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Russian Angst Einblicke in die postsowjetische Seele von Franke, Thomas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.03.2017
  • Verlag: edition Körber-Stiftung
eBook (ePUB)
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Russian Angst

Als der Journalist Thomas Franke zum ersten Mal nach Russland reiste, musste man eigentlich keine Angst mehr haben: Das Sowjetreich war zusammengebrochen, der russische Bär bleckte nicht länger die Zähne. Heute fürchten sich wieder viele Menschen vor - und ebenso: in - Putins Russland. Seit mehr als 20 Jahren bereist Franke Russland, von 2012 bis 2016 lebte er in Moskau: Zeit für zahllose Begegnungen und Gespräche zwischen der Hauptstadt und der Krim, zwischen Wolgograd und Sibirien. Mit scharfem Blick und präzisem Ton erzählt Franke von Alltag, Geschichte und Politik und erlebt als mitfühlender Chronist eine Entwicklung, die er nicht für möglich gehalten hatte: die Reaktivierung sowjetischer Reflexe, die Rückkehr der Angst in die russische Gesellschaft. Diese Angst, so Franke, hat das ganze Land infiziert: Die Staatsmacht unter Putin nutzt sie, um ihre Autorität zu stärken und die Moral der Opposition zu untergraben. Und zugleich schürt sie die Angst vor Macht- und Identitätsverlust, vor der weltpolitischen Marginalisierung: In der russischen Seele gärt eine explosive Mischung. Thomas Franke ist Journalist und Autor. Er bereist Russland seit mehr als 20 Jahren und lebte von 2012 bis 2016 in Moskau. Franke produzierte für das Deutschlandradio, die ARD und die BBC und andere Rundfunkanstalten 25 Jahre lang Alltagsreportagen, Langzeitdokumentationen und politische Analysen aus Russland, der Ukraine, dem Kaukasus und vom Balkan. Er arbeitet außerdem literarisch und schreibt Gedichte, Hör- und Theaterstücke und produziert Kurzfilme und Dokumentationen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 264
    Erscheinungsdatum: 13.03.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783896845221
    Verlag: edition Körber-Stiftung
    Größe: 3351 kBytes
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Russian Angst

Kapitel 1:
Hoffnung auf Umbruch

Der Winter 2011/2012

Die Angst vor Russland sitzt tief in der deutschen Gesellschaft. Eigentlich ist es die vor der Sowjetunion, dem Land, aus dem die Väter nicht zurückgekehrt sind, die Brüder, die Freunde. Die Generationen, die den Krieg gefochten haben, wurden verheizt in der Kälte der Sowjetunion. Und wenn sie wiederkamen, und es kamen nicht viele zurück, waren sie gebrochen, kaputt oft, lange nicht mehr fähig zu lachen. Immer, wenn ich an diese Männer denke, erinnere ich mich an Onkel Kuno. Den Schwager meiner Großmutter. Ich habe ihn nur ein Mal gesehen. Er war bei uns zu Besuch, warum, weiß ich nicht. Er hat das Bein über die Armlehne des Sessels gehängt, das durfte ich nicht.

Es war die Zeit, als alte Männer auf dem Roten Platz standen und Raketen an ihnen vorbeifuhren, Raketen, die uns bedrohten, damals in Westdeutschland, in Hamburg. Raketen, gegen die hierzulande Pershing-II-Raketen stationiert wurden. Ich war dagegen, wollte unbedingt nach Bonn fahren zur großen Friedensdemonstration 1983 - und durfte nicht. Breschnew, Reagan, das SDI-Programm, die Verlegung des Krieges ins Weltall - klar machte uns das Angst. Aber es blieb unvorstellbar. Wird schon gut gehen. Wir sind ja für den Frieden. "Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin." Lösungen konnten so einfach sein. Ich war auf einer linken Schule, das fand ich toll. "Mein Gott, der Russe steht ja schon vor Lauenburg", sang unser Schulchor damals, "und er kommt bestimmt noch durch." Immerhin stand er, der Russe. Gesungen haben sie es zur Melodie von "Joshua Fit the Battle of Jericho". Den Text hatte ein Musiklehrer geschrieben. Der hatte strohig abstehende Haare, trug Jeans und Turnschuhe und ließ sich von den älteren Schülern duzen. Er kam mir damals unglaublich progressiv vor.

Wir wuchsen mit einer diffusen Angst vorm Russen auf, der damals die Sowjetunion war - real und abstrakt zugleich. Russland und die Sowjetunion waren damals für uns das Gleiche. Moskau war das Zentrum des Bösen hinter einem Vorhang, der eisern genannt wurde. Den kannte ich. Das waren der Grenzzaun bei Lübeck und die Mauer in Berlin. Von dort aus wurden Gesellschaften unterdrückt, Diktatoren gestützt, Reformer gestürzt, Dissidenten verhaftet, verfolgt und in Psychiatrien gebrochen. Mein Vater las den "Archipel Gulag" von Alexander Solschenizyn, und auch mein Klassenlehrer in der sechsten Klasse hat uns von dem Buch erzählt.

Onkel Kuno war in Russland, das war das Erste, was mir über ihn gesagt wurde. Meine Mutter war todunglücklich. Sie hatte Kohlrouladen gemacht. Kuno aß keine Kohlrouladen. Überhaupt keinen Kohl. Wegen Russland, wegen der Kriegsgefangenschaft. "Da gab es immer Kohl. Kapusta." Vielleicht war Kapusta das erste Wort, das ich auf Russisch sagen konnte.

Kuno war Dorfschullehrer in Mulak gewesen, einem Ort bei Rastenburg in Ostpreußen. Unerreichbare verklärte Heimat. Kuno war der Mann von Tante Grete, der Schwester meiner Großmutter. Sechs Kinder hatten sie, Grete trug das Mutterkreuz, war aktive Nationalsozialistin. Glaubte an den Endsieg. Glaubte noch, als das Ende nah und klar war, dass es nicht siegreich wird. Sie blieb, als alle gingen. Wollte kämpfen. Mit der Waffe in der Hand "für Führer, Volk und Vaterland". Ihre Kinder behielt sie bei sich, als die Rote Armee kam. Grete ward nie mehr gesehen, wurde vom Russen verschleppt, hieß es, ihre Kinder landeten in einem Waisenhaus, kamen später über das Rote Kreuz zur Familie nach Westdeutschland. Gretes Tod, wie auch die verlorene Heimat, waren Themen beim familiären Kaffeetrinken. Nach Russland ging man nicht, da war man froh, wenn man herausgekommen war.

Als meine Frau und ich nach Moskau zogen, war die Zeit, in der Menschen in Europa Angst vor Russland haben mussten, eigentlich vorbei. Die Sowjetunion war an der eigenen Großmachtlüge zugrunde gegangen. Männerfreundschaften, wie die zwischen K

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