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Warten Eine verlernte Kunst von Reuter, Timo (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.11.2019
  • Verlag: Westend Verlag
eBook (ePUB)
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Warten

Just in time, alles sofort und immer in Bewegung - es ist höchste Zeit für eine neue Kultur des Wartens, die sich dem Rausch der Beschleunigung widersetzt! Warten gilt als uncool. Wer warten muss, ist arm und arm dran. Privilegiert sind diejenigen, die sofort an der Reihe sind und alles sofort bekommen: Materielles sowieso, aber auch Immaterielles wie Bekümmerung, Pflege und Liebe. Die Digitalisierung unserer Kommunikation und unseres Lebens spiegelt uns in eine Welt des immer Machbaren und Unmittelbaren vor. Doch um welchen Preis? Wer nicht warten kann, dem geht die Geduld verloren - und die Vorfreude. Denn sie ist das Glück des Wartenden. Timo Reuter betrachtet das Warten als Sandkorn im Getriebe der pausenlosen Verwertungsmaschinerie. Und als Möglichkeit, uns neue Freiräume zu öffnen. Er untersucht den politischen Gehalt des Wartens, sein subversives Potenzial und die beglückende Kraft des Nichtstuns. Timo Reuter, Jahrgang 1984, hat Philosophie, Mathematik und Pädagogik in Marburg und Frankfurt am Main studiert. Nach Stationen bei Radio und Fernsehen kommentiert er seit 2011 für verschiedene überregionale Tages- und Wochenzeitungen das politische Zeitgeschehen, soziale Bewegungen und gesellschaftlichen Stillstand. 2016 hat er ein Buch über das bedingungslose Grundeinkommen veröffentlicht. Besonders auf Reisen wartet er gerne. Er lebt in Frankfurt am Main.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 04.11.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783864897566
    Verlag: Westend Verlag
    Größe: 2659 kBytes
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Warten

II. Warten im Wandel der Zeit

Die warten kann, kommt auch noch an. 1

Altes Sprichwort

Schon immer haben Menschen gewartet: auf die Geburt und den Tod, auf besseres Wetter oder ihre Liebsten, auf das nächste Essen und die kommende Ernte. Das Warten ist eine anthropologische Tatsache - aber ist es auch eine Konstante? Oder hat sich die Art und Weise, wie und auf was wir warten, nicht doch radikal gewandelt? Wie war das früher, als es noch keinen Bus gab und kein Wartezimmer?

Bei der Suche nach Antworten stoßen auch Historikerinnen und Historiker schnell an ihre Grenzen. Wie normale Menschen ihren Alltag verbrachten, wie sie gelebt und geliebt haben und vor allem, wie sie gewartet haben - all das spielt in der Geschichtsschreibung kaum eine Rolle. Bis heute wird das in Lehrbüchern und Chroniken ebenso deutlich wie in vielen historischen Museen: Gesammelt und überliefert werden meist nur die "große Geschichten" von Heldentaten und epischen Schlachten, von todbringenden Katastrophen, Kaiserkrönungen und päpstlichen Bullen. Diese Inhalte sind untrennbar mit ihren Verfassern verbunden. Während die einfachen Leute nicht lesen und schreiben konnten, ließen die Herrschenden die Geschichte nach ihrem Belieben schreiben - auch, um sich selbst in ein positives Licht zu rücken. Lange Zeit bestimmten also die Eliten, was in die Geschichte eingeht. Das Leben und der Alltag der einfachen Leute gehörten nicht dazu.

Das änderte sich erst vor wenigen Jahrzehnten - die "Alltagsgeschichte" versucht nun zu rekonstruieren, was lange verborgen blieb: die "Geschichte von unten". Doch umso weiter man in der Historie zurückgeht und je tiefer man in den Alltag der Menschen eindringen möchte, desto weniger Zeugnisse gibt es. Nur selten wird das Warten in historischen Dokumenten thematisiert - und dann eher beiläufig, ohne auf die Befindlichkeiten der Wartenden einzugehen. Der Althistoriker Peter Eich antwortet beispielhaft auf eine Anfrage, er glaube nicht, dass eine systematische Behandlung des Wartens in der Antike möglich sei. "Das liegt ganz generell an der Art der Überlieferung, aber auch an der in der Regel gewählten Oberschichtenperspektive." Andere Historiker äußern sich ähnlich in Bezug auf das Mittelalter 2 . Und so notierte der Literaturwissenschaftler Harold Schweizer in seinem 2008 erschienenen Buch über das Warten: "Obwohl das Warten für die Erzählungen von Homer bis Hollywood zentral ist, ist es doch eine kaum kartierte und schlecht dokumentierte Zeitregion." 3

Gerade über die vormoderne Geschichte des alltäglichen Wartens lassen sich also häufig nur Mutmaßungen anstellen. Solche Interpretationen dienen allerdings allzu oft unserer Selbstvergewisserung: Sie sollen uns etwa verdeutlichen, in welch aufgeklärtem, fortschrittlichem Zeitalter wir leben und wie "finster" und "entbehrungsreich" die Vergangenheit demgegenüber war.

Trotz aller Schwierigkeiten soll an dieser Stelle versucht werden, der Geschichte des Wartens auf den Grund zu gehen - denn nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen. Dafür sollen in diesem Buch historische Entwicklungen ebenso wie typische Wartesituationen betrachtet werden, es wird ein Blick in das bedeutendste Wörterbuch zur deutschen Sprache geworfen und schließlich der Geschichte des menschlichen Zeitbewusstseins nachgespürt.
1. Warten auf Gott und den König

Wir müssen warten, so lange Gott wil. 4

Sprichwort aus dem Mittelalter

Geschichte wurde also von oben gemacht. Und so wundert es kaum, dass die meisten historischen Wartegeschichten am Palast des Pharao, im mittelalterlichen Kloster und an den Höfen der Könige spielen. Oder aber in der Literatur. Der wohl erste abendländische Narrativ zum Warten stammt aus der Feder des Dichters Homer: Es ist d

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