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Zivilcourage Wie der Staat seine Bürger im Stich lässt von Wolffsohn, Michael (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.05.2016
  • Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
eBook (ePUB)
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Zivilcourage

Provokativ und brisant

Zivilcourage ist eine Tugend, die höchstes Ansehen genießt. Zivilcourage ist auch eine Tugend, deren Ausübung ein tödliches Ende nehmen kann. Der Aufruf, man möge Zivilcourage zeigen, kommt einer Aufforderung gleich, Leib und Leben zu riskieren. Die Opferliste der Zivilcourage wird lang und länger. Zentrale Aufgabe eines zivilisierten Staates ist es, seine Bürger zu schützen. Die Aufforderung des Staates zur Zivilcourage bedeutet letztlich die Abschaffung des Staates. Sie ist ein Zeichen für die vollständige Verunsicherung der Entscheidungsträger in dieser Ära fundamentaler Umwälzungen.

Michael Wolffsohn , Prof. Dr., geb. 1947 in Tel Aviv, stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie, die 1939 nach Palästina fliehen musste. Seine Eltern kehrten 1954 nach Deutschland zurück. Von 1981 bis 2012 war er Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehruniversität München. Michael Wolffsohn veröffentlicht regelmäßig in nationalen und internationalen Medien und hat über 30 Bücher vorgelegt, unter anderem ?Wem gehört das Heilige Land?? (11. Aufl. 2014). Zuletzt bei dtv: ?Zum Weltfrieden. Ein politischer Entwurf?, ?Zivilcourage. Wie der Staat seine Bürger im Stich lässt?. 2017 wurde Michael Wolffsohn als "Hochschullehrer" des Jahres ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 96
    Erscheinungsdatum: 27.05.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783423429627
    Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
    Größe: 544kBytes
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Zivilcourage

I Tödliche Zivilcourage

Das Salz der Erde ist segensreich. An sich. Eine Überdosis Salz kann tödlich sein. Mit einem Küchenmesser kann man Feinstkost zubereiten - aber auch Menschen töten. Zivilcourage ist eine Tugend. Ohne Wenn und Aber. Leider kann Zivilcourage auch tödlich oder selbstmörderisch sein.

Der Aufruf von Politik, Polizei, Gesellschaft, Erziehern und medialen Volkspädagogen, man möge "Zivilcourage zeigen", kommt letztlich einem Aufruf an die Bürger gleich, Leib und Leben zu riskieren. In bester Absicht treibt dabei "der" Staat, überspitzt ausgedrückt, seine Bürger in den Selbstmord.

Lang und länger wird die Opferliste der Zivilcourage. Im Jahre 2014 war es Tugçe Alabayrak. Die junge, mutige deutschtürkische Studentin Tugçe wollte jungen Frauen helfen, die von Männerpack belästigt wurden. Das Männerpack wurde dann zum Mordpack. Tugçe war ihr Opfer.

Das Täter-Opfer-Klischee sah bis zur Silvesternacht in Köln so aus: Der (natürlich) rassistische Täter ist dumm, dumpf, teutonisch, nazistisch und auf jeden Fall "weißer", inländischer Herkunft. Das Opfer oder dessen Vorfahren sind fremdstämmig, gegebenenfalls schwarz und meistens semitisch. Jüdisch-semitisch oder arabisch-semitisch, muslimisch, aber keinesfalls deutsch. Heilige Einfalt. Richtiger: unheilige Einfalt.

Blicken wir ein paar Jahre zurück. Am 2 . Oktober 2000 wurde ein Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge verübt. Wie in Deutschland aus historischen Gründen naheliegend, richtete sich der Verdacht sofort auf deutsche Rechtsextremisten. Zwei Tage danach bekundete Bundeskanzler Gerhard Schröder seine Betroffenheit nicht nur mit Worten. Er begab sich an den Tatort, wo er - Politiker müssen reden - dann aber doch das Wort als Waffe der Anständigen benutzte. Gegen jene Unanständigen, die Brandstifter der Synagoge (unausgesprochen: gegen diese altneuen deutschen Nazis) sei ein "Aufstand der Anständigen" nötig.

Es ist absolut lobenswert, in Wort und Tat gegen Nazis aufzutreten. Aber nicht alle Verbrechen dieser Art, auch nicht in Deutschland, werden von Nazis, alt oder neu, verübt. Damals waren die schnell gefassten und geständigen Täter Muslime. Der eine deutscher Staatsbürger marokkanischer Herkunft, der andere Palästinenser aus Jordanien. Beide wollten an deutschen Juden (fernab vom nahöstlichen Schuss) Rache für Israels Militäraktionen üben. Ihre "Nazis" waren und sind Juden. Historisch absurd, aber politisch wirksam. Wie man weiß, nicht nur unter solchen Brandstiftern.

Als Gerhard Schröder zum "Aufstand der Anständigen" aufrief, kannte er den oder die Täter noch nicht. Dennoch benannte der gelernte Jurist den wahrscheinlichen Täterkreis. Das war unklug, aber politisch opportun. Es war ein wahrscheinlicher Täterkreis, aber eben kein realer. Es war ein Klischee, das hier reproduziert wurde. Ein Klischee bestimmte im Februar 2013 auch das Denken des damaligen deutschen Botschafters in Israel, Andreas Michaelis. In seinem Grußwort zu einem Kongress über die Geschichte der Juden in der Bundesrepublik Deutschland an der Universität Tel Aviv stellte er den im August 2012 von Islamisten in Berlin verübten Anschlag auf Rabbiner Daniel Alter und seine siebenjährige Tochter in die Kontinuität nationalsozialistisch-deutscher Geschichte. "Nie wieder!" ... Dankbar registrierten die israelischen Zuhörer: Danke, Deutschland, dass Nazis verdammt und gejagt werden. Ja - aber auch diese Täter waren keine deutschen Nazis, sondern Islamisten. Sie bekämpften das neue, humane Deutschland und Juden gleichermaßen.

Anders als der Kanzler im Jahre 2000 wusste 2013 der Botschafter genau, wer die Täter waren. Aber sie passten nicht in sein Klischee, und politisch opportun(istisch) schien ihm selbstkritische Inbrunst angebracht. Ich hielt den Eröffnungsvortr

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