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Keine Angst, hier gibt's auch Deutsche! Unser neues Leben im Problemkiez von Lindemann, Thomas (eBook)

  • Verlag: Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Keine Angst, hier gibt's auch Deutsche!

Viele Freunde sprachen es aus: Du kannst doch nicht nach Neukölln gehen, nicht mit Familie! Aber hier sind die Mieten gerade noch erschwinglich. Die Oma warnt: Wenn jemand ein Messer hat auf dem Schulhof? Und als die junge Familie gleich am ersten Wochenende beobachtet, wie ein Streit in versuchter Entführung, Verfolgungsjagd und 25 beschädigten Autos endet, fragen die Kinder: Wo sind wir hier eigentlich hingezogen, Papa? Über Neukölln ist "unendlich viel Mist geschrieben worden", sagt der Ex-Bürgermeister Heinz Buschkowsky zu Autor Lindemann. Wahr ist: Der Stadtteil hat über 50 Prozent Migranten, bei den Jugendlichen sogar 80 Prozent. Fast die Hälfte lebt von Hartz IV. Und zugleich kommen die jungen Amerikaner genau hierher und eröffnen Bars oder Ateliers, die Gentrifizierung ist auch in Neukölln schon kräftig in Gang. Die berüchtigte Al-Nur-Moschee ist hier und der beste Elvis-Imitator der Welt auch. Lindemann besucht sie alle. Oft mit seinen Kindern. Eine aufregende Stadtreportage aus der Zukunft Deutschlands. Thomas Lindemann ist 1972 in Pinneberg bei Hamburg zur Welt gekommen. Der studierte Psychologe schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine, vor allem die "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Berlin-Neukölln. Sein radikales und offenes Erfahrungsbuch "Kinderkacke. Das ehrliche Elternbuch" stand monatelang auf der "Spiegel"-Bestsellerliste.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783827078735
    Verlag: Berlin Verlag
    Größe: 472 kBytes
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Keine Angst, hier gibt's auch Deutsche!

EIN EX-ZUHÄLTER
TRAINIERT MEINE KINDER

Andreas Marquardt, der knallharte Karate-Weltmeister, war der Schrecken des Berliner Rotlichtmilieus. Der Neuköllner machte manchmal 60 000 Mark im Monat, verprügelte Menschen ohne Grund. Erst als er achteinhalb Jahre im Knast saß, arbeitete er den jahrelangen Missbrauch durch seine Eltern auf. Er kehrte um, begann ein zweites Leben, will heute Kindern mit Karate Stärke geben. Und ja, natürlich dürfen meine Jungs bei ihm trainieren.

Würden Sie diesem Mann Ihre Kinder anvertrauen? Er war zwanzig Jahre lang Zuhälter, und zwar ein richtig brutaler. Seine Huren schlug er zusammen, erklärte ihnen dann, wie sie ihren Job richtig machen, und dann mussten sie ihm noch einen blasen. Einmal, als er als Geldeintreiber unterwegs war, schnitt er einem Mann einen Finger ab. Nach Jahren einer Karriere als gefürchteter harter Hund saß er achteinhalb Jahre im Knast in Berlin-Tegel. Also, würden Sie? Ich schon! Mein Sohn trainiert jetzt zweimal pro Woche Karate bei Andreas Marquardt.

So heißt der Mann, der 1956 in Neukölln geboren wurde und auf eine schreckliche und wechselhafte, mit diesem Stadtteil untrennbar verbundene Lebensgeschichte zurückblickt - auf eine mit gutem Ausgang. Sagt er. Seine Biografie, die er vor neun Jahren aufschrieb, hat der Regisseur Rosa von Praunheim verfilmt, Härte heißt der Kinofilm. Praunheim ist eine Ikone der Schwulenszene, ein sehr aktiver Berliner Undergroundfilmer und dem Rest der Republik eigentlich nur durch ein paar alte Talkshow-Auftritte bekannt. Als Andreas Marquardt vor über zehn Jahren aus dem Knast kam, war er ein neuer Mensch. Er ließ das Rotlichtmilieu hinter sich, nur seine Partnerin Marion blieb aus jener Zeit, seine einzige Begleiterin in beiden Welten und wahrscheinlich die Frau, die ihn gerettet hat. Heute betreibt er in Neukölln sein Sportcenter mit ihr. Die Zuhälter oder andere Kontakte von früher lassen sich hier nie sehen.

Wenn ich zu meinem großen Sohn Leo sage: "Tob hier nicht so in der Wohnung rum, sonst steck ich dich zweimal die Woche in das anstrengende Karate-Training, bei dem wir letztens zur Probestunde waren", dann schreit er: "Ja, das will ich doch!" Die Übungen mit dreißig anderen Kindern, Deutschen und Migranten, Mädchen und Jungen, haben ihm imponiert. Besonders der Schrei, den man beim Schlagen und Treten ausstoßen soll. Der drang jedes Mal bis zu mir durch, der ich zwanzig Meter entfernt vor der Tür saß und fasziniert die dort ausliegende Lebensgeschichte des Trainers las.

Es war wie bei Karate Kid . Das 600 Quadratmeter große Studio von Marquardt, halb Fitnesscenter, halb Kampfsporthalle, liegt in einem kleinen Industriegebiet. Hier ist nichts mit Design zurechtgemacht wie bei den Yogastudios in Prenzlauer Berg. Wir fahren mit dem Rad die laute Lahnstraße entlang, am Baumarkt vorbei und beim Discounter-Supermarkt um die Ecke. Hinter einem kleinen, seltsamen Hof mit einem Laden für Großküchenbedarf und einer Country-Tanzkneipe liegt es dann, das Sportstudio.

Der Karatemeister Marquardt, der seine Fähigkeiten einst auf der Straße einsetzte, um andere fertigzumachen, nutzt sie heute nur noch, um Kinder und Jugendliche zu stärken. Sein Karatetraining richtet sich speziell an die Neuköllner Jugend, und er sagt den Kindern immer offen, was für einer er früher gewesen sei, dass er viele Fehler gemacht habe und dass Gewalt ins Nichts führe. Verteidigen sollen sie sich aber können und selbstsicher werden. Marquardt weiß, dass sein Weg in der Kindheit die falsche Abzweigung nahm: Der Vater schlug ihn, zertrümmerte dem Sechsjährigen einmal die Hand so heftig, dass über Monate mehrmals operiert werden musste, um die kleinen Knochen wieder zurechtzurücken. Und die Mutter nötigte ihn zum Sex. Jahrelang. Als der Teenager das nicht mehr wollte, drohte sie: "Du kommst ins Heim." Aus diesem Elternhaus z

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