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Es gibt keine kulturelle Identität Wir verteidigen die Ressourcen einer Kultur von Jullien, François (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.10.2017
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Es gibt keine kulturelle Identität

In der globalisierten Welt geht die Angst vor einem Verlust der kulturellen Identität um, und fast überall formieren sich die selbsterklärten Retter: In Frankreich gibt Marine Le Pen vor, sie "im Namen des Volkes" zu verteidigen, die AfD fordert in ihrem Grundsatzprogramm "deutsche Leitkultur statt Multikulturalismus", und die Identitäre Bewegung ruft gleich in mehreren Ländern mit aggressiven Aktionen zur ihrer Bewahrung auf. Doch gibt es überhaupt so etwas wie eine kulturelle Identität? In seinem neuen Buch zeigt François Jullien, dass dieser Glaube eine Illusion ist. Das Wesen der Kultur, so Jullien, ist die Veränderung. Er plädiert dafür, Bräuche, Traditionen oder eine gemeinsame Sprache als Ressourcen zu begreifen, die prinzipiell allen zur Verfügung stehen . François Jullien, geboren 1951 in Embrun, ist Philosoph und Sinologe. Er war unter anderem Direktor des Collège international de philosophie und Professor an der Universität Paris-Diderot. Für sein Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2010 mit dem Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 80
    Erscheinungsdatum: 09.10.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518754849
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1299 kBytes
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Es gibt keine kulturelle Identität

I.
Das Universelle, das Gleichförmige, das Gemeinsame

Um in diese Debatte einzusteigen, muss man zunächst die Termini präzisieren, sonst kommt man nicht voran. Beginnen wir mit den rivalisierenden Begriffen, die ich eben genannt habe: das Universelle, das Gleichförmige und das Gemeinsame. Wir müssen der Gefahr entgehen, sie miteinander zu verwechseln, und sie zugleich von den Zweideutigkeiten reinigen, die jeden von ihnen beflecken. Das Universelle , das die Spitze dieses Dreiecks bildet, hat wiederum selbst zwei Bedeutungen, die wir voneinander unterscheiden müssen, da man sonst weder versteht, woher seine Schärfe rührt, noch, was damit für die Gesellschaft auf dem Spiel steht. Da ist einerseits eine konstative, man könnte sagen schwache Bedeutung, die sich auf die Erfahrung beschränkt: Soweit wir bisher beobachten konnten, stellen wir fest, dass etwas immer so gewesen ist. In diesem Sinne bezieht sich der Begriff auf das Allgemeine, er bereitet keine Probleme und tut niemandem weh. Das Universelle besitzt jedoch auch eine starke Bedeutung, nämlich die der universellen Gültigkeit im genauen oder strengen Sinn - sie ist es, woraus wir, hier in Europa, eine Forderung des Denkens gemacht haben: Wir behaupten von vornherein, noch vor aller Bestätigung durch die Erfahrung (ja sogar bewusst auf sie verzichtend), dass eine bestimmte Sache so sein muss . Sie ist nicht nur bisher so gewesen, sondern sie kann gar nicht anders sein. Bei diesem "Universellen" geht es nicht länger um etwas Allgemeines, sondern um eine Notwendigkeit: universell nicht nur aufgrund von Tatsachen, sondern von Rechts wegen ( a priori ); nicht nur komparativ, sondern absolut; nicht so sehr extensiver als vielmehr imperativer Natur. Auf ebendieses Universelle im starken und strengen Sinn haben die Griechen die Möglichkeit der Wissenschaft gegründet; das Europa der klassischen Epoche hat es von der Mathematik auf die Physik übertragen (Newton) und daraus - überaus erfolgreich, wie wir wissen - die "universellen Naturgesetze" abgeleitet.

Damit sind wir bei einer Frage, welche die Moderne spaltet: Gilt dieses Universelle im strengen Sinn (dem die Wissenschaft ihre Macht verdankt, da sie die logische Notwendigkeit auf Naturphänomene anwendet oder mathematische Regeln auf die Physik) auch für das menschliche Verhalten? Ist es auch für den Bereich der Ethik relevant? Ist unser Verhalten in einem ähnlichen Sinn der Notwendigkeit "kategorischer" moralischer Imperative (im Sinne Kants) unterworfen wie die Naturphänomene jener apriorischen Notwendigkeit, die den unbestrittenen Erfolg der Physik ausmacht? Oder sollte man nicht für den separaten Bereich der Moral, für das (geheime) Rückzugsgebiet der inneren Erfahrung, das Recht auf etwas einfordern, das geradezu das Gegenteil des Universellen darstellt: das Individuelle oder das Singuläre (wie das Nietzsche oder Kierkegaard getan haben)? Diese Frage stellt sich umso dringlicher, als der Terminus des Universellen gerade in der Sphäre der Subjekte und, noch allgemeiner, jener der Gesellschaft durch die ihm anhaftende Mehrdeutigkeit belastet ist. Wenn wir von "Universal-" bzw. "Weltgeschichte" sprechen (oder von "Expositions Universelles", wie die "Weltausstellungen" im Französischen heißen), ist damit sehr wohl etwas Allumfassendes und Allgemeines, aber nicht unbedingt etwas Notwendiges gemeint. Aber gilt das nicht auch für die Universalität der Menschenrechte? Sprechen wir diesen nicht ebenfalls eine prinzipielle Notwendigkeit zu? Woraus bezieht diese Redeweise ihre Legitimation? Wird diese Universalität eventuell missbräuchlicherweise behauptet?

Diese Frage stellt sich in der Gegenwart auch deshalb besonders dringlich, da wir inzwischen eine wichtige Erfahrung, ja vielleicht sogar die entscheidende Erfahrung unserer Epoche gemacht haben: In der Beg

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