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Die Ostdeutschen Kunde von einem verlorenen Land von Engler, Wolfgang (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.02.2019
  • Verlag: Aufbau Verlag
eBook (ePUB)
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Die Ostdeutschen

Endlich wieder lieferbar - das Standardwerk zur Mentalitätsgeschichte der Ostdeutschen. Lebendig und präzise schildert Wolfgang Engler, wie die ostdeutsche Gesellschaft in vierzig Jahren DDR das, was von oben in sie eingepflanzt wurde, verarbeitete und umdeutete. Er ergründet, wie die Menschen ihre Würde im Umgang mit der Macht verteidigten und was sie unter Reichtum, Glück und Freiheit verstanden. 'Englers Kunde von einem verlorenen Land ist lesenswert.' Deutsche Welle. Erweiterte und aktualisierte Neuausgabe. Wolfgang Engler, geboren 1952 in Dresden, Soziologe, Dozent an der Schauspielhochschule "Ernst Busch" in Berlin, von 2005 bis 2017 dort Rektor. Langjähriger Lehrbeauftragter an der Universität St. Gallen. Bei Aufbau erschienen "Unerhörte Freiheit. Arbeit und Bildung in Zukunft", "Lüge als Prinzip. Aufrichtigkeit im Kapitalismus", "Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land", "Die Ostdeutschen als Avantgarde" und "Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft". Zuletzt, zusammen mit Jana Hensel, "Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 368
    Erscheinungsdatum: 15.02.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841217455
    Verlag: Aufbau Verlag
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Die Ostdeutschen

Aufbau und Aufstand

Wie die Ostdeutschen in neue Häuser und Städte zogen und über deren richtigen Gebrauch mit ihrer Führung stritten

Der Setzling wird ein Baum.

Der Grundstein wird ein Haus.

Und haben wir erst Haus und Baum

Wird Stadt und Garten draus.

Und weil uns unsere Mütter

Nicht für das Leid geborn

Haben wir alle gemeinsam

Glücklich zu leben geschworn.

Bertolt Brecht

Ziemlich genau zwanzig Jahre, nachdem die Prenzlauer-Berger Schüler ihre Aufsätze geschrieben haben, verlässt eine Ostberliner Lehrerin ihre Arbeitsstelle. Sie durchschreitet in elegantem Kostüm und Absatzschuhen die lichtdurchfluteten Gänge, begibt sich zur freitragenden Treppe und von dort zum Ausgang, einem Portal aus Glas. Draußen besteigt sie den Bus, mit dem sie schließlich, von der Schillingstraße kommend, die Karl-Marx-Allee erreicht. Dort steigt sie aus, wendet sich einem der Neubauten aus den frühen sechziger Jahren zu und verschwindet darin. Das Treppenhaus wiederholt in verkleinertem Maßstab das der Schule, aus der sie kommt, und schlingt sich luftig-filigran nach oben.

In ihrer Wohnung angelangt, betritt die Frau, die kaum älter als dreißig Jahre sein dürfte, zunächst das Wohnzimmer. Das Licht, das durch die großen Fenster dringt, erhellt den weitläufigen Raum und mit ihm die geschmackvolle Einrichtung. Man erkennt einen der Küche zugewandten Essplatz für die Familie, eine freistehende Liege, ein Bücherregal aus dem Baukasten, das sich leicht montieren und verändern lässt, sowie eine Sitzecke mit Kaffeetisch und schlanken Sesseln. Alles ist mit sicherer Hand arrangiert und wirkt dennoch offen, fast provisorisch. Man meint, die Gegenstände könnten jederzeit, wie bei einer Theaterprobe, in Bewegung geraten, die Orte wechseln, um sich der jeweiligen Situation anzupassen.

Gerade weil es in Fluss bleibt, spendet das Leben mit solchen Dingen Freude und Zufriedenheit. Sie dienen nicht der Anschauung oder gar der Repräsentation, sondern dem Gebrauch. Brauchbar zu sein, gebraucht zu werden ist ihre ganze Bedeutung, ihr ganzer Zweck.

Kinderzimmer, Küche, Flur und Bad zeigen denselben funktionalen Zuschnitt. Nichts ist dem Zufall überlassen, und nichts muss so bleiben, wie es ist.

Ihrem Alter nach könnte die Frau, der wir noch einmal begegnen werden, selbst auf den Schulbänken von 1946 gesessen und einen der erwähnten Aufsätze geschrieben haben. Erwachsen und Lehrerin geworden, lebt sie mit ihren Schülern in einer anderen, weitaus erfreulicheren Welt. Sie lebt nicht nur in ihr - sie preist sie auch. Ihre ganze Erscheinung, ihr gesamter Gang vom Schulhaus bis zur eigenen Wohnung verkünden das Ende der alten Zeit und darüber hinaus den Anbruch der Moderne.

Egon Günthers Film Lots Weib aus dem Jahre 1965, dem dieser Auftritt mit lauter Ausrufungszeichen entstammt, ist ein besonders aussagefähiges, jedoch keineswegs isoliertes Dokument des neuen Lebensgefühls. Der Nachkrieg, das zeigen die Bilder, war nun doch zu Ende gegangen, die Vergangenheit zwar nicht vergessen, doch auf Abstand gebracht. Nun, da man sich irgendwie angekommen wähnte, nicht mehr nur unterwegs, überblickte man auch die Stationen, Anläufe, Versuche besser, vom Gestern ins Heute zu gelangen.

Nur ein paar hundert Meter östlich der neuen Karl-Marx-Allee hatte das vormals Neue seine sichtbarsten Spuren hinterlassen - gebautes Unbehagen an der durchgreifenden Modernisierung der Lebensverhältnisse, wie man nun befand; tastender, noch halbblinder Aufbruch; marmorner Stolperstein der städtischen Moderne.

Wer sich selbst auf den Weg macht, vom Frankfurter Tor dem Alexanderplatz entgegen und von dort in Richtung Palast der Republik, wird diese Kritik verstehen, aber auch einordnen können. Er gewinnt darüber hinaus eine geraffte raumzeitliche Vorstellung der einander ablösenden Stadt- und Gesellschaftsvisionen des ostdeutschen Staatswesens.

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