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Generation Putin Das neue Russland verstehen - Ein SPIEGEL-Buch von Bidder, Benjamin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.09.2016
  • Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
eBook (ePUB)
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Generation Putin

Ein gespaltenes Land, eine zerrissene Generation Als sie auf die Welt kamen, war die Sowjetunion bereits Geschichte. Lena aus Smolensk zum Beispiel, die Putin verehrt und von einer Karriere in der Politik träumt. Die Kreml-kritische Journalistin Wera, die sich nach mehr Demokratie sehnt. Alexander, der im Rollstuhl sitzt und darauf hofft, irgendwann ein selbständiges Leben führen zu können. Sie alle eint, dass sie zur "Generation Putin" gehören, dass sie Kinder des derzeitigen Systems sind. Diese Generation der nach 1991 Geborenen wuchs in politisch wie ökonomisch turbulente Zeiten hinein. Viele junge Russen sind heute hin- und hergerissen zwischen Ost und West, der Sehnsucht nach einem starken Führer und dem Traum von einem anderen, freieren Leben. In ihren Geschichten spiegelt sich die dramatische Entwicklung Russlands in den letzten 25 Jahren, vom Ende der sowjetischen Weltmacht bis zum Wiedererstarken unter Wladimir Putin. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Benjamin Bidder zeichnet in seinen eindrucksvollen Porträts ein überraschend anderes Bild des heutigen Russlands und zeigt, wie eine junge Generation sich aufmacht, ihr Land zu verändern. Benjamin Bidder, geboren 1981, hat Volkswirtschaftslehre in Bonn, Mannheim und Sankt Petersburg studiert. Er ist Absolvent der studienbegleitenden Journalistenausbildung des Institutes zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp), u.a. mit Stationen bei der Märkischen Oderzeitung und der Financial Times Deutschland. Benjamin Bidder ist seit 2009 beim SPIEGEL, zunächst als Redakteur im Politik-Ressort von SPIEGEL ONLINE. Von 2009 bis 2016 war er Moskau-Korrespondent. Im September 2016 kehrte er in die Redaktion von SPIEGEL ONLINE zurück. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Hamburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 336
    Erscheinungsdatum: 12.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641197483
    Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
    Größe: 3455 kBytes
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Generation Putin

1 . Sturzgeburt

"Adieu, unsere rote Flagge. Du warst uns Feind und Bruder."

Dieses Buch handelt von jungen Menschen, aber es beginnt mit einem älteren Herrn. Sein Scheitern hat dem Land die Konturen gegeben, in dem die Kinder des neuen Russland aufwachsen.

Am Abend des 25 . Dezember 1991 schaltet das Staatsfernsehen der Sowjetunion zu einer Sondersendung in den Kreml. Arbeitszimmer Nummer 4 ist eine detailgetreue Nachbildung des echten Büros des Staatsoberhaupts der UdSSR, aber geräumiger und für Auftritte im TV besser geeignet. Die Wände sind bespannt mit grünem Damast, das Pult mit den Telefonen eine Attrappe. Michail Gorbatschow, 60 Jahre alt, nimmt hinter dem schmucklosen Schreibtisch Platz, der erste und letzte Präsident der Sowjetunion, ein Reformer, der selbst vom Wandel überrollt wurde.

Kein Jubel liegt über Moskaus Rotem Platz, als die Sowjetunion an jenem Abend ihren letzten Atemzug tut, kein Protest, nur nasskalte Winterluft und wenig Schnee. In Moskau regiert der Mangel. Fleisch ist in mehr als 350 Geschäften ausgegangen, melden die Zeitungen, Zucker wird rationiert. Die Frachtflugzeuge, die sonst Nachschub in die Hauptstadt bringen, bleiben am Boden, es fehlt Kerosin. An Moskaus Flughafen Scheremetjewo landen Maschinen aus den USA, sie haben Nahrungsrationen der US-Armee geladen, die übrig geblieben sind vom Golfkrieg.

Die alte Planwirtschaft ist zusammengebrochen, noch bevor die neue Marktwirtschaft auch nur annähernd zu funktionieren begonnen hat. Der Ölpreis ist seit dem Beginn der achtziger Jahre um zwei Drittel eingebrochen, die Sowjetunion hat so eine ihrer wichtigsten Einnahmequellen verloren. "Fleisch erreicht Odessa" ist in jenen Tagen eine Nachricht im Massenblatt Komsomolskaja Prawda . "Kein Brot in Krasnojarsk" schreibt die Moskauer Zeitung Prawda . Ein bitterer Witz macht unter Moskauern die Runde: Steht ein vergesslicher Herr mit leerer Einkaufstasche vor dem Geschäft und fragt sich, ob er gerade im Begriff war, den Laden zu betreten, oder ob er bereits auf dem Rückweg von seinem Einkauf ist.

In Kreml-Büro Nummer 4 setzt Gorbatschow an zu seiner letzten Rede an die "lieben Landsleute". "Das Schicksal hat es so gewollt, dass ich das Steuer des Landes übernahm, als es um den Staat bereits schlecht bestellt war", sagt er. Als "leader without a country" hat ihn das Time -Magazin zwei Tage zuvor bezeichnet, als Herrscher ohne Land. Gorbatschows Macht reicht kaum noch über die roten Mauern des Kreml hinaus. Die Präsidenten der Teilrepubliken haben ihn kaltgestellt, angeführt von seinem Rivalen Boris Jelzin, der seit Juni 1991 den Titel "Präsident der Russischen Sowjetrepublik" trägt. Jelzin wartet an diesem Abend ungeduldig darauf, Gorbatschows Platz zu übernehmen - ebenso wie den Tschemodantschik genannten Koffer, dessen Besitzer einen Nuklearschlag autorisieren kann.

Gorbatschow verliest eine Erklärung, die Rücktritt, Rechtfertigung und Mahnung zugleich ist:

Von allem haben wir reichlich: Land, Öl und Gas, und auch mit Verstand und Talent hat uns Gott bedacht, doch leben wir viel schlechter als die entwickelten Länder, bleiben hinter ihnen immer weiter zurück. Der Grund dafür ist klar, die Gesellschaft erstickte im bürokratischen Kommandosystem. Sie war verdammt, einer Ideologie zu dienen und die schreckliche Last des Wettrüstens zu tragen. Ich habe verstanden, dass es in diesem Land schwierig, ja sogar riskant sein würde, Reformen zu wagen. Die Gesellschaft hat die Freiheit bekommen. Das ist die wichtigste Errungenschaft, auch wenn wir dies bisher noch nicht realisieren konnten. Wir haben nicht gelernt, mit der Freiheit umzugehen.

Gorbatschow vergleicht sein Schicksal mit den Helden eines sowjetischen Kinodramas: Die Crew erzählt die Geschi

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