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Okzidentalismus Der Westen in den Augen seiner Feinde von Buruma, Ian (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.03.2015
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Okzidentalismus

Buruma und Margalit definieren 'Okzidentalismus' als den blinden Hass gegen die Errungenschaften liberaler Gesellschaften, für dessen Motive manch westliche Intellektuelle bis heute Sympathie empfinden. Die Vorurteile gegen den Westen, der unter der Diktatur des Geldes steht und scheinbar jegliche verbindliche Moral seiner Diesseitigkeit geopfert hat, reichen bis nach Europa. Ian Buruma und Avishai Margalit finden hier ähnliche Denkweisen wie in der islamischen Welt, bei konservativen Kulturkritikern ebenso wie bei der radikalen Linken. Ein provokatives Buch, in bester aufklärerischer Tradition.

Ian Buruma, 1951 in Den Haag geboren, lehrt als Henry R. Luce Professor am Bard College und lebt in New York. Er veröffentlicht in zahlreichen amerikanischen und europäischen Zeitschriften. Bei Hanser erschienen zuletzt: Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde (mit A. Margalit, 2005), Die Grenzen der Toleranz. Der Mord an Theo van Gogh (2007), Die drei Leben der Ri Koran. Roman (2010) und '45. Die Welt am Wendepunkt (2015). Im März 2017 erscheint Ihr Gelobtes Land. Die Geschichte meiner Großeltern.Die drei Leben der Ri Koran. Roman (2010).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 02.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446249707
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 952 kBytes
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Okzidentalismus

Krieg gegen den Westen

Im Juli 1942, gerade einmal sieben Monate nachdem die Japaner die amerikanische Flotte in Pearl Harbor angegriffen und den westlichen Mächten in Südostasien eine schwere Niederlage zugefügt hatten, versammelten sich in Kyoto eine Reihe angesehener japanischer Wissenschaftler und Intellektueller zu einer Konferenz. Unter ihnen waren Schriftsteller der sogenannten Romantischen Gruppe ebenso wie Philosophen der buddhistisch-hegelianischen Schule von Kyoto. Das Thema, über das sie diskutierten, lautete: "Wie läßt sich die Moderne überwinden?" 1

Die nationalistische Begeisterung erlebte damals gerade einen Höhepunkt, und die Konferenzteilnehmer waren allesamt auf die eine oder andere Weise Nationalisten. Der Krieg selbst jedoch, der in China, auf Hawaii oder in Südostasien tobte, wurde seltsamerweise kaum erwähnt. Dabei ließ zumindest einer der Teilnehmer, Hayashi Fusao, der vom Marxisten zum glühenden Nationalisten geworden war, später wissen, der Angriff auf den Westen habe ihn mit Begeisterung erfüllt. Obwohl er sich damals, als er die Nachricht vernahm, in der bitterkalten Mandschurei aufhielt, habe er das Gefühl gehabt, düstere Wolken hätten sich verzogen und einem strahlenden Sommerhimmel Platz gemacht. Ohne Zweifel wurden viele seiner Kollegen von ähnlichen Empfindungen übermannt. Doch auf dieser Konferenz ging es nicht um Kriegspropaganda. Die dort versammelten Männer - die literarischen Romantiker ebenso wie die Philosophen - hatten sich schon lange vor dem Angriff auf Pearl Harbor mit der Frage beschäftigt, wie sich die Moderne überwinden ließe. Sofern ihre Schlußfolgerungen kohärent genug waren, um sie politisch nutzen zu können, dienten sie der Propaganda für eine neue asiatische Ordnung unter japanischer Führung; die Intellektuellen freilich hätten sich aufs schärfste dagegen verwahrt, wenn man sie als Propagandisten bezeichnet hätte. Sie waren Denker und keine Auftragsschreiberlinge.

"Die Moderne" jedenfalls ist ein schwer faßbarer Begriff. In Kyoto war damit 1942 der Westen gemeint, nicht anders als im Jahr 2001 in Kabul oder Karachi. Doch der Westen ist fast ebenso schwer zu definieren wie die Moderne. Japanische Intellektuelle hegten einen starken Widerwillen dagegen, konnten aber nicht genau sagen, was dieser Westen denn nun eigentlich war. Die Verwestlichung, so meinte einer, sei wie eine Krankheit, die den japanischen Geist befallen habe. Die "moderne Sache", so ein anderer, sei eine "europäische Sache". Viel war die Rede von einer ungesunden Wissensspezialisierung, welche die Ganzheit der spirituellen Kultur des Orients zerstört habe. Die Schuld daran gab man einmal der Wissenschaft, dann wieder dem Kapitalismus, dem Eindringen moderner Technologie in die japanische Gesellschaft oder den Vorstellungen von individuellen Freiheiten und Demokratie. All das galt es zu "überwinden". Ein Filmkritiker namens Tsumura Hideo verteufelte die Produktionen aus Hollywood und pries statt dessen Leni Riefenstahls Dokumentarfilme über die Naziparteitage; sie stimmten offenbar mit seinen Vorstellungen davon, wie eine gesunde nationale Gemeinschaft auszusehen habe, eher überein. Seiner Ansicht nach war der Krieg gegen den Westen ein Krieg gegen die "ekelhafte materialistische Zivilisation", die auf der Macht des jüdischen Finanzkapitals beruhe. Alle waren sich darüber einig, daß Kultur - gemeint war natürlich die traditionelle japanische Kultur - spirituell und tiefgründig sei, während die moderne westliche Zivilisation oberflächlich und wurzellos sei und die kreativen Fähigkeiten zerstöre. Der Westen - und hier vor allem die USA - galt als kaltes, mechanisches Gebilde. Ein ganzheitlicher, traditioneller Orient werde, vereint unter der göttlichen imperialen Herrschaft Japans, die wärmende organische Gemeinschaft spirituell wiederherstellen. Oder wie es einer der Konferenzteilnehmer formulierte: Man habe es mit einem Kampf zwischen

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