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Die Grenze aller Grenzen Inszenierung und Alltag zwischen den USA und Mexiko von Gutzmer, Alexander (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.08.2018
  • Verlag: kursbuch.edition
eBook (ePUB)
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Die Grenze aller Grenzen

Sie ist insgesamt über 3000 Kilometer lang und soll - geht es nach Donald Trump und seinen Anhängern - endgültig den Zustand einer veritablen Befestigungsanlage erreichen: 'La Frontera', wie die Grenze zwischen Mexiko und den USA genannt wird, aufgerüstet zum Bollwerk gegen den armen Süden und die von dort einströmende illegale Migration in den reichen Norden. So weit die Rhetorik, die viel weiter ist als die faktische Realität. Das gigantomanische Projekt ist noch nicht in Angriff genommen - lediglich die Test-Errichtung von prototypischen Mauersegmenten bei San Diego ist mit gebührendem Medienpomp begleitet worden. Für den vielleicht noch lang anhaltenden Moment wichtig aber ist schon einmal das damit gegebene Signal: wir drinnen, ihr draußen. Ganz das Klischee von der Grenze als Schutzwall gegen alles Unerwünschte von draußen. Dieses medial vermittelte schlichte Bild steht in einem grotesken Gegensatz zur vorhandenen Vielschichtigkeit, in der sich diese 'Grenze aller Grenzen' präsentiert. Nie ist eine Grenze einfach nur linearer Verlauf. Immer und in jeder Hinsicht ist sie soziales Konstrukt und spiegelt als solches die Gesellschaft und schließlich sich selbst. Sie selbst wird zum Medium, das sich durch gelebten Alltag, Kunst und Kulturprojekte genauso verändert wie durch Ökonomie und Politik und nicht zuletzt durch Drogenkartelle, Gewalt und Tod. Zu faszinieren begann die mexikanisch-US-amerikanische Grenzregion ALEXANDER GUTZMER ( 1974) spätestens, als er vor zwei Jahren seinen Lebensmittelpunkt zeitweise nach Mexiko verlegte. Dort lehrt er als Gastprofessor an der Hochschule Tecnológico de Monterrey. Daneben ist der promovierte Kulturwissenschaftler und Diplom-Betriebswirt Chefredakteur des Münchner Architekturmagazins Baumeister und Editorial Director des Verlags Georg D.W. Callwey. Gutzmer lehrt als Professor für Medien und Kommunikation an der Quadriga-Hochschule in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 220
    Erscheinungsdatum: 01.08.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783961960347
    Verlag: kursbuch.edition
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Die Grenze aller Grenzen

Der Verleger
Oscar Cantú

Irgendwann ist einfach mal genug. Das mag sich Oscar Cantú 36 gedacht haben, als er auf der Beerdigung der Journalistin Miroslava Breach deren Tochter ins Gesicht schaute. Tränenüberströmt waren sie zu dem Zeitpunkt beide, er mehr als sie. "Jedenfalls war mir in diesem Moment klar: Wir machen dicht." Wir, das ist die Tageszeitung El Norte in der nordmexikanischen Stadt Ciudad Juárez, deren Gründer und Verleger Cantú war. Und nachdem seine Politikjournalistin am 22. März 2017 vor ihrem Haus auf offener Straße erschossen worden war, als sie ihren Sohn zur Schule bringen wollte - da war für Oscar Cantú die Stunde gekommen, dem kritischen Journalismus in Juárez adiós zu sagen.

Leichtgefallen ist ihm das nicht. Wie auch: El Norte war sein Baby. Eine der wenigen Stimmen im Norden Mexikos, die es mit investigativem Journalismus ernst meinte, die über die verbreitete Korruption berichtete, über Drogenkartelle und deren Aktivitäten entlang der Grenze, die sich aber auch mit den Regierenden anlegte und deren oft zwielichtige Machenschaften anprangerte. "Um genau solche Missstände zu kritisieren, bin ich ja ins Zeitungsgeschäft eingestiegen."

Der Einstieg, das war vor rund 40 Jahren. Die Vorgeschichte zu seinem Verlegertum, die Oscar Cantú mir an einem Wintersonntag in seinem leeren Verlagshaus im Osten von Ciudad Juárez berichtet, hört sich wie ein überdrehter mexikanischer Krimi an. Cantús Vater hatte damals große Ländereien im nördlichen Bundesstaat Chihuahua gekauft. Doch der damalige Gouverneur wollte das Land für sich - oder zumindest einen großen Teil davon. Cantú senior schickte seinen Sohn Oscar zu Verhandlungen in die Provinzhauptstadt Chihuahua. Oscar wollte hart bleiben - logisch. Dann aber kam ein Anruf vom Vater: Unterzeichne die Abtretungsunterlagen sofort. 1500 der insgesamt 2000 Hektar, ohne nennenswerte Entschädigung. Oscar unterschrieb, widerwillig und irritiert. Frustriert fuhr der junge Mann nach Hause nach Juárez zurück. Und erfuhr dort, weshalb der Vater plötzlich weite Teile seines Besitzes abgab: Der Gouverneur hatte seinen Vater zu sich gerufen und signalisiert: Sieh zu, dass dein Sohn drüben in Chihuahua unterschreibt. Sonst ist er tot.

Wahrlich, eine empörende Geschichte. Und eine, die den jungen Oscar, der damals als Rechtsanwalt arbeitete und außerdem im Bauwesen engagiert war, ins Mediengeschäft trieb. "Juárez braucht eine öffentliche Stimme, dachte ich damals." Also gründete er zunächst gemeinsam mit dem damals jungen Besitzer der Zeitung El Universal aus Mexiko-Stadt, Juan Francisco Ealy Ortiz, einen nördlichen Ableger der Hauptstadtpostille. Und weil Ealy Ortiz ihm zu regierungsnah berichten wollte, machte Oscar Cantú im Jahr 1990 schließlich seine eigene Zeitung auf - El Norte eben.

Er wollte das Blatt machen als Schritt im Kampf gegen die Willkür. Klingt heroisch. Und das ist es in Mexiko auch. Immer wieder war seine Zeitung in den vergangenen Jahren attackiert worden. Cantú beweist das, indem er durch die Ausgaben der eigenen Zeitung blättert, die die Attacken dokumentiert haben. Seine Reporter hat man verprügelt, das Verlagsgebäude im Osten von Juárez wurde beschossen. "Schau hier, die Einschusslöcher." Er zeigt sie mir bei einer Tour durchs Gebäude (siehe Bild hinten im Buch).

Freunde aufseiten der Kartelle hat El Norte sich durch ihren kritischen Journalismus nicht gemacht. Wobei - natürlich musste sich auch Oscar Cantú mit deren Macht auseinandersetzen. "Selbstverständlich musst du als Verleger mit diesen Leuten sprechen." Das ist etwas, was aus europäischer Sicht schwer zu verstehen ist: Die Kartelle sind Teil der Lebenswirklichkeit in Mexiko. Ihren Einfluss einfach zu ignorieren wäre naiv - für jeden Unternehmer, aber gerade auch für einen Verleger.

Das Problem: Oscar Cantú und seine Leute dachten eigentlich

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