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Maryam A.: Mein Leben im Kalifat Eine deutsche IS-Aussteigerin erzählt - Ein SPIEGEL-Buch von Reuter, Christoph (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.11.2017
  • Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
eBook (ePUB)
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Maryam A.: Mein Leben im Kalifat

Zwischen Haushalt und Terror: Als deutsche Dschihadistin beim IS
Maryam A. ist Mitte zwanzig, als sie 2014 mit ihrem Mann nach Syrien reist, um sich dem "Islamischen Staat" anzuschließen. Doch das Leben im "Kalifat" ist nicht geprägt von Glauben und Gemeinschaft, wie sie sich erhoffte. Stattdessen erlebt sie Terror, Gängelung und ständige Bombardierungen sowie den zermürbenden Kleinkrieg der Dschihadisten untereinander. Unter Lebensgefahr gelingt es ihr zu fliehen, aber bis heute muss sie versteckt in Nordsyrien leben - während die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Deutschland schwindet.
Bestsellerautor Christoph Reuter hat Maryams Bericht über ihre Zeit beim "Islamischen Staat" aufgeschrieben. Ihre Erinnerungen erlauben bislang unbekannte Einblicke in das Innenleben des IS und sind zugleich eine schonungslose Abrechnung - mit der eigenen Verblendung sowie mit der Grausamkeit und Scheinheiligkeit jener ausländischen Dschihadisten, die in den letzten Jahren ins "Kalifat" gereist sind.

Christoph Reuter, geboren 1968, ist studierter Islamwissenschaftler. Der 'Journalist des Jahres 2012' spricht fließend Arabisch und berichtet seit Jahrzehnten aus den Krisenregionen der arabischen Welt, zunächst für Die Zeit und den Stern, seit 2011 als Korrespondent für den SPIEGEL. Neben zahlreichen preisgekrönten Reportagen veröffentlichte er u. a. die Bücher 'Mein Leben ist eine Waffe' (2002) über Selbstmordattentäter und, gemeinsam mit Susanne Fischer, 'Café Bagdad' (2004) über den Alltag im umkämpften Irak.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 13.11.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641207359
    Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
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Maryam A.: Mein Leben im Kalifat

KAPITEL 1

Eigentlich wollte ich nie dorthin

Ich bin von meiner Mama weg, als ich zehn war. Da hatte ich schon seit sieben Jahren keinen Kontakt mehr zu meinem Vater. Außerdem verstand ich mich mit dem neuen Mann meiner Mutter nicht. Ich war genervt, frustriert von meiner Familiensituation. Zusammen mit meiner kleinen Schwester zog ich dann zu meiner Patentante, die in einer anderen Stadt lebt. Aber wir kamen nicht gut miteinander aus, ich war einfach durch den Wind, habe mich komplett zurückgezogen, war wie ein Buch mit hundert Siegeln. Keiner konnte mir nahekommen, in der Schule habe ich auch nur gemacht, worauf ich Bock hatte: Sprachen. In Deutsch hätte ich eine Eins, meinte der Lehrer, wenn ich je meine Hausaufgaben machen würde. Physik, Bio, Chemie, das habe ich alles vergeigt. Ich hatte keine Lust, habe es nicht verstanden, und es war mir egal.

Meine Patentante hat sich dann ans Jugendamt gewandt, denen gesagt, wir haben hier nur Streit, ich kann ihr nicht helfen. Die hatte ja auch noch eigene Kinder. Wir haben uns zusammengesetzt, und die Lösung war, dass ich mit 14 wieder zurück nach Frankfurt zog, wo ich ja herkam, allerdings in ein Projekt für betreutes Wohnen. Das war ein ganz normales Wohnhaus, zwölf Zimmer, Büro, Küche. Mit zwölf, 13 konnte man da schon einziehen. Es war immer jemand da, an den ich mich wenden konnte, ganz familiär. Ich bin dann auf die Gesamtschule gegangen. Naja, ab der neunten Klasse nicht mehr, da bin ich eher mit Freundinnen ins Café gegangen.

Die Schulleitung hat mich vor die Wahl gestellt: Entweder ich bekomme einfach ein Abgangszeugnis, oder ich wiederhole das ganze Jahr. Ich wählte das Abgangszeugnis. Das war dumm von mir. Heute sagt sich das so leicht. Damals war ich sorglos, wütend, und es gab niemanden, der mir einen Weg zeigte. Weil niemand da war? Oder weil ich mir von niemandem etwas sagen lassen wollte? Beides. Ich hatte keinen Respekt vor den Betreuern, habe lieber den ganzen Morgen irgendwo im Café gesessen mit Freunden. Ja, ein bisschen war das so wie im Klischee von den haltlosen Jugendlichen, die später im Dschihad landen.

Ich habe dann ein paar Praktika gemacht, im Kindergarten, in einer Drogerie, aber hatte immer wieder Stress dort, habe gekifft, bis die Betreuer vom Jugendamt mir eine eigene Wohnung in Frankfurt vermittelt haben.

Das war mein Untergang.

Man kann eine Jugendliche aus kaputten Verhältnissen nicht einfach in eine eigene Wohnung ziehen lassen. Ich hätte jemanden gebraucht, der mich an die Hand nimmt, aber dieses "Mach, was du willst" war für mich eine Katastrophe. Im Nachhinein hat mich das furchtbar geärgert, weil ich eigentlich kein blöder Mensch bin.

Ich habe gejobbt, in einem Internetcafé, als Kellnerin, da war ich schon 18 . Nach kurzer Zeit zog eine Gleichaltrige aus Hamburg bei mir ein, wurde meine beste Freundin. Wir haben uns gegenseitig runtergezogen. Als sie anderthalb Jahre später wieder zurück nach Hamburg zu ihrer Oma zog, habe ich sie dort wochenlang besucht. Wir haben gemeinsam gekifft und unsere Chill-Sessions eben nach Hamburg verlagert. Damals war es witzig. Aber so ein Leben wünscht man doch keinem, einfach so in den Tag hineinzuleben. Mal habe ich gekellnert, mal ging ich zum Jobcenter, mal habe ich ein bisschen Gras, aber auch nur Gras, verkauft, irgendwie war immer ein bisschen Geld da. Genug zum Leben.

Einmal waren wir beide die ganze Nacht feiern, völlig zugedröhnt. Ich lag dann am Samstag bei mir zu Hause und hatte solches Herzrasen, dass ich mich überhaupt nicht mehr bewegen konnte. Mir war gleichzeitig heiß und kalt. Da habe ich mir gesagt: Es reicht! So geht es nicht mehr weiter.

Zu dieser Zeit habe ich einen marokkanischen Freund kennengelernt, ganz harmlos, auch später waren wir nie zusammen. Saryuh, so möchte ich ihn hier nennen, hat mir gesagt: "Was machst du da eigentlich? So kann man doch

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