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Eisenkinder Die stille Wut der Wendegeneration von Rennefanz, Sabine (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.03.2013
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag
eBook (ePUB)
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Eisenkinder

Ein bisher ungeschriebenes Kapitel der Nachwendezeit.

Im Herbst 2011 wurde bekannt, dass drei rechtsradikale Terroristen zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen ermordeten. Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe kamen aus Jena, sind etwa genauso alt wie Sabine Rennefanz, die in Eisenhüttenstadt ihr Abitur machte. Sie kommen aus gleichen Milieus und aus einer Generation: Sabine Rennefanz und die Mörder der Zwickauer Zelle. Ihre Leben könnten unterschiedlicher nicht sein. Und doch stellt sich Sabine Rennefanz die Frage: Ist da nicht etwas, was sie selbst mit Menschen wie Uwe Mundlos verbindet, ob sie es will oder nicht?

Dieser Frage spürt Sabine Rennefanz in ihrem Buch nach - ihrer Jugend in Eisenhüttenstadt, ihrem Leben nach der Wende in Hamburg, wo sie sich, wie sie heute sagt, "in eine seltsame Richtung" entwickelte und schließlich als Missionarin für eine evangelikale Sekte nach Russland ging. Ihre Spurensuche lässt Sabine Rennefanz entdecken, wie sehr sie damals von einem radikalen Gefühl beherrscht wurde, das in ihr gärte, das sie dazu brachte, in einen Kreuzzug gegen den Westen zu ziehen, das sie bleich werden ließ in Diskussionen mit West-Deutschen, das sie ihren Eltern entfremdete. Ein Dreibuchstabenwort: WUT. Eine unterschwellige, stille, heimliche Wut. Heute weiß Sabine Rennefanz: Es war nicht nur ihre Wut, sondern die Wut einer Generation. Sabine Rennefanz unternimmt eine Reise in die Nachwendezeit, die sich bis ins Heute spannt. Sie erzählt von einer jungen Frau, die damals den Halt verlor und anfällig wurde für radikale Ideen. Immerzu sucht sie dabei nach Verbindungen zu anderen, die abdrifteten. Sie will etwas über sich erfahren. Und über ihre Generation: die Eisenkinder.

Sabine Rennefanz, 1974 in Beeskow geboren, arbeitet als Redakteurin für die 'Berliner Zeitung' und wurde für ihre Arbeit u.a. mit dem Theodor-Wolff-Preis und dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet. Ihr erstes Buch, 'Eisenkinder', stand mehrere Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 272
    Erscheinungsdatum: 11.03.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641092238
    Verlag: Luchterhand Literaturverlag
    Größe: 917 kBytes
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Eisenkinder

Die Aktivisten

Ich verlasse die Autobahn vor der polnischen Grenze und biege auf eine Landstraße. Sie führt durch Dörfer, vorbei an endlosen Feldern und Kiefernwäldern. Es gibt schönere Bäume als Kiefern, aber sie wachsen gut auf den Sandböden, sie sind anspruchslos, widerstandsfähig, so wie man sein muss, um es hier auszuhalten. Das gilt auch für die Menschen. Die Natur ist sparsam in dem, was sie gibt. Vierzig, fünfzig Meter schießen sie hoch, dürre Stangen, von denen man meint, der Wind müsste sie umreißen.

Schneller als erwartet finde ich mich mitten in der Stadt wieder, die vor vielen Jahren aus den Sandböden gestampft wurde. Eine Vorzeigestadt des neuen Staats. Hier sollte nach dem Krieg der neue Mensch geformt werden, der siegessicher und stolz in eine bessere Zukunft marschiert, in der Ausbeutung und Unterdrückung überwunden sind. Die erste sozialistische Stadt, so nannten sie Eisenhüttenstadt.

Ich passiere einen Betonklotz, der auch in Bukarest oder Warschau stehen könnte, davor informiert ein Schild, dass es sich um ein Hotel mit dem Namen "Berlin" handelt. Früher hieß das beste Hotel in Eisenhüttenstadt "Lunik", nach der Mondsonde. Jetzt begnügt man sich mit der Hauptstadt. Auf der anderen Straßenseite steht eine Reihe schmuckloser Wohnblöcke, sie sehen so aus, wie man sich heute die ganze DDR vorstellt. Grau und verwittert, sozialistische Tristesse. Ein Fenster steht offen, daraus hängt eine Deutschlandfahne mit einem Adler. Ich überlege, wofür das Gebäude des "Hotel Berlin" früher genutzt wurde. Ein Arbeiterwohnheim? Eine Berufsschule? Es ist lange her, dass ich in Eisenhüttenstadt gelebt habe. Ich habe die Stadt 1993 verlassen und wollte nie wieder zurück. Eigentlich.

In Eisenhüttenstadt endete meine Kindheit. Ich habe hier gelebt, während der Staat zusammenbrach. Von der Utopie blieben nur die Trümmer. Nicht wie nach 1945, so schlimm nicht, denn die Trümmer waren nicht sichtbar, aber ein bisschen wie ein Nachkriegskind konnte man sich schon fühlen.

Ich nehme die Abbiegung in die Leninallee, die jetzt anders heißt. Lindenallee. Da haben sie nicht gezögert, die Straßen wurden als Erstes umbenannt. Schilder lassen sich schnell ändern. Ich habe den neuen Namen schnell wieder vergessen, er war so auswechselbar, für mich bleibt es die Leninallee.

Die Leninallee ist breit wie eine Flugschneise, links und rechts erheben sich Wohnblöcke. Die Zeit scheint in den vergangenen zwanzig Jahren stillgestanden zu haben. Alles sieht so aus wie damals, als ich mit meinem Dacia die Allee auf und ab fuhr. Nur etwas stimmt nicht.

Wo sind die Menschen hin? Giftgas? Ein Bombenanschlag? Ein Erdbeben? Die Leere lässt die Architektur noch bombastischer wirken. Die Einwohnerzahl Eisenhüttenstadts hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren fast halbiert, noch dreißigtausend Menschen leben in der Stadt. Bis zum Jahr 2030 sollen es einer Studie zufolge zwanzigtausend sein.

Das Stahlwerk, für das die Stadt erfunden wurde, gibt es noch. Es wird inzwischen von ArcelorMittal betrieben und gehört zum Imperium des britisch-indischen Milliardärs Lakshmi Mittal. Es heißt, er möge Eisenhüttenstadt. Ausländer mögen die Stadt meistens. Sie sind hier nicht aufgewachsen. Von 12 000 Beschäftigten des Stahlwerks EKO sind rund 3000 übrig geblieben.

Auch in der alten Ladenzeile haben ein paar Geschäfte überlebt. Es ist Sonntag, sie sind bis auf den Bäcker, der auch Kaffee anbietet, geschlossen. Es gibt eine Boutique, die "Mode für alle Anlässe" in großen Größen verka

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