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Die Reise zum Riss Berichte aus einem gespaltenen Land von Maxwill, Peter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.08.2019
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
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Die Reise zum Riss

Es hat sich etwas verändert in Deutschland: Populisten, die durch Innenstädte und in Parlamente ziehen. Flüchtlinge, die in Dörfern und Städten ein neues Leben anfangen. Extremisten, die Asylunterkünfte anzünden oder vermeintlich Ungläubige angreifen. Und Menschen, die mit diesen Veränderungen umgehen müssen. Welche Bedeutung haben diese Veränderungen im Alltag der Deutschen? Wie engagiert sich eine Kellnerin im sächsischen Freital gegen Rassismus? Wie geht der Standesbeamte aus Bocholt mit anonymem Hass um? Peter Maxwill reist seit 2015 für SPIEGEL ONLINE durch die Republik und sammelt Geschichten über Deutschland. Es sind Geschichten aus einem zerrissenen Land inmitten einer kollektiven Identitätskrise. Peter Maxwill, Jahrgang 1987, ist Redakteur und Reporter bei SPIEGEL ONLINE. Er studierte Germanistik und Geschichtswissenschaft in Münster, Hamburg und Rom, absolvierte eine Journalistenausbildung in München und arbeitete sieben Jahre lang als Lokalreporter für die 'Westfälischen Nachrichten'. Nach Stationen bei der 'Frankfurter Allgemeinen', beim WDR und bei mehreren Nachrichtenagenturen kam er Anfang 2015 zu SPIEGEL ONLINE, wo er sich seither vor allem mit Geschichten über Diskriminierung, Rechtsruck, und die Spaltung der Gesellschaft beschäftigt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 30.08.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843721431
    Verlag: Ullstein
    Größe: 7632 kBytes
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Die Reise zum Riss

Freital: Ein Spalt entsteht

Der Typ steht da mit seiner Fahne, als wolle er sie gleich vor den Augen eines Millionenpublikums in die Mondoberfläche rammen. Dazu dürfte es allerdings an einigem mangeln: Statt eines Astronautenanzugs trägt dieser grimmig dreinschauende Hüne ein graues Jäckchen zum grauen Haar. Und er steht auch nicht auf dem staubigen Untergrund des Mondes - sondern im sächsischen Freital, in einer Straße namens Am Langen Rain.

Das Sonderbarste an dieser Erscheinung aber ist die Fahne. Die spaltet eine schnurgerade Diagonale in zwei gleich große Dreiecke: auf der einen Seite die russischen Nationalfarben, auf der anderen drei Balken in Schwarz-Rot-Gold. Könnte ein Symbol der deutsch-russischen Völkerverständigung sein. Verständigung steht an diesem Sommerabend allerdings nicht auf der Tagesordnung, und um Russland geht es schon gar nicht.

Stattdessen brüllen die Leute rund um den Fahnenmann: "Kriminelle Ausländer - raus, raus, raus!" Das gilt der anderen Gruppe, die keine fünfundzwanzig Meter entfernt steht. Flüchtlingshelfer und linke Aktivisten. Ein Mann mit Bierbauch und Spiegelreflexkamera schiebt sich in die erste Reihe, fotografiert die Flaggentruppe, von denen einige mit ausgestrecktem Mittelfinger und grimmiger Mimik fürs Foto posieren. Eine Frau in der ersten Reihe, Typ Rugby-Bezirksmeisterin, ruft dem Fotografen zu: "Deine Fresse merk ich mir!"

Freital ist an diesem 24. Juni 2015 ein ziemlich ungemütlicher Ort. Schon seit einigen Wochen debattiert das sächsische Städtchen über ein Flüchtlingsheim, in diesen Tagen eskaliert der Streit. Das hysterische Treiben rund um den blassgelben DDR-Bau mit dem irreführenden Namen Hotel Leonardo veranschaulicht, wie sich in diesem Sommer das Land verändert. Wie Hass entsteht, wie alte Konflikte aufbrechen, wie eine Gesellschaft sich in Grüppchen aufteilt.

Freital, im sächsischen Behördenjargon "Große Kreisstadt", hat 39547 Einwohner, fünfzehn Ortsteile, vier S-Bahnhöfe, knapp neun Prozent Arbeitslose. Wer mit dem Zug aus Richtung Dresden anreist, fährt durch einen seltsam gleichförmigen Ort, der sich in ein enges Tal drängt.

Das Hotel Leonardo liegt in Freital dort, wo andernorts Schlösser, Siegesdenkmäler oder Burgruinen stehen. Auf einem flachen Hügel, den man wahlweise über eine serpentinenartige Straße oder nicht enden wollende Treppen erreicht, thront dieser trostlose Bau über der Stadt. Einige Stunden vor dem wütenden Aufmarsch unterhalten sich vor dem Haupteingang ein paar Asylsuchende, vom Bolzplatz hinterm Haus hallt Kindergeschrei. Diese Menschen also sind das Problem.

Jedenfalls aus Sicht von Leuten wie Lutz Bachmann.

Bachmann gehört zu denjenigen, die den Protest gegen die Bewohner des Leonardo organisieren. Ein paar Hundert Zuwanderer sollen in diesen Tagen aus provisorischen Zelten in Chemnitz nach Freital umziehen. Viele im Ort wollen das nicht hinnehmen, sie fühlen sich von den Behörden übergangen. Bachmann weiß diese Wut zu kanalisieren und auf die Straße zu bringen, er ist einer der Mitbegründer der Dresdner Pegida-Demonstrationen. In Freital organisiert sich der Protest zunächst in sozialen Netzwerken, unter Namen wie "Freital wehrt sich" und "Widerstand Freital". Eine Gruppe nennt sich "Frigida". Dass das eher an das Wort "frigide" erinnert als an eine Mischung aus Freital und Pegida, fällt offenbar niemandem auf.

Aus dem Internet schwappte die Wut schließlich auf die Straße, seit zwei Tagen ziehen nun Menschen abends zum Leonardo - und seit zwei Tagen kommen auch Gegendemonstranten. An diesem Mittwoch geht es um viel für beide Seiten, von Freital soll ein Zeichen ausgehen. Die vorerst letzten fünfzig Asylsuchenden werden erwartet, ihnen wollen beide Parteien einen Empfang bereiten. Hässlich soll er aus Sicht der einen sein, herzlich aus Sicht der anderen.

Die Befürworter der Flüchtlingsunterkunft hat eine Frau zusammengetrommelt, die sich schon a

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