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Die Rückkehr der Diener Das neue Bürgertum und sein Personal von Bartmann, Christoph (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.08.2016
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Die Rückkehr der Diener

Hauspersonal? Diener? Bei uns doch nicht! Mit Verlaub, wir leben im 21. Jahrhundert. Gut, da gibt es die Polin, die die Wohnung putzt. Die Einkäufe trägt der Bote die Treppe hoch, und abends kommt der erstklassige Lieferdienst mit dem Essen. Anders sind Arbeit und Privatleben doch gar nicht zu schaffen. Dass unser Alltag von Computern abhängt, stimmt nur zur Hälfte. Für Haushalt, Kinderbetreuung und Pflege suchen wir uns - am einfachsten im Internet - Personal. Und so entsteht parallel zur digitalisierten Welt eine neue Klasse schlecht bezahlter Helfer. Christoph Bartmann richtet seinen scharfen und provokanten Blick auf ein neofeudales Bürgertum, das mit sozialer Spaltung offenbar gut leben kann.

Christoph Bartmann, geboren 1955, studierte Germanistik und Geschichte. Seit 1988 Mitarbeiter des Goethe-Instituts, u.a. in München, Prag und Kopenhagen, seit 2011 als Direktor in New York, ab 2016 in Warschau, außerdem regelmäßiger Rezensent in der Süddeutschen Zeitung. Im Carl Hanser Verlag erschienen: Leben im Büro. Die schöne neue Welt der Angestellten (2012) und Die Rückkehr der Diener. Das neue Bürgertum und sein Personal (2016).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 22.08.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446254244
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 3608 kBytes
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Die Rückkehr der Diener

1
Domestic New York.
Einblicke in die Servicewelt

In der Lobby

Eine ganze Weile wohnen wir nun schon auf Manhattans Upper West Side, in einem Apartmenthaus am Broadway, das Komfort oder sogar Luxus verspricht, wie tausende andere Häuser in dieser Stadt auch. Unser Haus ist eines jener typischen Wohnhotels, das manche Leute als Lebensoption rundherum ablehnen. Ihnen widerstrebt diese Variante des betreuten Wohnens, das gewährleistet wird von einer vielköpfigen Besatzung aus Portiers, Rezeptionisten, Hausmeistern und sonstigen helfenden Händen. Rund um die Uhr werden hier die Mieter freundlich überwacht. Vielerlei Wünsche werden einem erfüllt, es wird einem ungefragt die Tür aufgehalten, Koffer und Pakete werden bei Bedarf in die Wohnung getragen. Zum Standard gehören meist auch ein Kinderspielraum, ein Gym, ein Swimmingpool, eine Dachterrasse - in besseren Häusern dann auch vielleicht noch ein Zen-Meditationsraum, eine Squashhalle oder eine Bibliothek, Dinge, nach denen man nicht unbedingt verlangt hat, die aber das Leben unter Umständen angenehmer machen und die natürlich in der Miete inbegriffen sind. Fast fühlt man sich gelegentlich an Bord eines Kreuzfahrtschiffes versetzt, nur verbringen wir hier nicht die schönsten Wochen des Jahres, sondern das halbe Leben. Dieses weit verbreitete New Yorker Komfortwohnen verträgt sich nur schlecht mit deutschen Vorstellungen von Autonomie und Selbermachen. Man wird hier dauernd an die Hand genommen und freundlich bevormundet, und man lässt es sich gefallen, weil ja das Leben draußen angeblich schon hart genug ist.

Am frühen Morgen versammeln sich im Eingangsbereich schon die häuslichen Helferinnen, die Kinder- und Zugehfrauen, Reinigungs- und Pflegekräfte, um dann bald mit der Arbeit anzufangen. Es sind keine Dienstmädchen in einem traditionellen Sinn, sondern häusliche Servicekräfte eines neuen Typs. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen am Eingang, dauernd bringen Kuriere und Boten Lieferungen ins Haus, Amazon-Pakete, Wäsche aus der Reinigung, Plastiktaschen mit bestelltem Essen und Kartons mit Lebensmitteln. Die weiblichen Servicekräfte arbeiten meistens im Haus, die Männer bringen die Sachen ins Haus. In der großen Mehrzahl handelt es sich bei diesen Arbeitskräften um Latinos , ein Sammelname für alle, die meistens aus Mexiko und Zentralamerika kommen, die hier leben, oft ohne Dokumente, oder die auf schwer nachvollziehbare Weise zwischen New York und ihren Herkunftsländern zirkulieren.

Die in Haushalten arbeitenden Personen nennt man hier domestic workers , auf Deutsch "Hausarbeiter". Das früher übliche Wort "Hausangestellte" scheint hier fehl am Platz. Die Unterscheidung zwischen Arbeitern und Angestellten ist ohnehin unbekannt, und außerdem sind hier die wenigsten tatsächlich angestellt, jedenfalls nicht bei ihren Kunden. Bezahlte Hausarbeit leisten aber auch die Männer, wenn sie Kurierdienste verrichten. Ihre Arbeit findet nicht im Haushalt statt, aber sie ist haushalts nah . Auch wenn sie unsere Wohnungen selten betreten und wir sie persönlich kaum kennen, gehören sie zum weiteren Kreis unseres Personals.

Anfangs fanden wir die Vielfalt des hiesigen Serviceangebots irritierend, ja beinahe obszön. Es fühlt sich nicht gut an, wenn einem permanent von Serviceleuten, zudem mit Migrationshintergrund, geholfen und assistiert wird, und das bei Verrichtungen, die man gut auch selbst erledigen könnte. Wir würden uns lieber mehr selbst helfen. Wir sind auch kulturell ungeübt darin, laufend käufliche Dienste in Anspruch zu nehmen. Als Kindern hat man uns beigebracht, möglichst alles abzuwehren, was auch nur von ferne als "verwöhnt" gelten könnte. In dieser Kindheitswelt gab es nicht viel, was nach Service aussah. Auf ersten Reisen in den Süden beeindruckten auf den Straßen und Plätzen die gewerbsmäßigen Schuhputzer, die lautstark um Kunden warben. Hätte man sich dort jemals d

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