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Die dunkle Seite der Lust Vier Fallgeschichten von Bergner, Daniel (eBook)

  • Verlag: Knaus
eBook (ePUB)
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Die dunkle Seite der Lust

'Diese verstörenden Geschichten hallen lange nach.' Lori Gottlieb, New York Times Book Review Wenn Lust Grenzen überschreitet - Daniel Bergner stellt in vier Fallgeschichten Menschen vor, die mit extremen Begierden leben und lieben. Erzählerisch packend, zwischen Oliver Sacks und Ferdinand von Schirach, leuchtet 'Die dunkle Seite der Lust' Abgründe aus, die sich in jedem von uns auftun könnten. Daniel Bergner schreibt regelmäßig für das 'New York Times Magazine' und ist Autor mehrerer - vielfach ausgezeichneter - Bücher. Er lebt in New York.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641156343
    Verlag: Knaus
    Originaltitel: Other Side of Desire
    Größe: 602 kBytes
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Die dunkle Seite der Lust

I.
____

Das Phantom der Oper

Jacob Miller liebte Toronto. In Gedanken war er jeden Tag dort. Er war zwar Amerikaner und lebte in einer schneereichen Stadt in den USA , aber in seinem Büro zu Hause hing eine kanadische Flagge mit den breiten roten Streifen und dem roten Ahornblatt. Und ein Papierausdruck der Flagge war an die Wand zwischen Küche und Esszimmer geklebt. Auch an der Heckscheibe seines Wagens war eine Flagge befestigt, die seine Vorliebe verriet. Wenn er sich im Winter sportlich kleidete, zog er am liebsten eine Jacke an, auf deren Rücken groß und unübersehbar das Blatt genäht war.

Hätte er im Lotto gewonnen, hätte er sich zur Ruhe gesetzt und wäre nach Toronto gezogen. Und hätte er seine eigene Welt erfinden dürfen, wäre der gesamte Planet von dieser Stadt beherrscht gewesen. "Als unser Sohn zur Welt kam, wollte ich ihm gern einen Namen mit T und R am Anfang geben", erzählte er und musste über sich selbst lachen. "Tristan, Troy, Trice. Den Grund dafür verriet ich meiner Frau nicht. Ich sagte also nicht: 'Weil mich das an Toronto erinnert.' Sie erklärte: 'Wir werden ihn nicht Tristan nennen, denn dann würden ihn die anderen Kinder auslachen. Und auch nicht Troy. Und was für ein Name soll Trice denn bitte sein?'"

Toronto war ein Ort, an dem jeder akzeptiert wurde. Als er während der Neunziger mit gut zwanzig einmal dort gewesen und über die Yonge Street spaziert war, hatte er jugendliche Punker gesehen, Eltern mit Kinderwagen, Bettler mit Bechern in der Hand, Prostituierte in hautengen Klamotten, händchenhaltende Schwule, alles mischte sich, alle liefen auf den Bürgersteigen aneinander vorüber, tolerierten sich, ja, aber da war noch mehr als das: Sie schienen sich stillschweigend willkommen zu heißen. Er hatte den Bettlern etwas in die Becher geworfen. Toronto, so schien es ihm, war sogar ein Ort für Monster. Eine Stadt für Männer wie ihn.

Jacob besaß ein adrettes Holzhaus nicht weit vom Zentrum der Stadt, in der er aufgewachsen war. Im Wohnzimmer rankten sich Zimmerpflanzen vom Kaminsims. Über dem Grün hing ein Flachbildfernseher an der Wand. Die Möbel waren gemütlich und zugleich stilvoll. Ein kleiner weißer Hund trippelte über den Teppich, während die Asche eines Terrier-Beagle-Mischlings, um den er nach einem Jahrzehnt immer noch trauerte, in einem goldfarbenen Kistchen im Regal stand.

In der Einfahrt spielte er während der schneefreien Monate mit seinem Achtjährigen Basketball. Ben war ein Einzelkind. Dunkelhaarig und zart. Sie warfen auf einen höhenverstellbaren Korb, den Jacob gekauft und so aufgestellt hatte, dass der Junge gut damit zurechtkam. Jacob war selbst nie sehr sportlich gewesen, aber Ben hatte ihm kürzlich beigebracht, wie man mit dem Basketball PIG spielte. (Jeder Fehlwurf bedeutet einen Buchstaben, und wer als Erster drei Fehlwürfe hat, hat verloren.) "Das ist leicht, Pop!", rief er. "Ganz leicht!" Und so warfen und plauderten sie, plauderten und warfen. Ben hatte im fünften Monat noch im Mutterleib einen Schlaganfall erlitten und war mit einer zerebralen Bewegungsstörung zur Welt gekommen. In den Wintermonaten übte Jacob mit ihm das Skifahren.

Seit sechzehn Jahren war er mit Bens Mutter verheiratet. Er fand sie wunderschön, als sie sich kennenlernten, und daran hatte sich bis heute nichts geändert. "Männer sagen zu mir: 'Du bist ein Glückspilz.'" Sie hatte volles schwarzes Haar, eine olivfarbene, glatte Haut und große dunkle Augen. Sie war zierlich und dennoch sehr weiblich gebaut. Sie stammte aus einer Kleinstadt, und bei ihrer ersten Verabredung hatte er sie in ein Restaurant ausgeführt, das ihr umwerfend erschien. Bei einem Abendessen, das viel teurer war, als sie es gewohnt war, und bei dem er ihr von seinen Erfolgen als Vertreter erzählte, hatte sie ihm von ihrer Arbeit am Ticketschalter einer Fluglinie erzählt. Als Mitarbeiterin durfte sie gratis fliegen, was er wiederum glamo

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