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Mein Sohn, der Salafist Wie sich mein Kind radikalisierte und ich es nicht verhindern konnte von Yaman, Neriman (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 07.10.2016
  • Verlag: mvg Verlag
eBook (ePUB)
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Mein Sohn, der Salafist

Die Angst vor islamistischem Terror nimmt zu. Auch in Deutschland. Doch was ist, wenn der Terror in der eigenen Familie heranwächst? Wenn man bemerkt, wie sich der eigene Sohn radikalisiert? Dieser Albtraum wurde für Neriman Yaman zur Realität. Im Alter von vierzehn Jahren entdeckte ihr Sohn Yusuf den Islam für sich. Doch es war nicht der liberale Islam, den seine Eltern leben. Yusuf ließ sich verführen, besuchte Veranstaltungen von Pierre Vogel und sympathisierte zunehmend mit dem IS. Seine Mutter unternahm alles, um ihn von seinen neuen Freunden zu lösen, und suchte verzweifelt Hilfe bei den verschiedensten Stellen: Bei über 30 Moscheen, beim Jugendamt, beim Schulamt, bei staatlichen Beratungsstellen. Vergeblich. Niemand konnte oder wollte ihr helfen. Niemand nahm die Gefahr ernst. Und dann passierte es. Mit gerade einmal sechzehn Jahren war Yusuf bereits so besessen von den islamistischen Vorstellungen über einen 'richtigen Glauben', dass er ein Sprengstoffattentat auf einen Sikh-Tempel in Essen verübte. Ergreifend schildert Neriman Yaman in diesem Buch, wie Yusuf ihr entglitt, wie er sich immer weiter von seiner Familie entfremdete und immer tiefer in die Parallelwelt des Salafismus abrutschte. Doch obwohl sie an der Schuld, die ihr Sohn auf sich geladen hat, fast zu zerbrechen droht, hat sie niemals aufgehört, ihr Kind zu lieben und darum zu kämpfen, ihn wieder auf den rechten Weg zu bringen. Neriman Yaman wurde 1979 in Gelsenkirchen geboren. Ihr Großvater kam in den 1960er Jahren als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Gelsenkirchen und arbeitet dort als Gemüsehändlerin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 07.10.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783864159985
    Verlag: mvg Verlag
    Größe: 754 kBytes
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Mein Sohn, der Salafist

Prolog

E s gibt da ein Sprichwort: Wer die Schönheit der Sterne erkennen möchte, der muss lernen, die Dunkelheit zu akzeptieren. Man akzeptiert Dinge, die man nicht beherrschen kann. Die Dunkelheit lässt sich nicht beherrschen. Sie kommt schleichend. Und irgendwann ist sie einfach da. Sie umgibt uns. Und wenn wir sie in diesem Moment nicht akzeptieren, dann frisst sie alles auf. Die Schönheit. Die Hoffnung. Das Leben.

Die letzten Tage in meinem Leben waren sehr dunkel.

"Du bist nicht alleine", sagte mein Bruder. "Wir sind da. Wir sind alle da. Wir stehen das hier zusammen durch." Wenn mein Bruder einen solchen Satz sagt, dann ist dieser Satz ein Versprechen, und ich wusste, dass ich mich auf die Versprechen meines Bruders verlassen kann. Er hat recht. Meine Familie ließ mich nicht alleine. Meine Brüder und Schwestern, meine Cousinen, Onkel und Tanten, die ganze Familie war in diesen schweren Stunden bei mir. Sie kamen, um nachzufragen, sie kamen, um zu trösten, sie kamen und brachten Brot und Suppe. Es verging kein Tag, an dem wir keinen Besuch empfingen. Ja, in dieser schweren Zeit waren sie alle da. Nur Yusuf fehlte. Ich schloss die Tür zu seinem Zimmer. Ich konnte es nicht ertragen, an ihn erinnert zu werden. Mein Herz war gebrochen.

"Bald werden wir ihn ja wiedersehen", sagte mein Mann und versuchte, mich zu trösten. Es waren nur noch drei Tage, nur noch zwei Tage. Mein Zeitgefühl hatte ich mittlerweile vollkommen verloren, die Stunden wollten nicht vergehen, die Minuten zogen sich zu einer schmerzvollen Ewigkeit. Bald, sagte mir mein Mann. Bald, sagte ich mir selbst und zitterte bei dem Gedanken. Ich hatte Angst vor dieser Begegnung. Ich hatte Angst, meinen eigenen Sohn wiederzusehen.

Und dann war es so weit. Die ganze Nacht über hatte ich nicht geschlafen. Ich lag mit offenen Augen im Bett und mein Kopf war leer. Ich hatte alles durchdacht. Alle Möglichkeiten, alle Szenarien - jeden Gedanken durchgespielt. Was, wenn Yusuf uns nicht sehen wollte? Was, wenn Yusuf seinen Fehler nicht einsehen würde? Was, wenn ...? Um 5 Uhr 30 stand ich auf. Ich machte mich fertig, weckte meinen Mann Hüseyin und meine Tochter. Alles geschah mechanisch. Als würde ich nur noch funktionieren. Nur durchhalten, nicht denken, bloß nicht mehr denken. Wir frühstückten gemeinsam. Wortlos. Es war erdrückend.

Um 6 Uhr 30 verließen wir das Haus. Die Sonne ging gerade über Gelsenkirchen auf und tauchte das alte Arbeiterviertel in ein mildes Licht. Die Luft war ganz klar und frisch. Wir gingen vorbei am Yagur-Markt 2 , dem türkischen Lebensmittelgeschäft meiner Eltern. Die Rollläden waren heruntergelassen. Es stand schon seit einiger Zeit leer. Irgendwann waren die Kosten zu hoch geworden, mein Vater konnte sich den Laden nicht mehr leisten und musste ihn nach neunzehn Jahren schließen. Ein Nachmieter ist bis heute nicht gefunden. Das Ladenschild prangt noch immer an der Wand, wie ein Mahnmal. Yagur-Markt 2 .

Wir wechselten die Straßenseite und stiegen in unseren alten Opel Astra. Mein Bruder war schon da und setzte sich ans Steuer. Wir hätten das nicht mehr geschafft, weder Hüseyin noch ich. Als wir losfuhren, sprang das Gedankenkarussell wieder an. In meinem Kopf spielten sich erneut alle möglichen Szenarien ab. Wie würde Yusuf auf uns reagieren? Das letzte Mal hatten wir uns vor zehn Tagen gesehen. Auf dem Polizeirevier. Da hatten wir noch die Hoffnung, die leise Hoffnung, dass er am Abend mit uns zurück nach Hause kommen dürfe. Wie naiv wir gewesen waren. Wie lange ich brauchte, um zu realisieren, was wirklich passiert war.

Ich schaute aus dem Fenster, während die Stadt an mir vorbeizog. "Scheiß BVB", stand auf einer Hauswand und von den Balkonen wehten türkische Landesfahnen. Wir fuhren durch Ückendorf. Unser Viertel. Es hat keinen guten Ruf. "Sozialer Brennpunkt", heißt es in den Medien. Aber was heißt das schon? Wir waren schon

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