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Kann man da noch was machen? Geschichten aus dem Alltag einer Rollstuhlfahrerin von Gehlhaar, Laura (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.09.2016
  • Verlag: Heyne
eBook (ePUB)
9,99 €
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Kann man da noch was machen?

"Ich sehe die Dinge aus einer anderen Perspektive. Und das macht es interessant." Wer im Rollstuhl sitzt, bekommt manchmal die seltsamsten Dinge zu hören: "Toll, dass du trotzdem rausgehst!"- "Kannst du Sex haben?""Kann man da noch was machen?" - "Darfst du betrunken Rollstuhl fahren?" - "So hübsch und dann im Rollstuhl!" Frei von Selbstmitleid, mit entwaffnender Selbstironie und ebenso tiefsinnig wie unterhaltsam erzählt Laura Gehlhaar Geschichten aus ihrem Alltag auf vier Rädern - mit allem, was dazugehört. Laura Gehlhaar, geb. 1983 in Düsseldorf, sitzt seit ihrem 22. Lebensjahr im Rollstuhl. Sie hat Sozialpädagogik in Holland und in Berlin studiert und arbeitet heute als Aktivistin, Autorin und Redakteurin. In ihrem Blog 'Frau Gehlhaar' beschreibt sie ihre Alltagserfahrungen auf vier Rädern und wurde mit ihrem Rollstuhlfahrer-Bullshit-Bingo zu einem Star im Internet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 12.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641165062
    Verlag: Heyne
    Größe: 869 kBytes
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Kann man da noch was machen?

Wasserkästen

Ich musste hier weg. Weg von meinen Eltern, raus aus meinem Kinderzimmer und rein in den Strudel, der mich irgendwann einmal zu der Frau machen würde, die ich werden wollte. Selbstbewusst, selbstbestimmt, frei von wohlmeinenden Ratschlägen und dem beschützenden Dach meines Elternhauses.

Also stellte ich meine Eltern vor vollendete Tatsachen - ich würde ausziehen. Das zu akzeptieren war, besonders für meine Mutter, verdammt schwer. Und auch mein Stiefpapa hatte Bedenken: "Wie willst du einkaufen gehen und dir einen Kasten Wasser nach Hause tragen?"

Das fragte ich mich damals auch. Genauso wie ich mir den Kopf darüber zerbrach, wie ich überhaupt Lebensmittel aus dem Supermarkt zu mir nach Hause bekommen sollte. Oder wie ich alleine meine schmutzige Wäsche zum Waschsalon transportieren könnte. Aber keine Lösung für solche existentiellen Dinge zu finden, war für mich keine Option. Meine Mutter musste ordentlich schlucken, als ich ihr mitteilte, dass ich, ihr ältestes Kind, jetzt übrigens einen Studienplatz im Ausland hatte und dass ich schon nächsten Monat ausziehen würde. Für immer. Wenn sich das älteste Kind ins eigene Leben aufmacht, dann ist das für jede Mutter schlimm. Und wenn dann noch Ängste und Sorgen aufgrund einer Behinderung hinzukommen, macht es das Loslassen nicht gerade einfacher.

"Mit spätestens Anfang 30 wird Laura im Rollstuhl sitzen", eröffnete uns der Arzt und sah abwechselnd von meiner Mutter zu meinem Vater. Ich war zehn Jahre alt und wusste nicht viel mit seiner Aussage anzufangen. Ich wusste nicht wie es ist, im Rollstuhl zu sitzen, und hatte nicht die geringste Vorstellung von einem Leben im Rollstuhl. Aber es musste schlimm sein, denn meine Mutter weinte und ich war sauer auf den Arzt, weil er sie so traurig gemacht hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, was es genau für mich bedeuten sollte, wenn bestimmte Muskeln in meinem Körper schwächer werden würden. Aber auf einmal ergab vieles für mich einen Sinn. Ich berührte die Narbe an meinem Kinn. Letzte Woche war ich beim Skateboardfahren gestürzt. Ich stürzte öfter mal beim Skateboardfahren. Genauso oft wie meine Freunde es auch taten. Aber letzte Woche war es anders.

Leicht in der Hocke gebeugt, fuhr ich einen langen Abhang hinunter. Es war ein Rennen zwischen meinem Klassenkameraden und mir. Der Wind fegte uns um die Ohren und ließ den Zahnspangen-Bogen auf meinen Schneidezähnen trocknen. Wir grölten und beschimpften uns freundschaftlich, wenn der eine den anderen zu überholen drohte. Mit dem rechten Arm versuchte ich, mein Gleichgewicht zu halten, während ich mit der linken Hand das Käppi auf meinem Kopf festdrückte, damit es nicht wegflog. Die Schnürsenkel meiner knallroten Converse-Sneaker waren offen. Furchtlos und ohne ein Bewusstsein für Gefahr gab ich alles.

Der Abhang und das Rennen neigten sich dem Ende zu. Ich duckte mich noch ein Stück tiefer, um den Windwiderstand so gering wie möglich zu halten und um nicht an Geschwindigkeit zu verlieren. Nicht auf den letzten Metern. Ich musste gewinnen! Ich überholte meinen Klassenkameraden, wollte schon jubeln, aber dann passierte es: Ich kam einfach nicht mehr aus der Hocke hoch. Meine Knie sackten zusammen, ich verlor die Kontrolle über mein Skateboard und schlug mit Kinn und Oberkörper auf den harten Asphalt auf. Blut tropfte wie aus einem Wasserhahn von meinem Kinn auf den Boden. Ich war zutiefst enttäuscht. Ich hatte verloren und wusste nicht warum.

Jetzt verstand ich es.

Beim Ballett konnte ich den besten Spagat von allen, wurde aber am schnellsten müde. Während alle anderen ihre neun Pirouetten hintereinander drehten, gab ich nach der sechsten auf. Meine Beine machten nicht mehr mit.

Jedes Mal feuerten mich meine Klassenkameraden an, wenn ich im Sportunterricht über den Bock springen musste. Sie feuerten mich an, weil sie merkten, wie viel Kraft es mich kostete, Anlauf zu nehmen, aufs Sprungbret

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