integriert als ein frisch eingereister Flüchtling. Auch den Millionen Menschen in Niedriglohnjobs wird vor allem eines sehr klar vermittelt: Ihr seid verzichtbar, eure Arbeit ist wenig wert, Anerkennung verdient ihr kaum.

2017 veröffentlichte Die Zeit eine längere Reportage aus

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