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Toleranz: einfach schwer von Gauck, Joachim (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.06.2019
  • Verlag: Verlag Herder GmbH
eBook (ePUB)
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Toleranz: einfach schwer

Die Lebensentwürfe, Wertvorstellungen, religiösen und kulturellen Hintergründe der Menschen werden immer vielfältiger. Manche erleben dies als Bereicherung, nicht wenige aber als Last. Was muss die Gesellschaft, was muss der Einzelne tolerieren und wo liegen die Grenzen der Toleranz? Wie viel Andersartigkeit muss man erdulden und wie viel Kritik aushalten? In seinem neuen Buch streitet Joachim Gauck für eine kämpferische Toleranz. 'Ich war und bin bis heute der Meinung, dass es kein Laisser-faire geben darf gegenüber jenen, die Pluralität und Toleranz mit Füßen treten. Toleranz, die Nachsicht und Duldsamkeit preist gegenüber den Verächtern der Toleranz, hilft den Tätern und nicht den Opfern. Intoleranz gegenüber einer Intoleranz, die Menschen unterdrückt und verachtet, ist eine Haltung von Demokraten im Namen der Menschenwürde.' Aus der entschiedenen Überzeugung heraus, dass die Gesellschaft eine deutlichere und bewusstere Debatte über Toleranz benötigt, spürt er den Fragen nach: Was macht Toleranz aus und was macht sie notwendig? Und warum ist Intoleranz heute so populär und attraktiv? Die großen Themen der Zeit - wie das Erstarken populistischer Parteien, die Debatten in der Migrationspolitik, die Zunahme des Islam in europäischen Gesellschaften, die drohende Klimakatastrophe und die zunehmende Digitalisierung der Welt - bieten viel Angriffsfläche für das Maß dessen, was ein Einzelner bereit ist zu akzeptieren und zu ertragen. Daraus erwachsen Formen des Extremismus und der Intoleranz, die der ehemalige Bundespräsident als die großen Herausforderungen unserer Zeit bezeichnet, denn zum bereits vorhandenen Links- und Rechtsextremismus gesellt sich der islamische Fundamentalismus. Intoleranz jedoch nur denjenigen vorzuwerfen, die extreme Haltungen vertreten, ist kurzsichtig. Die 'Intoleranz der Guten' kann ebenso die Gemeinschaft schwächen. Diese politische Korrektheit im Sinne einer politischen und ethischen Orientierung trägt zwar zu gegenseitigem Respekt und Verständigung bei, dennoch müssen kontroverse Diskussionen möglich sein. Dies zeigt sich besonders in Migrationsfragen. Die derzeit größte Zerreißprobe für die individuelle und gesellschaftliche Toleranz ist die hohe Zahl von Menschen, die Schutz in Deutschland und Europa suchen. Kritisch hinterfragt Joachim Gauck, wo die Grenzen der Toleranz erreicht werden. Der große Demokrat schließt mit einem starken Plädoyer für die Erhaltung und Wahrung von Toleranz als Tugend und als Gebot der politischen Vernunft, die gut ist für jeden Einzelnen und unerlässlich für die Gesellschaft. 'Es ist nicht die schlichte Vertrautheit mit dem Eigenen, was uns sicher macht, das Richtige zu verteidigen. Sondern die Gewissheit, dass der Verteidigung wert ist, was allen Menschen zukommt: Würde, Unversehrtheit, Freiheit und Recht. Es wird sich immer und immer wieder lohnen, dafür zu streiten mit Verantwortungsbewusstsein, mit Mut und - mit kämpferischer Toleranz.' Joachim Gauck, geboren 1940, studierte Theologie und arbeitet viele Jahre als Pastor; Mitinitiator des kirchlichen und öffentlichen Widerstands gegen die SED-Diktatur; ab März 1990 Abgeordneter für das Bündnis 90 in der zum ersten Mal frei gewählten Volkskammer; von 1991 bis 2000 Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR; 2012 bis 2017 elfter Präsident der Bundesrepublik Deutschland; zahlreiche Ehrungen, u.a.: Theodor-Heuss-Medaille, Geschwister-Scholl-Preis, Europäischer Menschenrechtspreis, Ludwig-Börne-Preis; Ehrendoktor der Universitäten Rostock, Jena, Augsburg, der National University of Ireland/Galway, der Hebrew University of Jerusalem, der Université Paris-Sorbonne sowie der Maastricht University. Helga Hirsch, geboren 1948, studierte Germanistik und Politologie in Berlin und arbeitet seit 1985 als freie Journalistin, unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk, FAZ, Arte, Die Welt, Deutschlandfunkt etc.; Autorin

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 18.06.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783451815270
    Verlag: Verlag Herder GmbH
    Größe: 2125 kBytes
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Toleranz: einfach schwer

Zum Beispiel: Das Haus I

Auf der Suche nach einem lebensnahen, alltäglichen Beispiel für Toleranz kam mir Thomas in den Sinn, ein guter Bekannter in Westdeutschland, der vor einigen Jahren ein Haus von seiner Tante geerbt hat. Ein Mietshaus mit mehreren Parteien in einer westdeutschen Großstadt. Für Thomas, der seinen Lebensunterhalt als Angestellter in einer Stadtverwaltung verdient, ein ziemlicher Rollenwechsel. Dieses Mietshaus erschien mir plötzlich ein passendes Bild für eine Gesellschaft im Kleinen. Die Mieter brauchen Regeln, um miteinander auszukommen. Sie müssen sich nicht lieben, sie sollten sich aber auch nicht hassen. Sie müssen lernen, Konflikte zu lösen und in immer neuen Konstellationen miteinander auszukommen. Da Thomas mir regelmäßig von dem Haus erzählt, sind mir die Bewohner und die Verhältnisse vertraut geworden, ohne dass ich jemals vor Ort gewesen wäre. Und erstaunlich oft ging es in seinen Geschichten um Toleranz beziehungsweise ihre Grenzen.

Bevor Thomas das Erbe antrat, hatte er kurzzeitig Zweifel, ob ihn das Haus finanziell nicht überfordern würde. Das Gebäude war in einem relativ schlechten Zustand, ein wenig verwahrlost, die Fassade wies Risse auf, im Treppenhaus bröckelte der Putz von den Wänden. Bekannte rieten ihm, das Erbe vorsichtshalber auszuschlagen. Doch die Entscheidung fiel schnell. Das Haus erinnerte Thomas an Gefühle, Gerüche, Erinnerungen aus der Kindheit, als er die Tante regelmäßig besucht hatte. Dieser Ort gehörte zu seiner Geschichte. Und die Sparkasse sicherte ihm einen Kredit zu. Er trat das Erbe an.

Die neue Rolle forderte ihn allerdings gehörig heraus. Er arbeitete drei Tage in der Stadtverwaltung und kümmerte sich den Rest der Woche um das Haus. Es galt, neue Mietverträge aufzusetzen, neue Versicherungen abzuschließen, alle Daueraufträge zu ändern und Angebote für die Gebäudesanierung einzuholen. Ein Rundgang mit einem Architekten förderte zudem zutage, dass auch im Keller und auf dem Dachboden Ausbesserungen erforderlich sein würden. Thomas machte Pläne für die Ausbesserungsmaßnahmen, nahm Verhandlungen mit Firmen auf und holte das Einverständnis der Mieter für die Baumaßnahmen ein. Bei diesen ersten Gesprächen erfuhr er auch erstmals von Konflikten.

Es gebe ein Problem im Haus, erklärte ihm die ehemalige Grundschullehrerin, die unten im Erdgeschoss wohnt. Das "Problem" seien die beiden Studenten unter dem Dach. Sie hielten sich nicht an die Nachtruhe, probten regelmäßig mit Freunden Musikstücke, mit denen sie angeblich bei verschiedenen Live-Veranstaltungen auftraten. Sie fände es ja lobenswert, sagte die Lehrerin, dass sich die Studenten Geld verdienten, aber warum üben sie zuhause und nicht in irgendeinem Club? Mehrfach hätten sich die Hausbewohner bei der Tante beschwert, doch die sei mit der Sache im fortgeschrittenen Alter überfordert gewesen. Mehrfach hätten die Mieter sogar die Polizei gerufen. Dann sei zwar für einige Tage Ruhe eingetreten, doch kurz darauf sei die Auseinandersetzung in die nächste Runde gegangen. "Sie werden sich doch kümmern?", fragte die Grundschullehrerin und sah Thomas erwartungsvoll an.

Thomas kümmerte sich. Zunächst suchte er ein Gespräch mit den Studenten, verwies sie auf die Hausordnung, forderte deren Beachtung. "Eine Gemeinschaft braucht ein Minimum an Regeln, braucht gegenseitige Rücksichtnahme." Doch schon während des Gesprächs merkte er, dass seine Argumente die Studenten nicht erreichten. Warum, so musste er sich vielmehr anhören, würden sich die Mieter in ihrem Fall beschweren, wo doch die Familie im ersten Stock einen Hund hätte, der nachts nicht selten laut und lange bellte? Außerdem spielten sie im Dachgeschoss. Da gebe es keine Mieter daneben und darüber.

Thomas wollte kein Spießer sein, er wollte sich aber auch nicht auf der Nase herumtanzen lassen - und schrieb eine Abmahnung. Als allerdings schon nach zwei Wochen der nächste Beschwerdea

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