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Die berührungslose Gesellschaft von Thadden, Elisabeth von (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.09.2018
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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Die berührungslose Gesellschaft

Ist unsere Gesellschaft "unterkuschelt", wie es jüngst in der "taz" hieß? Dieses Buch fragt, was Berührung heute bedeutet und beschreibt das Dilemma des spätmodernen Menschen: Er braucht körperliche Nähe und will doch vor Verletzungen geschützt sein. Eine Berührung kann elektrisieren und wohltuend sein. Sie vermittelt Nähe und Geborgenheit, aber sie kann auch bedrohen, sie kann verwunden, und man kann sich vor ihr ekeln. Menschen brauchen Berührungen, um zu gedeihen. Aber indem sie sich für andere öffnen, sind sie auch verwundbar. Elisabeth von Thadden zeigt die Ambivalenzen des modernen Versprechens auf Unversehrtheit und des spätkapitalistischen Strebens nach dem perfekten Körper. Dass Körperverletzungen und ungewolltes Berühren heute endlich geahndet werden, ist eine große Errungenschaft. Doch wo früher erzwungene Nähe war, droht heute die selbstbestimmte Einsamkeit, in der digitale Welten den direkten Kontakt ersetzen. Wie gehen wir mit diesem Dilemma um? Können wir den Kontrollverlust aushalten und freiwillig Nähe zulassen oder droht die berührungslose Gesellschaft? Elisabeth von Thadden ist Redakteurin bei der Hamburger Wochenzeitung "DIE ZEIT".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 205
    Erscheinungsdatum: 18.09.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406727832
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 2527 kBytes
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Die berührungslose Gesellschaft

Eingangs: Eine merkwürdige Umarmung

Ein Sommertag, Bahnhof Jena Paradies. Der Blick fällt auf eine riesige Werbefläche: In der Dusche steht eine dunkelhaarige Schöne und wird von einem schemenhaften Phantasiegebilde aus weißem Seifenschaum innig umarmt. Das Seifenwesen umschlingt das Menschenkind bergend und begütigend. Warum tut es das? Nun: um "Ihre Haut in Schutz zu nehmen", wie es die Bahnsteigreklame erklärt. Merkwürdig, da kommt einiges zusammen. "Ihre Haut", Abstand mithin, dieser Mensch wird gesiezt. "Schutz", Fürsorge also, für den verletzlichen Menschen. "Haut", die Membran, an der sich entscheidet, ob eine Berührung verletzend ist. In einer Seifenumarmung.

Die Zeichen und Spuren des Alltäglichen erzählen, was sich gerade in den Köpfen und Gefühlen einer Gesellschaft vollzieht. Und sie stellen einen unversehens auf einem Bahngleis vor Fragen wie diese: Was ist in einer Gesellschaft passiert, in der die Vorstellung anziehend sein soll, von Seifenschaum innig beschützt zu werden? Noch ein Blick, noch eine Verblüffung: Die weiße Seifenfigur auf der Werbewand ist weder Mann noch Frau, sie ist beides zugleich, und sie zeigt mit gleich zwei Ikonen der westlichen Kunstgeschichte eine auffällige Ähnlichkeit: Von Botticellis Venus mit ihrem gelösten Haar, dem um 1484 entstandenen Inbegriff der Erotik weiblicher Prägung, hat sie den Kopf und die fliegenden Haare. Und sie erinnert an den männlichen Gott Jupiter, der auf Correggios Gemälde von 1531 in Gestalt einer küssenden Wolke die makellos weiße Io umarmt.

Da rührt also ein Seifenschaumhersteller im akut krisengeschüttelten Europa dank einer gebildeten Werbeagentur an einen wunden Punkt: Berührung soll sein, nicht aber Verletzung. Verwundbarer als in der Dusche kann man seit Alfred Hitchcocks Film Psycho kaum wirken. Die plakatierte Seifenschöne indes erfährt eine Berührung, die wohltut, jenseits herkömmlicher Sexualitäten, und diese bietet einen Schutz, den sie genießt. In der Wirklichkeit realer Körper aus Fleisch und Blut hingegen bedeutet Berührung, wie jeder weiß, mehr. Sie kann elektrisieren, sie kann öffnen, bedrohen, verwunden, ekeln und unüberschaubar riskant sein. Das Dilemma liegt zu Tage: Die Verletzung, vor der jeder Schutz sucht, und die Zuwendung, die jeder braucht, sind die beiden Seiten derselben Offenheit für Nähe. Nähe soll sein, aber irgendwie nicht zu nah kommen. Bei anderen Menschen weiß man nie, wie gefährlich oder lästig sie sind: Seifenschaum, in den man sich selbst hüllt, ist sicherer.

Von dem Dilemma, das die kunstreiche Seifenumarmung ins Bild setzt, handelt dieses Buch. Es fragt, was heute Berührung bedeutet. Heute, während wir epochale Umbrüche am lebendigen Leibe erleben: Wo in unseren spätmodernen Gesellschaften jeder mehr Wohnraum für sich allein hat denn je, wo jeder ein Recht auf Unversehrtheit genießt und Körperverletzung geahndet wird. Wo Mobilität und digitale Technik unseren leiblichen Abstand herstellen. Wo jeder möglichst unbehelligt ein singuläres Körperkapital zu Markte tragen will, aber die Einsamkeit wächst und mit ihr auch Angst.

Die These meines Buchs lautet: Unsere Gesellschaft spürt beunruhigt, dass selbst die perfektesten Körper verwundbar sind, und dass sie doch notwendig der Nähe und Berührung bedürfen. Jeder trägt den Zwiespalt, Nähe zu brauchen und doch in seiner Verletzbarkeit vor unfreiwilliger Nähe geschützt sein zu wollen, am eigenen Leibe aus. Noch steht nicht fest, ob wir eher auf eine Gesellschaft zusteuern, in der Menschen angstlos zugewandt sein können und einander freiwillig nah kommen - oder ob es eine Gesellschaft sein wird, in der argwöhnische Verschlossenheit, Kontrollbedürfnis und eine aseptische Berührungslosigkeit vorherrschen. Beides liegt in der Luft.

Der britisch-polnische Soziologe Zygmunt Bauman hat in der letzten Publikation vor seinem Tod Retrotopia beschrieben, wie grenzüberschreitend

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