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Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime von Kermani, Navid (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.08.2015
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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Wer ist Wir?

Ohne darüber nachgedacht zu haben, ist Deutschland zu einem Einwandererland geworden.Mit den Menschen kam auch eine neue Religion: der Islam. In seinem neuen Buch erzählt der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani von seinem Leben als Kind iranischer Eltern in Deutschland und berichtet von seinen Erfahrungen als Mitglied der Deutschen Islam-Konferenz. Wer dieses kluge und meisterhaft erzählte Buch gelesen hat, weiß: Es geht nicht darum, die multikulturelle Gesellschaft zu verabschieden. Es geht darum, sie endlich zu gestalten.

Navid Kermani, geboren 1967, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er ist habilitierter Orientalist und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Für seine Romane, Reportagen und wissenschaftlichen Werke wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken (2011), dem Heinrich-von-Kleist-Preis (2012) sowie dem Joseph-Breitbach-Preis (2014).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 189
    Erscheinungsdatum: 21.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406685927
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 4698kBytes
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Wer ist Wir?

Grenzverkehr

Gut kann ich mich an den kleinen Grenzverkehr meiner Kindheit erinnern. Auf dem Berg, auf dem wir lebten, war ich, soweit ich es wahrnahm, der einzige Ausländer. Es gab außer meinem Namen und meinen schwarzen Haaren nichts, was mich im Kindergarten oder in der Grundschule, auf der Straße und unter Freunden als Fremden markiert hätte. Sogar mein Deutsch hatte die Melodie und das rollende R unserer Mittelgebirgslandschaft. Wenn ich jedoch nach Hause kam, war es, als ob ich eine Grenze überschritten hätte. Von einem Schritt auf den anderen Schritt wechselte die Sprache, änderten sich meine Verhaltensweisen, folgte ich anderen Benimmregeln und war, ohne es zu reflektieren oder gar als problematisch zu empfinden, umgeben von Formen, Gerüchen, Geräuschen, Menschen und Farben, die es jenseits der Türschwelle nicht gab.

Für mich war sie so gewöhnlich wie meine eigene Haut, aber auf meine Freunde übte diese Welt, wenn ich mich nicht täusche, eine Faszination aus, die sich darin äußerte, daß sie es in der Regel vorzogen, bei uns zu spielen. Vielleicht war es die Neugier, die das Fremde weckte, vielleicht waren es nur die anderen, für uns Kinder laxeren Gesetze, die in unserer Welt herrschten. Es gab keine verbotenen Räume, keine festgelegten Essenszeiten, keine Eltern, die sich in alles einmischten, nur ein paar Brüder, die schon deshalb nicht störten, weil sie älter waren und mit lauter spannenden Angelegenheiten beschäftigt: Freundinnen, Feten, Fußball, Rockmusik. Ansonsten waren Haus und Garten unser. Ich weiß nicht und habe damals auch nicht darüber nachgedacht, ob die Verhältnisse bei uns typisch persisch waren, aber sie waren anders als bei meinen Freunden, und das spürten diese so gut wie ich. Mit diesem Bewußtsein, daß es drinnen und draußen, jenes und dieses gibt, bin ich großgeworden, und ich habe heute das anmaßende Gefühl, meinen Freunden in dieser Hinsicht etwas vorausgehabt zu haben. Ich brauchte niemals Aufklärung darüber, daß das, was ist, nicht alles ist.

Nun waren die Welten nicht so streng geschieden, wie man vermuten könnte. Es gab Einschulungen und Kindergeburtstage, Elternsprechtage und Besuche meiner Eltern auf dem Fußballplatz, und bei all diesen Gelegenheiten waren die Trennlinien aufgehoben, ich sprach Deutsch und im nächsten Satz, wenn ich mich zu meinen Eltern wandte, Persisch in meinem siegerländisch-isfahanischen Akzent. Gelegentlich war das ein bißchen komisch, aber für mich eben dennoch normal: Zum Beispiel sieze ich meine Eltern auf persisch, was im Deutschen nicht mehr möglich ist, ohne sich lächerlich zu machen. Also versuchte ich damals schon zu vermeiden, meine Eltern auf deutsch anzusprechen; ich sprach zwar, wenn meine Freunde dabei waren und es sein mußte, mit ihnen deutsch, aber ich redete sie nicht an; ich suchte andere, indirekte Formulierungen, denn andernfalls hätte ich sie duzen müssen, und das wäre mir unangenehm gewesen. Aber siezen konnte ich sie natürlich auch nicht, zumal nicht im Beisein von meinen Freunden. Wie hätten sie mich denn angeschaut, wenn ich gesagt hätte: Vati, bitte holen Sie mich um drei vom Fußballplatz ab? Es war nicht, daß ich es als Zwang empfand, meine Eltern zu siezen; daß ich sie duzen wollte, aber es nicht gedurft hätte. Es war für mich so normal, wie es normal ist, zum Schlafengehen einen Schlafanzug anzuziehen. Es war mir auch nicht peinlich, und so habe ich kein Geheimnis daraus gemacht, daß ich meine Eltern siezte; ich kann mich erinnern, es ein paarmal meinen Freunden erzählt zu haben, als Kuriosität, nicht als Geständnis. Und das Kuriose entstand, wenn ich es mir heute versuche deutlich zu machen, eben dadurch, daß sich die beiden Räume, von denen ich sprach - das Innen und das Außen -, durch die Anwesenheit meiner Eltern auf dem Fußballplatz oder dem Schulhof ineinander geschoben hatten und ich nun die beiden Verhaltenskodexe oder Umgangsformen, die normalerweise strikt v

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