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Unser Staat. Unsere Geschichte. Unsere Kultur Verantwortung für Vergangenheit und Zukunft von Lammert, Norbert (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.10.2015
  • Verlag: Verlag Herder GmbH
eBook (ePUB)
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Unser Staat. Unsere Geschichte. Unsere Kultur

Norbert Lammert blickt mit diesem Buch auf unser Land. Auf ein Deutschland, in dem wir heute weltoffen, demokratisch und frei zusammenleben. Das war nicht immer so. Nach dem Scheitern der Weimarer Republik, dem Zweiten Weltkrieg und der jahrzehntelangen Teilung standen wir an einer Schwelle, die einen Neubeginn nötig und möglich gemacht hat. Der Autor betrachtet die deutsche Geschichte und Gegenwart und analysiert pointiert die Frage 'Was geht uns unsere Geschichte an?' aus unterschiedlichen Perspektiven. Norbert Lammert, Dr. rer. soc., geb. 1948, seit 1980 Mitglied des Deutschen Bundestages; 1989-1998 Staatssekretär; Mitglied des CDU-Präsidiums; 2002-2005 Vizepräsident, seit 2005 Präsident des Deutschen Bundestages. Er ist Honorarprofessor der Uni seiner Heimatstadt Bochum.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 08.10.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783451806247
    Verlag: Verlag Herder GmbH
    Größe: 4347 kBytes
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Unser Staat. Unsere Geschichte. Unsere Kultur

2. "Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf"
Vom 17 Juni 1953 zum 18. März 1990

"Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf!", hatte Erich Honecker noch Anfang Oktober 1989 anlässlich der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR gesagt. Vier Wochen später fiel die Mauer, weniger als ein halbes Jahr danach war die kommunistische Regierung durch freie Wahlen gestürzt, ein Jahr später der Staat aufgelöst: Die DDR hatte sich durch Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes mit der Bundesrepublik Deutschland vereinigt. Es waren nicht Ochs und Esel, es waren die Menschen, die den Sozialismus 1989 nicht nur aufhielten, sondern ihn ersetzten: durch die Freiheit. Der Kampf für Einigkeit und Recht und Freiheit war endlich vom Erfolg gekrönt, begonnen hatte er viel früher.

Um die Freiheit ging es den Menschen auch am 17. Juni 1953. Der Tag gehört deshalb zu den herausragenden Daten der jüngeren deutschen Geschichte. In der Begründung zu dem Bundesgesetz, das den 17. Juni noch im selben Jahr zum gesetzlichen Feiertag bestimmt hat, heißt es: "Am 17. Juni 1953 hat sich das deutsche Volk in der sowjetischen Besatzungszone und in Ost-Berlin gegen die kommunistische Gewaltherrschaft erhoben und unter schweren Opfern seinen Willen zur Freiheit bekundet. Der 17. Juni ist dadurch zum Symbol der deutschen Einheit in Freiheit geworden."

Die Geschichte des 17. Juni 1953 ist, für sich betrachtet, die Geschichte einer Niederlage. An jenen Tagen Mitte Juni 1953 haben in der DDR Hunderttausende Menschen - die Schätzungen reichen von 400 000 bis zu 1,5 Millionen - erstmals den Fuß in die Tür zur Freiheit gestellt. Das Regime hat diese Tür jedoch wieder zugeschlagen - nicht nur in Berlin, sondern auch in Rostock, Schwerin, Frankfurt/Oder, Magdeburg, Cottbus, Halle, Erfurt, Dresden, Chemnitz und anderen Orten, an denen die Menschen auf die Straße gingen.

Mit welcher Gnadenlosigkeit und Menschenverachtung dies geschah, zeigt das Beispiel des Autoschlossers Alfred Diener in Jena. Der damals gerade 26-Jährige war dabei, als der SED-Kreisleitung die Forderungen der 20 000 Demonstranten auf dem Holzmarkt vorgetragen wurden. Er wurde noch am Nachmittag des 17. Juni verhaftet und am Morgen des 18. Juni durch ein sowjetisches Militärtribunal zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde sofort vollstreckt. Alfred Diener hatte am 19. Juni 1953 heiraten wollen. Er hinterließ neben seiner Verlobten seinen sechs Monate alten Sohn. Andere Demonstranten wurden auf offener Straße erschossen, für Jahre inhaftiert oder bezahlten mit Diskriminierung für ihren Widerstand.

Der Aufstand der Menschen in der DDR war brutal niedergeschlagen worden, und doch waren die Erhebungen von 1953 in der Rückschau der Beginn eines letztlich erfolgreichen Kampfes für die Freiheit. Fritz Stern, der als Junge mit seiner deutsch-jüdischen Familie 1938 aus Breslau vertriebene amerikanische Historiker, sagte in seiner Rede zur Gedenksitzung des Deutschen Bundestags am 17. Juni 1987, also zwei Jahre vor dem Fall der Mauer: "Aus der heutigen Sicht kann man sehen, dass die damaligen Kämpfer mehr erreicht haben - sowohl Erstrebtes wie Ungeahntes -, als man nach ihrer Niederlage vor sowjetischen Panzern hätte erwarten können. Der 17. Juni wurde zu einem Vorboten von Aufständen und Reformen: Die Menschen der Nachbarländer der DDR, die Polen, die Ungarn, die Tschechen, haben auf ihre eigene großartige Weise versucht, ihre Forderungen durchzusetzen ... Der 17. Juni hat einen Prozess eingeleitet, in dem immer erneute Forderungen Reformen erzwungen haben."

Viele Menschen in Westdeutschland werden den 17. Juni allerdings vor allem als arbeitsfreien Tag in Erinnerung haben, weniger als einen nationalen Gedenktag, vielmehr als einen Ausflugstag bei häufig schönem Wetter. Und wenn wir ehrlich sind, war das Gedenken an den 17. Juni 1953 in der alten Bundesrepublik für viele eher ein Ritual

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