text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Draußen Reportagen vom Rand der Gesellschaft

  • Erscheinungsdatum: 30.11.2012
  • Verlag: Redline Verlag
eBook (ePUB)
2,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Draußen

Hartz IV mag der Tiefpunkt des Sozialstaats sein - markiert aber noch lange nicht den untersten Rand der Gesellschaft. Abseits unserer bürgerlichen Gesellschaft existieren Menschen, einzeln oder in Gruppen, die in einem eigenen Kosmos dahinvegetieren und allein auf sich gestellt sind. Keine Behörde ist oder fühlt sich zuständig oder kümmert sich gar um sie. Neben Obdachlosen, Drogenabhängigen und Kriminellen gibt es Subwelten wie den Arbeitsstrich oder mafiaähnliche Clans von Vietnamesen, Arabern und anderen ethnischen Gruppen, die nach eigenen Gesetzen leben. Auch die Zahl der Alten, die ohne Kontakt zu staatlichen Institutionen ihr Dasein fristen, steigt ständig. All diese Menschen machen eines deutlich: Die Maschen des sozialen Netzes werden immer größer. Es ist höchste Zeit, genau hinzusehen statt wegzuschauen. Der mehrfach ausgezeichnete Journalist Detlef Vetten hat nicht nur hingesehen, sondern am eigenen Leib mitgespürt und erlebt. Er hat sich auf die Suche nach den verschiedenen unbekannten Welten gemacht und ist in mehreren Selbstversuchen in diese unbekannten Parallelwelten eingetaucht. Er hat Menschen getroffen, die ein Leben führen, wie wir es uns nicht ausmalen wollen. Das Ergebnis sind Porträts von Menschen und von ihrer Lebenswelt am Rande dessen, was wir ertragen - und ein eindringliches Plädoyer für mehr Solidarität in unserer Gesellschaft.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 220
    Erscheinungsdatum: 30.11.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783864144370
    Verlag: Redline Verlag
    Größe: 511 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Draußen

Deutschland umsonst -
Von Michael Holzach

Die Reportage von Michael Holzach ist ein Klassiker des deutschen Journalismus. Im Jahr 1982 wanderte er zu Fuß und ohne Geld von Hamburg an den Bodensee und zurück, nur begleitet von seinem Hund Feldmann. Holzach war Reporter bei der Zeit und schrieb über soziale Themen. Sein Buch Deutschland umsonst. Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland (Hoffman & Campe), aus dem hier folgende Auszug stammt, erzählt davon. Als der ungewöhnliche Reisebericht 1983 verfilmt werden sollte, stürzte Feldmann in Dortmund-Dorstfeld in die Emscher. Michael Holzach sprang ihm nach und ertrank. Er wurde 36 Jahre alt. In seinem Buch nennt er die Emscher "mein Totenreich".

Erleichtert lasse ich die Beine fliegen, der Rucksack tanzt mir auf dem Rücken, Feldmann schießt aufgekratzt durch das Bergische Land. Es geht durch enge, geduckte Täler, über kleine, gedrungene Hügel, durch Wälder und Felder. Tiefe Wolkenbänke entladen sich immer wieder mit solcher Heftigkeit, dass mir das Wasser aus dem Bart läuft. Dann hellt es wieder auf, die Wälder beginnen zu schwitzen und dampfen in dichten Nebelschwaden die Nässe aus sich heraus. Laut Bibel hat die Sintflut vierzig Tage gedauert - diesmal scheint es der liebe Gott in der halben Zeit zu schaffen, denn das Land ertrinkt. Die Kühe stehen bis zum Euter im Morast, der einmal Weide war, feuchtes Getreide läßt die Köpfe schwer hängen, schwarze Heuhaufen faulen zu Kompost, überreife Wiesen sind längst fällig für den ersten Schnitt - es muss bald Juli sein!

In den Gärten der Bauern stehen Pfützen, groß wie Seen, die grünen Erdbeeren liegen im Dreck, die Kirschen platzen unreif an den Bäumen. Ein Anblick des Jammers. Wie sehr habe ich mich aufs Erdbeer- und Kirschenklauen gefreut. Allein die Johannisbeeren schaffen es, weiß der Himmel wie, auch ohne Sonne süß zu werden. Von ihnen vor allem ernähre ich mich tagelang, sie geben zwar wenig Kraft, dafür aber genügend Vitamine, um mir in diesem Wetter die Grippe vom Hals zu halten. Bei Übersetzig überquere ich die Sieg. Auf der Brücke reizt es mich sehr, einen hohen Regenbogen in den Fluß zu pinkeln. Wegen des Hochwassers lass ich es dann doch lieber bleiben, denn aus mir soll der Tropfen nicht kommen, der das Gewässer zum Überlaufen bringt. Dafür hebt Feldmann, als sei's Gedankenübertragung, hier über der Sieg zum ersten Mal in seinem Leben das Bein. Statt wie eine Hündin in die Hocke zu gehen, steht er nun auf drei wackeligen Beinen, grätscht das vierte im stumpfen Winkel weg und fünf, sechs Spritzer verfehlen die Brückenlaterne nur knapp. Ich bin stolz auf meinen Hund! Seit ich ihn aus dem Tierasyl befreit habe, hat er sich auch sonst gut entwickelt, die Brust ist trotz der schlechten Ernährung breiter geworden, das Fell dichter und mit der wachsenden Kraft hat auch das Selbstvertrauen zugenommen. Seine Ausflüge in die Wälder sind keine scheuen Erkundungsgänge mehr wie früher, als er sich alle zehn Schritte hilfesuchend nach mir umsah, selbstständig stöbert er heute durch die Gegend, den Schwanz aufrecht wie eine Standarte. Kein Gatter ist ihm zu hoch, kein Graben zu breit, ich muss manchmal energisch mein "Feldmann, Fuuuß!" brüllen, bis er sich widerwillig dazu durchringt, von einem fliehenden Hasen abzulassen, dem er jaulend und japsend auf den Fersen war.

Je weiter wir nach Süden gehen, desto einsamer wird das Land. Die Großstädte sind fern, die Dörfer ärmlich und damit in meinen Augen schön. Die Bewohner scheinen kein Geld zu haben, um ihre alten Fachwerkhäuser abzureißen oder mit Eternitplatten zu verschandeln, Supermärkte, Selbstbedienungstankstellen, selbst die fahnengeschmückten Niederlassungen der Japanautos fehlen meist und die Kreissparkasse ist nur mit einer unscheinbaren Haltestelle für den Geldbus vertreten, der einmal in der Woche hier die Runde mac

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen

    ALDI life eBooks: Die perfekte App zum Lesen von eBooks.

    Hier finden Sie alle Ihre eBooks und viele praktische Lesefunktionen.