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Die Feinde aus dem Morgenland Wie die Angst vor den Muslimen unsere Demokratie gefährdet von Benz, Wolfgang (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.11.2014
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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Die Feinde aus dem Morgenland

Der große Erfolg von Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" hat offenbart, wie weit Ressentiments gegen Muslime verbreitet sind. Geschürt werden sie von intellektuellen Panikmachern ebenso wie von Rechtspopulisten und Rechtsextremisten, die das Feindbild Islam nutzen wollen, um in breiteren Schichten anschlussfähig zu werden. Dabei wird die Mehrheit der friedlichen Muslime mit der kleinen Minderheit gewaltbereiter Islamisten gleichgesetzt, der Islam zu einer fremdenfeindlichen und aggressiven Religion stilisiert und vor einer "Islamisierung Europas" gewarnt. Wolfgang Benz seziert in diesem Buch die Gedankenwelt der Islamgegner und zeigt, wie die Angst vor den Muslimen an den Grundfesten unserer demokratischen Gesellschaft rüttelt. Denn sie bedroht das tolerante Miteinander, das Zusammenleben der Kulturen in einer pluralistischen Gesellschaft

Wolfgang Benz ist Prof. em. der Technischen Universität Berlin, er leitete bis März 2011 das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin. Bei C.H.Beck ist zuletzt von ihm erschienen: Deutsche Juden im 20. Jahrhundert (2011).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 220
    Erscheinungsdatum: 10.11.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406662614
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 2477 kBytes
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Die Feinde aus dem Morgenland

2.
Vorurteile und Feindbilder. Die Instrumentalisierung von Ressentiments

Versteht man Vorurteile als Zuschreibung von Eigenschaften, die unsere Wahrnehmung und unser Verständnis von Individuen, Personengruppen, Ethnien, Nationen bestimmen - als "geschäftstüchtige Juden", "diebische Zigeuner", "eroberungssüchtige Muslime", "unzuverlässige Levantiner", "kriminelle Albaner" usw. -, so muss man nach den Bausteinen suchen, um Funktion und Wirkung der Ressentiments zu verstehen. Es sind Stereotype, die geläufige Vorstellungen von Personen, Kollektiven oder auch Sachverhalten und Dingen fixieren.[ 1 ]

Stereotype, zu Formeln erstarrte Beschreibungen, besser: Zuschreibungen, erlauben rasche und nicht reflektierte Einordnung und Erklärung, sie sind in der Regel langzeitig tradiert. Das Stereotyp entzieht sich analytischem Zugriff, denn es tritt an Stelle der Realität, wird nicht hinterfragt und braucht keine Begründung. Der Angehörige einer bestimmten Ethnie, Religion, Kultur oder Nation ist deshalb durch stereotype Klischees ein für alle Mal als listig oder verschlagen, als faul oder strebsam, als emotional ungestüm oder kalt berechnend, als übertüchtig oder unbrauchbar charakterisiert. Natürlich gibt es auch positive stereotype Bilder wie z.B. die "schöne Jüdin" oder den "edlen Magyaren". Funktion und Wirkung von Vorurteilen sind unabhängig von der positiven oder negativen Belegung. Die pejorativen, d.h. herabsetzenden Stereotype überwiegen in der gesellschaftlichen Realität, dementsprechend sind Vorurteile in der Regel an unangenehmen Eigenschaften verankert und entfalten vor allem negative Wirkung.

Vorurteile spielen im privaten Alltag wie im öffentlichen Leben die Rolle von Kristallisationskernen für individuelle und kollektive Ängste, Frustrationen und Aggressionen. Vorurteile verdichten sich zu Feindbildern, die als Bestandteile politischer Ideologien instrumentalisiert werden. Das negative Fremdbild steht am Anfang feindseliger Handlungen, die als individuelles fremdenfeindliches Delikt, als gemeinsamer Angriff gegen stigmatisierte Minderheiten, als kollektive Raserei gegen Fremde bis hin zum organisierten und geplanten Völkermord zum Ausdruck kommt.

Diese Funktionen und Wirkungen können an historischen und aktuellen Beispielen verdeutlicht werden. Fremdenfeindliche Konstrukte aus tradierten Vorurteilen und instrumentalisierten Feindbildern - Antibolschewismus, "russische Barbarei", gefährliche Rückständigkeit - gehörten beim deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 zur emotionalen Ausrüstung wie im Kalten Krieg nach 1945 zum geistigen Waffenarsenal, sie bildeten als Reflex auf die deutsche Aggression auch einen wesentlichen Hintergrund bei der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten und benachbarten Siedlungsräumen am Ende des Zweiten Weltkrieges. Alte und neue antisemitische Stereotype, die die Ausgrenzung und Vernichtung von Menschen vorbereiteten und ermöglichten - die semantische Grundlegung des Völkermords an den europäischen Juden erfolgte durch Begriffsbildungen wie "Lösung der Judenfrage" und "Endlösung" -, gehören ebenso zum Themenfeld der Vorurteilsforschung wie literarische Traditionen und Denkstrukturen der Verweigerung gegenüber Angehörigen fremder Kulturen wie z.B. Muslimen, Afrikanern, Roma, Asylbewerbern usw.[ 2 ]

Ressentiments sind gefährlich, weil sie als Vorurteil beginnen mit der Tendenz, im Hass gegen stigmatisierte Individuen, gegen Gruppen, ethnische, religiöse oder nationale Gemeinschaften zu kulminieren - in einem Hass, der sich dann gewaltsam entlädt. Ressentiments schaffen der Mehrheit, die sie lebt und agiert, das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Überlegenheit auf Kosten von Minderheiten, die definiert, diskriminiert, ausgegrenzt und verfolgt werden. Die Ausgrenzung stiftet Gemeinschaftsgefühl und bietet außerdem schlichte Welterklärung in einem System von Gut und Böse, in dem beliebige Minde

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