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Ich Wirtschaftswunderkind Mein famoses Leben mit Peggy March, Petar Radenkovic und Schmelzkäseecken von Moritz, Rainer (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.12.2014
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Ich Wirtschaftswunderkind

Wie war das damals in den Sechziger- und Siebzigerjahren, als der erste VW-Käfer vors Haus kam, Heide Rosendahl Weitsprunggold holte und Willy Brandt zurücktreten musste? Wie fühlte sich das an, zum ersten Mal französischen Wein zu trinken und ein Mädchen zu küssen, obwohl der Kontakt zum anderen Geschlecht ungleich mühsamer war? Vieles, was Rainer Moritz vom Aufwachsen in den Zeiten des Wirtschaftswunders erzählt, ist sonderbar und doch wieder typisch: Wurden die heute Fünfzigjährigen deshalb, wie sie sind?

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Erscheinungsdatum: 08.12.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492956840
    Verlag: Piper
    Größe: 6795 kBytes
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Ich Wirtschaftswunderkind

Schönen Gruß vom Getriebe

FAMILIE

Wir waren eine richtige Familie. Damals, als es fast nur richtige Familien gab. Mal abgesehen von der alten Frau Schilling im Haus, einer Witwe, die familienlos war. Oder von den Seewalds, die im Erdgeschoss wohnten, keine Kinder hatten und Ölbilder malten. Wir waren eine Familie, mit Vater und Mutter, die 1952 jung geheiratet hatten. Dass sie das auch taten, weil mein Bruder "unterwegs" war, ließ sich selbst mit bescheidenen Rechenkünsten ermitteln. Wenn wir meine Mutter darauf ansprachen, errötete sie, lachte verlegen und versuchte zu meinem Leidwesen rasch das Thema zu wechseln. Immerhin, so hieß es, sei Vater, gebürtiger Oberpfälzer, ein fescher Bursch gewesen. Die Krabbelkiste mit den Familienfotos - Anlass für Erinnerungsabende, die von den Teilnehmern unterschiedlich stark genossen wurden - belegte es: Man sah Vater als schneidigen, gut gebauten Feldhandballer, der auf Geselligkeiten in Neusäß, wo sich meine Eltern kennengelernt hatten, gekonnt das Tanzbein geschwungen und herumpoussiert habe. Das deutete zumindest die Verwandtschaft an. Auch darüber wurde nie ausführlich gesprochen.

Vater als Handballer [ 1 ]

Vater und Mutter, das waren die Eltern, daran gab es nichts zu rütteln. Dass Ehen auseinandergehen und Kinder zu Scheidungsopfern werden, kannte ich nur vom Hörensagen oder aus der Zeitung, Elizabeth Taylor zum Beispiel, doch die zählte nicht zu unserem Bekanntenkreis. Schlüsselkinder hingegen gab es, bemitleidenswerte Geschöpfe, deren Eltern beide arbeiteten, weil sonst das Geld nicht gereicht hätte. Meine Frau braucht nicht zu arbeiten, pflegte Vater zu sagen. Ein Satz, den er mit der Genugtuung des Ernährers intonierte. Meine Mutter kommentierte ihn nicht. Jahre später, als wir Kinder aus dem Haus waren, setzte sich Mutter durch und begann wieder zu arbeiten. Es dauerte eine Weile, bis Vater aus dieser Not eine Tugend machte und die Berufstätigkeit seiner Frau mit verhaltenem Stolz erwähnte. Den Führerschein machte Mutter in den Siebzigerjahren, heimlich. Bis sie beim Mittagessen das graue Dokument neben Vaters Teller legte, triumphierend.

Auf Familienfahrten fuhr dennoch Vater. Neben seiner ungeübten, zu spät und ruppig schaltenden Frau - schönen Gruß vom Getriebe! - auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen hätte ihm stark zugesetzt. Dieses heftige Mitbremsen, dieses verkrampfte Sich-Festhalten an der Handschlaufe, dieses "Pass auf, da vorne kommt einer!".

Wie kann man nur so unmusikalisch sein!

MUSIK

Vater sang gut. Eine Familienfeierlichkeit ohne seinen Auftritt war undenkbar. Angefeuert von einem Hammer Jubelbrand oder einem Scharlachberg, ließ es sich Vater nicht nehmen, Rudi Schurickes "Capri-Fischer" zu intonieren. Unentwegt diese Italiener, die unentwegt aufs Meer hinausfuhren, die untergehende rote Sonne und eine Bella Marie, zu der der Fischer zurückkommt, morgen früh. Mir waren diese Auftritte peinlich. Zu wissen, dass Vater gleich wieder singen würde, weckte den Wunsch, von der Familie abzurücken. Überhaupt veränderte sich die Stimmung, wenn Alkohol im Spiel war. Die Erwachsenen ereiferten sich, hatten rote Backen, erzählten Witze und benahmen sich anders als sonst, so, als bräche aus ihnen heraus, was im Alltag sorgsam verborgen blieb. Schneidender Zigarettenrauch hing über den Holztischen; das Bier stand schaumlos in dickwandigen, gefurchten Gläsern, und wenn ich an solchen Abenden endlich im Bett lag, hoffte ich inständig, dass am nächsten Morgen alles wieder wäre wie vorher.

Ich sang schlecht und vermied es, mit musikalischer Früherziehung in Berührung zu kommen. Mein Bruder musste als Erstgeborener mehr über sich ergehen lassen. Selbst in einem Nicht-Bildungsbürger-Haushalt galt es als erstrebens

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