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Taktiken der Entnetzung Die Sehnsucht nach Stille im digitalen Zeitalter von Zurstiege, Guido (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.11.2019
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
17,99 €
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Taktiken der Entnetzung

In einer Zeit, in der jeder permanent sendet und auf Empfang ist, stellt die Fähigkeit zur Entnetzung eine der wichtigsten Bedingungen für die Selbstbehauptung und Selbstbestimmung des Individuums dar. Die allseits gesteigerte Kommunikation und Konnektivität erzeugt ein ebenfalls gesteigertes Bedürfnis nach kommunikativem Rückzug und Verzicht. Ob aus Verdruss über den Verfall des politischen Diskurses oder als Reaktion auf den Zwang zur permanenten Entblößung, ob aus Angst vor den auf Dauerüberwachung programmierten Medien des technologischen Habitats oder als Versuch der Rückgewinnung von Kontrolle über das aus den Fugen geratene eigene Mediennutzungsverhalten: Jeder braucht heute Taktiken der Entnetzung, um den Herausforderungen des digitalen Zeitalters erfolgreich zu begegnen. Guido Zurstiege, geboren 1968, ist Professor für Medienwissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 11.11.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518763889
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1595 kBytes
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Taktiken der Entnetzung

Apostel der Entnetzung

Der Zwang zur Selbstoffenbarung in den sozialen Medien, die gestiegenen Möglichkeiten der Überwachung, die Erfahrung von digitalem Hass und politischer Propaganda, der Übergang von einem Paradigma der ritualisierten Mediennutzung hin zu einem der habituellen, manchmal geradezu zwanghaften Mediennutzung, all dies ist heute Gegenstand öffentlicher Debatten. Ein auffälliges Merkmal dieser Diskussionen ist die Tatsache, dass sich viele ihrer Protagonisten durch eine besondere Nähe zu genau den Medien auszeichnen, die im Zentrum der Kritik stehen. Freilich kommen die verschiedenen Beiträge aus sehr unterschiedlichen Ecken des digitalen Universums und propagieren daher sehr verschiedene Taktiken der digitalen Dissidenz. Dies reicht von der Empfehlung eines punktuellen Verzichts über das Plädoyer für einen achtsamen Umgang mit den neuen Medientechnologien bis hin zu der Forderung nach einem radikalen Schnitt mit den sozialen Medien. Persönlich ist der Ton, mit dem die meisten dieser Apostel der Entnetzung ihre Leser ansprechen, metaphorisch ist ihre Sprache, die Bilder einer Zeitenwende evoziert und historische Parallelen aufweist zu einer ganzen Reihe von Industrien, die im Zuge der Gesellschafts- und Konsumkritik der vergangenen Jahrzehnte nacheinander in Ungnade gefallen sind. Allen Aposteln der Entnetzung ist gemeinsam, dass sie vor allem dem Individuum die Verantwortung zuschreiben, an den Verhältnissen des herrschenden Kommunikationsklimas etwas zu ändern, an den Herausforderungen, die die heutige Medienlandschaft mit sich bringt, nicht zu verzweifeln, sondern zu wachsen, fit zu werden, mental einzuschalten oder technisch abzuschalten. Das Mittel der Wahl besteht in der produktiven Entsagung auf all das, was einen ablenken könnte, und das sind besonders die digitalen Medien.

Oft sind es Praktiker, die mit dem ganzen Pathos eines Branchenkenners den temporären Ausstieg fordern und sich für Rituale der digitalen Reinigung und des Verzichts einsetzen. Man kann das als den öffentlich sichtbaren Ausdruck einer der wohl größten medientheoretischen Rückrufaktionen aller Zeiten bezeichnen. Die meisten der einstigen Netzeuphoriker haben bereits in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends ihre Thesen widerrufen: Ob Jaron Lanier, Evgeny Morozov, Sherry Turkle, Eli Pariser oder Howard Rheingold 1 - nur wenige Jahre nachdem sie ihre euphorischen Zukunftsvisionen verkündet haben, sind aus all diesen Propheten der schönen neuen digitalen Medienwelt Zögerer und Zweifler geworden. Einst glühende Verfechter einer neuen digitalen Ordnung, bewerten sie die Potenziale der digitalen Medien heute ganz und gar anders, als sie es noch in der Sturm- und Drangphase der gesellschaftlichen Computerfizierung getan haben. Während sich immer mehr Menschen in den Foren und auf den Plätzen der digitalen Öffentlichkeit versammeln und in den neuen Möglichkeiten der gesteigerten Vernetzung schwelgen, in einer Zeit, in der immer mehr Menschen geradezu massenhaft ihre eigenen Grundrechte auf informationelle Selbstbestimmung mit einem kurzen Click leichthändig abgeben und in medienethischer Hinsicht "disconnected" digitale Medien nutzen, 2 häufen sich bei all jenen Bedenken, die die berauschenden Möglichkeiten des vernetzten Computers bereits von Anfang an in vollen Zügen ausgekostet haben.

Viele Apostel der Entnetzung haben also ihren beruflichen Erfolg ausgerechnet jenen Technologien zu verdanken, auf die produktiv verzichten zu können sie öffentlich propagieren. Anfang 2019 gestand der Bundesvorsitzende der Grünen, Robert Habeck, dass er nach vielen Jahren des Twitterns nun entschieden habe, seinen Twitter-Account zu löschen. Am Anfang sei er fasziniert davon gewesen, wie Barack Obama 2008 den Präsidentschaftswahlkampf mit Hilfe der sozialen Medien gewonnen habe. Inzwischen wolle er aber eben mehr als nur ein cooles twittertaugliches Statement formul

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