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Russland wachrütteln Mein Vater Boris Nemzow und sein politisches Erbe von Nemzowa, Schanna (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.02.2016
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
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Russland wachrütteln

Am 27. Februar 2015 wurde der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow in Moskau auf offener Straße erschossen. Schanna, seine älteste Tochter, stand ihm besonders nahe. Sie erzählt, warum ihr Vater sterben musste und wofür sie politisch kämpft.
Boris Nemzow war eine zentrale Figur der russischen Opposition und ein erbitterter Gegner Putins. Dafür musste er sterben. Seine Tochter Schanna macht den russischen Präsidenten für den Mord verantwortlich. Sie ist besorgt um die Zukunft ihres Landes und beklagt ein Klima des Hasses gegen alle, die echte Demokratie fordern. Trotzdem hat sie den Mut, öffentlich Kritik zu üben. Mehr noch: Sie will das Lebenswerk ihres Vaters fortsetzen. Sie schildert, wie er sie geprägt hat - als Mensch und als Politiker. Und sie sagt deutlich, was sich in Russland ändern muss, damit sie wieder dort leben kann. Ein bewegendes Portrait, ein mutiger Aufruf - und ein Vermächtnis.

Schanna Nemzowa, Jahrgang 1984, ist Journalistin und Börsenexpertin.Sie war bis Mai 2015 Moderatorin beim russischen Wirtschaftssender RBK in Moskau. Im Juni 2015 ist sie ausgereist. Seit August 2015 arbeitet sie für die Deutsche Welle. Schanna Nemzowa wurde für ihr politisches Engagement mit dem polnischen Solidarnosc-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Bonn.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 12.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843713245
    Verlag: Ullstein
    Größe: 11795kBytes
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Russland wachrütteln

Die schrecklichste Nacht meines Lebens

Seit jenem Freitag im Februar 2015 ist nichts mehr in meinem Leben so, wie es vorher war. Ich war zu Hause in meiner Wohnung, im Zentrum von Moskau, nicht weit vom Kreml entfernt. Ich bin gegen Mitternacht zu Bett gegangen, weil ich am nächsten Morgen mit meiner Mutter in den Urlaub fahren wollte; die Koffer waren schon gepackt, wir waren mit den Gedanken schon so gut wie in Italien. Da weckten mich plötzlich schreckliche Schreie, solche, wie ich sie niemals zuvor gehört hatte. Meine ersten Gedanken waren: Ich habe vergessen die Tür zu schließen, wir werden überfallen, da sind sicher Einbrecher in der Wohnung.

Ich rannte aus meinem Zimmer und sah meine Mutter auf dem Sofa sitzen. Sie konnte kaum reden. "Vater wurde getötet", sagte sie. Ich fragte sie, wer ihr das mitgeteilt habe. Sie sagte, Olga habe sie angerufen. Das ist eine Freundin meiner Mutter. Ich fragte: "Wo?" Und sie gab mir zur Antwort: "Tot. Erschossen. Auf der Bolschoi-Moskworezki-Brücke, auf dem Heimweg."

Wenn meine Mutter nicht gewesen wäre, hätte ich die Nachricht bis zum Morgen nicht erfahren. Ich schalte mein Handy über Nacht immer aus, damit mich nicht irgendein zufälliger Anruf oder irgendeine Nachricht aus dem Schlaf holt. Dennoch konnte ich nicht sofort glauben, was meine Mutter gesagt hatte. Ich machte mein Telefon an, dann sah ich, dass es da bereits viele Beileidsbekundungen von Freunden und Kollegen gab. Aber ich wollte es immer noch nicht glauben. So ging ich ins Internet auf die Seite von CNN und da wiederum auf die Nachrichtenseiten. Und danach auf die Seite von RBK , dem Fernsehsender, bei dem ich damals noch arbeitete. Es gab keine Zweifel, leider.

Ich zog mich an, so schnell es ging. Zum Ort des Geschehens wären es zu Fuß fünfzehn Minuten gewesen, aber es regnete, und so nahmen wir ein Taxi. Unterwegs fragte uns der Taxifahrer, was auf der Bolschoi-Moskworezki-Brücke geschehen ist. Ich antwortete ihm, dass Boris Nemzow umgebracht wurde. Er zuckte mit den Schultern und sagte so etwas wie "Na und?". Ich antwortete ihm, dass es doch irgendwie merkwürdig sei, wenn er sich so ausdrücke, denn es sei schließlich ein bekannter Mensch im Zentrum von Moskau umgebracht worden. Dann fügte ich noch hinzu, dass es sich um meinen Vater handle. Unsere Unterhaltung war damit abrupt zu Ende, aber ich werde mich immer an sie erinnern.

Fünf bis sieben Minuten später waren wir schon da, direkt gegenüber vom Kreml und der Basilius-Kathedrale mit ihren bunten Zwiebeltürmen. Mein Vater wohnte auf der anderen Seite des Moskwa-Flusses, gar nicht weit von meiner Wohnung entfernt, und wenn er im Zentrum war, dann ging er meist zu Fuß nach Hause. Die Strecke vorbei an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Russlands ist schön, romantisch und sehr russisch. Mein Vater liebte sie, so oft wie möglich lief er da entlang. Und so auch in jener Nacht auf den 28. Februar, wie sich später herausstellte.

Mein Vater war bei Echo Moskaus, dem letzten Radiosender in Moskau, der noch halbwegs kritisch berichtet. Dort gab er ein Interview über den großen Marsch des Frühlings, der für den 1. März 2015 in Marino geplant war, einer Trabantenvorstadt von Moskau, weil die Behörden der Opposition verboten hatten, ihn im Zentrum der Stadt abzuhalten. Mein Vater war einer der Organisatoren dieser Protestaktion. Nach dem Interview unterhielt er sich noch auf dem Flur und im "Wartezimmer" von Echo Moskaus mit Journalisten - eine alte Tradition bei dem Sender. Anschließend fuhr er vom Neuen Arbat weiter zum Manege-Platz, der direkt an den Roten Platz angrenzt. In dem alten Kaufhaus GUM , einem Konsumtempel des neuen Russlands und einem Denkmal historischer russischer Architektur, ist das Bosko-Café, eines seiner Lieblingslokale in Moskau - nicht zuletzt wegen der malerischen Kulisse, direkt am Roten Platz, gegenüber der Kreml-Mauer. Dort hatte sich mein Vater mit Anna Duri

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