text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Die Perfektionierung des Menschen

  • Verlag: Peter Lang Ltd. International Academic Publishers
eBook (PDF)
30,10 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Die Perfektionierung des Menschen

Die Entwicklung von Methoden für die Herstellung transgener Tiere macht es möglich, auch den Menschen für eine "genetische Verbesserung" ins Auge zu fassen. Die Idee der Perfektionierung des Menschen gerät dadurch wieder ins Zentrum des Interesses, obwohl sie nicht neu ist. Seit dem Altertum ist dieses Ziel immer wieder diskutiert worden. Versuche, es in die Tat umzusetzen, haben häufig mit schrecklichen Folgen geendet. In diesem Buch werden historische Hintergründe, "alternative" Methoden, medizinische, pädagogische und soziologische Aspekte sowie prinzipielle Überlegungen zu dieser Thematik vorgestellt und diskutiert.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 265
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783906766379
    Verlag: Peter Lang Ltd. International Academic Publishers
    Größe: 4739 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Die Perfektionierung des Menschen

Erziehung als Perfektionierung des Menschen (S. 43-44)

JÜRGEN OELKERS

Perfectibilité ist seit ROUSSEAU eine pädagogische Wunschvorstellung. Die Natur des Menschen soll zu ihrem vollen Recht kommen, also unbeeinträchtigt von Gesellschaft und so von Sitte oder Konvention wachsen oder "sich perfektionieren". Im 19. Jahrhundert entstehen daraus Ziele des "neuen Menschen", der sich in Natur und Geist vollständig regenerieren und so vollenden soll. Perfekte Kinder definieren perfekte Erwachsene, die Beziehung beider prägt die Erwartung einer vollendeten Erziehung.

Heute sind diese Erwartungen aufgrund der neuen gentechnischen Möglichkeiten nochmals angewachsen. Es ist dann auch möglich, den perfekten Menschen ohne Erziehung zu denken, die wie eine lästige Randbedingung erscheinen kann und die direkte Veränderung des natürlichen Potentials eher nur behindert. Auch das sind - noch - Wunschvorstellungen, nicht reale Möglichkeiten, zumal es ausgeschlossen sein dürfte, mit dem genetischen Potential auch die Lernfähigkeit des Menschen und so die Richtung des Lebens festzulegen. Interessant aus pädagogischer Sicht ist aber, dass die Wünsche nicht verschwinden.

Offenbar sind perfekte Kinder als "Potential" für den perfekten Erwachsenen Zieloptionen, die nachhaltig wirksam sind und sozusagen nur auf ihre technische Realisierung zu warten scheinen. Ich werde im Folgenden auf die Geschichte und Gegenwart dieses Wunsches eingehen, ohne das Thema des "Menschenparks" zu berühren.

Wie kann das "perfekte Kind" gedacht werden? Menschen sind nicht perfekt, Kinder auch nicht, wie können sie dann aber so erscheinen? Am Ende des 19. Jahrhunderts werden zwei Sichtweisen gestärkt, die die traditionelle Erziehungsutopie überwinden, aus denen sich also reale Optionen für den "neuen Menschen" abzuleiten scheinen. Die eine Sichtweise ist biologisch, die andere spirituell, die zweite reagiert auf die erste, nämlich macht geltend, dass der Mensch nicht rein biologisch erfasst, vielmehr nur in seinem geistigen Sein vollendet werden könne.

Mit der ersten Sichtweise werde ich beginnen. Sie hat zu tun mit einem folgenreichen Appell, der das 20. Jahrhundert ganz in den Dienst des Kindes stellen wollte und zu einer vielzitierten Referenz der internationalen Reformpädagogik wurde (1). Hier geht es um biologische Perfektion. In Vollendung näher ein, das als Gegenkonzept zur Perfektion der Natur verstanden wurde (2). Abschliessend komme ich auf den Zusammenhang von Pathos und Lächerlichkeit der Perfektionsidee zu sprechen. Offenbar fällt die Erziehung des "neuen Menschen" aus grosser Höhe auf die Nase, wenn einzig der Wunsch der Vater des Gedankens ist (3).

1. Biologische Perfektion

Im Dezember 1900 erschien die schwedische Originalausgabe von ELLEN KEYS Buch Das Jahrhundert des Kindes1. Diese Streitschrift für das Kind und gegen die alte Erziehung löste in Skandinavien und Europa, besonders im Wilhelminischen Deutschland, heftige Reaktionen aus, die einen "radikalen Utopismus" (NORSTRÖM 1907) bekämpfen wollten und den "pädagogischen Anarchismus" als Schlüsselgefahr der Zukunft ansahen (WENDLING 1913). Aber der Punkt war ein Perfektionierungsprogramm und nicht nur eine antiautoritäre Provokation. Gemeint war eine Erziehung, die sich einzig und strikt am Kind orientieren wollte.

Für diese Richtung stand das Buch von ELLEN KEY, das in einem folgenreichen Slogan verdichtet, was die "neue Erziehung" zu Beginn des Jahrhunderts wollte und was sie von der alten unterschied. Das "Jahrhundert des Kindes " war eine so starke Provokation, dass selbst der einflussreichste deutsche pädagogische Publizist FRIEDRICH PAULSEN2, nicht umhin konnte, einen dramatischen Verlust von Sittlichkeit zu beschwören, falls dieses Jahrhundert so enden würde, wie ELLEN KEY es vorhergesehen hatte (PAULSEN 1908).

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen