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Wir haben die Wahl Warum wir gerade jetzt für unsere Freiheit einstehen sollten

  • Verlag: Piper Verlag
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Wir haben die Wahl

Deutschland im Jahr 2017. Donald Trump ist US-Präsident, Marine Le Pen geht in Frankreich auf Stimmenfang. Pegida verbreitet auf der Straße Fremdenhass, und mit der Alternative für Deutschland steht eine Partei zur Wahl, die sich scharfe und ausgrenzende Parolen zunutze macht. In dieser angsterfüllten Stimmung lässt sich kaum noch sagen, ob die politischen und gesellschaftlichen Werte der Demokratie Bestand haben werden - und gerade deswegen, finden die Autoren dieses Bandes, ist es Zeit, die Stimme zu erheben. Sie treten ein für eine offene und vielfältige Gesellschaft und schreiben an gegen die Bequemlichkeit der Unwissenheit, gegen Ignoranz und blinde Wut - damit uns das höchste Gut, die Freiheit, nicht verlorengeht.

Piper-Autorinnen und -Autoren erheben ihre Stimme für mehr demokratisches Miteinander, pünktlich zur Bundestagswahl. Alle Erlöse aus diesem Buch kommen gemeinnützigen Organisationen zugute, alle Mitwirkenden haben ihre Beiträge honorarfrei zur Verfügung gestellt. Mit Texten von Andreas Altmann, Manuel Andrack, Karsten Dusse, Bruno Jonas, Lamya Kaddor, Hape Kerkeling, Michael Kibler, Radek Knapp, Tobias O. Meißner, Rebecca Niazi-Shahabi, Stephan Orth, Georg M. Oswald, Gisa Pauly, Michael Peinkofer, Michael Schmidt-Salomon, Jörg Steinleitner, Kai Strittmatter, Su Turhan.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492978385
    Verlag: Piper Verlag
    Größe: 788 kBytes
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Wir haben die Wahl

Andreas Altmann
Monsieur Hassan

Wo ich auch hinzog - immerhin schaffte ich drei Kontinente -, suchte ich zuerst ein paar wichtigste Dinge: eine Wohnung mit Bett und Tisch. Ein Kaffeehaus. Und einen Schneider. Der flickt und dafür sorgt, dass ich präsentabel durch die Welt gehe. Mit elegant sitzenden Hosen und Hemden.

Viele Schneider habe ich getroffen. Die einen waren Gangster, die anderen super und die Mehrheit so lala. Doch in Paris fand ich ihn, den Schneider aller Schneider, den Meister, den Weltmeister: Monsieur Hassan. Ein Herr aus der Türkei, ein Ex-Flüchtling, der vor Jahren vor einem der zahlreichen Militärregimes seines Landes davonlief.

Mindestens einmal die Woche komme ich bei ihm vorbei, und bisweilen hängt an der Tür seines winzigen Ateliers ein Schildchen mit dem Hinweis: Je reviens dans cinq minutes, bin zurück in fünf Minuten. Ah, das ist geschwindelt, denn Hassan, der Muslim, kniet hinter seiner Umkleidekabine. Und betet. Richtung Mekka, vermute ich.

Dann warte ich geduldig, und irgendwann sperrt er wieder auf - und lächelt.

Ich bin froh, dass er betet. Das klingt bizarr aus dem Mund eines notorischen Atheisten. Doch, das heimliche Murmeln scheint ihn zu wärmen. Selbst wenn ich überzeugt bin, dass Beten - in welche Himmelsrichtung auch immer, im Namen welches Herrn auch immer - nichts als Simsalabim ist. Aber bei Hassan gelingt der Selbstbetrug, auf wunderbar coole Weise: weil er nicht zu predigen beginnt. Weil er mir nicht verspricht, dass ich, der Ungläubige, zur Hölle fahre. Weil er nie einen heiligen Krieg anzettelt. Weil er als Fremder die Spielregeln des Landes bejaht, das ihm Asyl gewährt. Weil er seinen Landsmann Nâzim Hikmet liebt, den Dichterhelden. Und weil er - ganz orientalischer Gastgeber - uns stets zwei Tässchen türkischen Kaffees braut, sich gleichzeitig von mir ausfragen lässt und mich hinterher den »deli« nennt, den Verrückten.

Mit Hassan würde ich gerne auf Tournee gehen, als meinem Vorzeigeflüchtling: einer, der sein Handwerk in die Fremde mitbrachte und so von Anfang an das Glück hatte, Geld und Anerkennung zu verdienen. Einer, der ein friedliches Herz besitzt und mit seinem Können und seinem Kichern zur Lebensfreude der Kundschaft beiträgt. Einer, der - so einfach der Mensch Hassan auch sein mag - als Weltmann auftritt: weil er nicht demütig und verdruckst daherkommt, sondern wie jemand, der ahnt, dass wir - wir sieben Milliarden - einander ebenbürtig begegnen sollten. Und weil Monsieur Hassan von seiner Dankbarkeit spricht, in Frankreich leben zu dürfen. Nichts würde ich an ihm ändern wollen, auch nicht sein Französisch, das noch immer zu lang gezogenen Lachsalven verführt.

Ich bin ein Glückspilz. Alle Nichtfranzosen in meinem Viertel, mit denen ich zu tun habe - ob nun Flüchtling oder ehemaliger Flüchtling, ob nun aus wirtschaftlichen Gründen oder politischen aus der Heimat davon -, sie alle ähneln mir: Sie träumen von einem guten Leben, sie versuchen, freundlich zu sein, sie haben Angst vor dem Tod und hundert andere Ängste, sie brauchen, nein, sie fordern Anerkennung und Respekt, sie tun ihre Arbeit. »Chacun sa merde«, sagen sie hier, denn auch das haben wir gemeinsam: die Scheißtage dazwischen, die Wut auf die Welt, die Fassungslosigkeit. Und da die meisten aus Nordafrika kommen - la Grande Nation war dort einst Kolonialmacht -, sind sie mehrheitlich Muslime. Und noch nie hat einer von ihnen versucht, mir seinen Herrn Allah einzureden. Keiner zückte je einen Säbel. Und nie fiel mir in ihren Läden ein religiöses Zeichen auf. Was zeigt, dass sie eine der Grundregeln demokratischen Zusammenlebens verinnerlicht haben: Religion hat in der Öffentlichkeit nichts zu suchen.

Um jedes Missverständnis auszubremsen: Natürlich schreckt mich der Islam. Wie jede monotheistische »Offenbarung«. Der

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