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Dreamland Deutschland? Das erste Jahr nach der Flucht. Zwei Brüder aus Syrien erzählen von Rietzschel, Antonie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.05.2016
  • Verlag: Carl Hanser Fachbuchverlag
eBook (ePUB)
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Dreamland Deutschland?

Yousef und Mohanad, zwei Brüder aus Syrien, haben es geschafft. Ein Jahr lang sind sie nun in Deutschland. Antonie Rietzschel hat sie von Anfang an begleitet: Sie hat dabei erlebt, was passiert, wenn Debatten um Flüchtlinge und Willkommenskultur auf das echte Leben treffen. Wie wird man Teil der deutschen Gesellschaft? Wie lebt man weiter, wenn die Familie noch immer im Kriegsgebiet ist? Die Brüder erzählen, wie sie um das Bleiberecht kämpfen mussten, Unterstützung bekamen und den Rechtsruck erlebten. Dabei sprechen sie nicht nur für sich selbst. Denn was als Ausnahmezustand begann, wird unsere Gesellschaft nachhaltig verändern. Das eindrucksvolle Porträt des Einwanderungslandes Deutschland im Jahr 2016.

Antonie Rietzschel ist Berlin-Korrespondentin von SZ.de. Sie wuchs in einem kleinen Dorf nahe der Sächsischen Schweiz auf, einer Region, die lange durch Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus geprägt war. Durch ihre persönlichen Erfahrungen bildet dieses Thema heute den Schwerpunkt ihrer mehrfach ausgezeichneten journalistischen Arbeit.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 200
    Erscheinungsdatum: 09.05.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446448193
    Verlag: Carl Hanser Fachbuchverlag
    Größe: 4341 kBytes
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Dreamland Deutschland?

EINS Zwei Leben

Das kleine Mädchen dreht sich um sich selbst - immer und immer wieder. Ihr weißes Kleid fliegt hoch. Sie wackelt mit den Hüften zu der treibenden arabischen Musik im Hintergrund. Zum Schluss formen die kleinen Finger ein Herz. Ihre Augen schauen in die Kamera, als würden sie darin einen geliebten Menschen erblicken. Drei Jahre ist es her, dass Yousef seine kleine Schwester das letzte Mal gesehen hat. Bevor er sich verstecken und schließlich fliehen musste. Jetzt kann er ihr nur noch per Handy beim Aufwachsen zusehen. Die Familie schickt per WhatsApp und Facebook Videos und Fotos, die er sich gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Mohanad in Dauerschleife anschaut.

Wer Mohanad und Yousef zusammen sieht, würde nicht vermuten, dass sie Geschwister sind. Mohanad mit dem roten dichten Haar und der hellen Haut. Die rehbraunen Augen hat er von seiner Mutter geerbt, genau wie die vollen Lippen. Yousefs Augen sind fast so schwarz wie das dünne Haar auf seinem Kopf. Seine Haut ist dunkler. Er ist größer als sein jüngerer Bruder und schmaler. Auch sonst sind die beiden sehr unterschiedlich - das war schon in ihrer Kindheit so, die sie in den Neunzigerjahren in der syrischen Hauptstadt Damaskus verbracht haben.

Zu Hause sind sie zunächst zu fünft, Vater, Mutter und drei Söhne. Der Vater ist beruflich viel unterwegs, manchmal wochenlang. Die Mutter kümmert sich um den Haushalt, backt schon frühmorgens frisches Brot. Kommen die Kinder aus der Schule, steht das Essen auf dem Tisch. Wenn Mohanad daran denkt, schließt er die Augen und zieht die Luft durch die Nase, als könne er dadurch die Gerüche von damals zurückholen.

Die Mutter ist für die Brüder die wichtigste Bezugsperson. Mohanad ist als Jüngster ihr absoluter Liebling. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr schläft er neben ihr im Bett. Beim Essen hat er einen festen Platz neben seiner Mutter. Selbst als junger Mann bekommt er extra Küsschen und Umarmungen. Mehr als Yousef, obwohl der nur zwei Jähre älter ist als Mohanad. Das ändert sich auch nicht, als die Schwestern zur Welt kommen. Ist die Mutter krank, müssen die Geschwister den Haushalt schmeißen. Nur der zierliche Mohanad darf neben ihr sitzen und ihre Hand streicheln.

Auch der Vater bevorzugt Mohanad. Als er nach langer Zeit mal wieder nach Hause kommt, legt er sich zum Mittagsschlaf nieder. Die Kinder wissen, dass sie ihn nicht stören dürfen. Der älteste Bruder setzt sich still an den Tisch, um zu lernen - doch Mohanad und Yousef toben herum. Der Vater kann bei dem Krach nicht schlafen. Er öffnet die Tür zum Wohnzimmer, sieht die beiden spielenden Jungen. Er gibt Yousef, aber auch dem ältesten Sohn eine Ohrfeige. Mohanad bleibt verschont. Eifersüchtig auf die Sonderbehandlung ist Yousef jedoch nicht. Draußen auf der Straße wird er sogar zum Beschützer seines schwächlichen Bruders. Als er hört, Mohanad werde von einigen Jungs in der Schule geärgert, verprügelt er sie.

Yousef, der Ältere, ist ein Rabauke, verteidigt nicht nur seinen kleinen Bruder, sondern auch Freunde. Er ist ein nachlässiges Kind, verliert ständig das Halstuch seiner Schuluniform. Die Lehrer mögen ihn nicht besonders. Eine Lehrerin fragt im Scherz, was sie tun müsse, damit er nicht mehr zu ihr in den Unterricht komme. Mohanad ist dagegen ein ruhiger und fleißiger Schüler. Er gehört zu den Besten seines Jahrgangs.

Dass die Kinder gute Leistungen erbringen, ist besonders dem Vater wichtig. Er schärft ihnen ein, dass sie es als sunnitische Muslime immer schwerer haben werden als die Alawiten. Die Assads selbst gehören dieser religiösen Minderheit an. Seit der Machtergreifung durch Hafiz al-Assad im Jahr 1970 haben vor allem die Alawiten profitiert. Bei der Besetzung wichtiger Posten werden sie stets gegenüber anderen religiösen Gruppen bevorzugt. Der Vater macht den Kindern Druck, ordentlich zu lernen, damit sie eines Tages studieren können.

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