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Mein Vaterland! Warum ich ein Neonazi war von Weißgerber, Christian E. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.03.2019
  • Verlag: OrellFüssli
eBook (ePUB)
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Mein Vaterland! Warum ich ein Neonazi war

Er stilisiert sich nicht als Opfer widriger Lebensumstände und wurde auch nicht von raffinierten Funktionären verführt: 'Ich hatte unzählige andere Möglichkeiten, aber ich wollte Nazi werden.' Was muss geschehen, damit aus einem gewöhnlichen jungen Mann ein Neonazi wird? Also ein Mensch, der extreme Anschauungen vertritt, Kompromisse verabscheut, sich auserwählt glaubt und meint eine Mission zu haben? Weißgerber zeigt, wie die Abscheu vor dem politischen Alltagsgeschehen, das Misstrauen gegenüber dem gesellschaftlichen Establishment sowie die 'gewöhnlichen' Alltagsrassismen eine Weltsicht hervorbringen, die am Ende nur noch eine Sichtweise erlaubt: Entweder die oder wir! In einer Mischung aus autobiografischen Episoden und politisch-psychologischer Analyse liefert Weißgerber eine einzigartige Studie der Selbstradikalisierung, insbesondere in den ostdeutschen Ländern der Nachwendezeit bis hin zu den Wutbürgern in Ost und West. Ein Buch von beklemmender Aktualität. Jg. 1989, gehörte bis 2010 zur Führung der militanten Neonazi-Splittergruppe der 'Autonomen Nationalisten' in Thüringen. Eine elitäre Gruppierung, die eine gewisse inhaltliche Nähe zu den 'Identitären' aufweist. Weissgerber zog sich 2010 aus der rechten Szene zurück. Seit 2012 klärt er in Schulen, Universitäten und Abendveranstaltungen über die extreme Rechte und ihre moderateren Ausläufer auf. Weißgerber studierte in Jena, Paris und Berlin und arbeitet an seiner Promotion. Er lebt in Berlin und ist als Übersetzer und Bildungsreferent tätig.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 22.03.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783280090572
    Verlag: OrellFüssli
    Größe: 752 kBytes
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Mein Vaterland! Warum ich ein Neonazi war

Auf den nachfolgenden Seiten zeichne ich die Stufen meiner Verwandlung und ihre Entstehungsbedingungen nach. Episoden aus meiner Schul- und frühen Jugendzeit, Szenen der Formierung einer autoritären Persönlichkeit durch geistige Bildung und die Ausbildung körperlicher Härte und Disziplin. Alltägliche Ereignisse in der thüringischen Provinz enthüllen dabei ihren ideologischen Kern. Viele Denk- und Verhaltensweisen, die ich später als Neonazi vertrat, habe ich zuerst im 'ganz normalen Alltag' in Eisenach kennengelernt und meiner damaligen Überzeugung gemäß einfach nur konsequent zu Ende gedacht.

Meine Verhaltensauffälligkeiten in der Kindergartenzeit, die besondere Aggressivität und Gewaltbereitschaft, wurden zeitgleich mit meiner Einschulung durch den Eintritt in eine Karateschule in die richtigen Bahnen gelenkt, wie mein Vater selbstgewiss behauptete: Der Junge braucht Disziplin und muss sich körperlich austoben. Dann bekommt man den auch unter Kontrolle. Tatsächlich lernte ich schon im ersten Schuljahr eine Lektion in Sachen Selbstkontrolle und erlitt sowohl beim Karate als auch auf dem Schulhof herbe Niederlagen durch stärkere Gegner. Solch eine Erfahrung, von der ich mich im wahrsten Sinne des Wortes niedergeschlagen fühlte, hatte ich außerhalb der eigenen vier Wände noch nicht gemacht. Die Grundschule und ihre Nachmittagsbetreuung im Hort wurden für mich weitere Räume, in denen ich jederzeit kampfbereit sein musste, um mich gegen mögliche Angriffe zu wappnen. Meine einstige körperliche Vormachtstellung aus dem Kindergarten hatte ich inzwischen eingebüßt. Das Gefühl körperlicher Unterlegenheit - es ging einher mit dem schon zuvor erworbenen Wissen, im Fall der Fälle allein dazustehen - war die erste Lehre, die ich aus dem deutschen Bildungssystem zog.

Eine wichtige Binsenweisheit aus dem Sprichwortrepertoire meines Vaters war: Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir! Für das Leben in einer Ellenbogengesellschaft, wie ich erfahren musste: Die Schule fördert eine Konkurrenz um die besten Plätze im Klassenzimmer wie beim Sportfest. In ihr ringen wir ebenso um gute Noten und die Gunst der Autoritäten wie um den Stellenwert unseres guten Rufs in den Cliquen.

All das mutet mir heute wie eine Miniatur jener Gesellschaft an, zu deren mündigen Bürgerinnen und Bürgern die Schule uns erst noch erziehen sollte. Ein hier und da natürlich wenig detailgetreuer Nachbau, aber immerhin: ein Experimentierraum mit kleinen Menschen, zusammengepfercht und dabei mit Nachdruck zur (Zuge-)Hörigkeit aufgefordert. Manche der unfreiwillig Teilnehmenden wehrten sich gegen die Prozeduren und erhielten dafür halbjährlich die Quittung: Christian sorgt für Unruhe in der Klasse. Oft fällt es ihm schwer, sich an Regeln zu halten und sich Autoritäten unterzuordnen. Formulierungen dieser Art finden sich in den Zeugnissen meiner schulischen Erfolgsgeschichte von der ersten Klasse bis zur Abiturphase.

Fehlverhalten wurde im Grundschulunterricht durch rigoroses Ausschimpfen geahndet, das je nach Laune unserer Lehrerin mal lautstark und gerade auf den Kopf der Betroffenen zu, mal passiv-aggressiv im gezischten Unterton ausfallen konnte. Meist hielt ich ihren Tiraden, die mehr Schmähkritik als pädagogisch-wertvolles Feedback waren, nicht stand. Enttäuschung, Wut, Verzweiflung riefen die einzige Reaktion hervor, die mein junger Körper zur Verarbeitung dieser Emotionen kannte, ohne in rasende Gewalt auszubrechen. Ich brach in Tränen aus. Aber dieses äußere Zeichen meines inneren Schmerzes änderte nichts an den Umständen, die ihn hervorgerufen hatten. Die Tränen ließen für einen Moment die Realität verschwimmen, spülten sie jedoch nicht weg. Ich erhielt lediglich eine neue Charaktereigenschaft: Der Junge ist nah am Wasser gebaut.

"Boys don't cry" - die zum Songtite

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