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Freundschaft und Fürsorge Bericht über eine Sozialform im Wandel von Schobin, Janosch (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.10.2013
  • Verlag: Hamburger Edition HIS
eBook (ePUB)
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Freundschaft und Fürsorge

Freundschaft ist im öffentlichen Diskurs um die Zukunft der bundesrepublikanischen Gesellschaft zum Fluchtpunkt sozialer Hoffnungen geworden. Demografischer Wandel, niedrige Geburtenraten, hohe Scheidungsquoten und die Auflösung traditioneller Lebensformen müssen zu der Schlussfolgerung führen, dass Familie und Verwandschaft in Zukunft knappe Güter werden. In dieser gesellschaftlichen Phase des Umbruchs taucht das Bild der fürsorglichen Freundschaft als Hoffnungsträger auf. Wie sieht das neue Freundschaftsideal aus, und hält es stand, wenn es um leibliche Fürsorge, also Krankheit und Sterben, geht? Und können reale Freundinnen und Freunde halten, was das neue Ideal der Freundschaft verspricht?

Janosch Schobin, Studium der Soziologie, Mathematik und Hispanistik an der Universität Kassel; wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 264
    Erscheinungsdatum: 08.10.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783868546019
    Verlag: Hamburger Edition HIS
    Größe: 1247 kBytes
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Freundschaft und Fürsorge

Auf dem Weg zur fürsorglichen Freundschaft?

Freundschaft ist im öffentlichen Diskurs um die Zukunft der bundesrepublikanischen Gesellschaft zum Fluchtpunkt sozialer Hoffnungen geworden. Wer das einfache Gedankenexperiment durchspielt, wie sich die Verwandtschaftssysteme einer Gesellschaft verändern, deren totale Fertilitätsrate weit unter der Bevölkerungserhaltungsgrenze und deren Scheidungsquote um die 50% liegt, muss zu dem Schluss kommen, dass Familie und Verwandtschaft in Zukunft knappe Güter werden. Zwangsläufig entstehen in den Stammbäumen jede Menge toter Enden und lichter Äste. Das partnerlose Einzelkind zweier Einzelkinder hat einfach keinen Partner, keine Geschwister, keine Tanten, keine Onkel, keine Cousins und Cousinen. Seine einzigen familialen Bezugspersonen sind Eltern und Großeltern – und hier kommt die Freundschaft ins Spiel. Gedankenexperimentell liegt folgender Ausweg nahe: Menschen, denen Partner und Kinder nicht zur Verfügung stehen, sollten sich auf ihre Freunde besinnen, denn die werden auch bei niedrigen Geburtenraten und instabilen Partnerschaften nicht knapp. Warum sollten also nicht Freunde unsere Nächsten sein, wenn es um unsere Bedürfnisse nach sozialer Unterstützung geht?

Wer den öffentlichen Diskurs zur Freundschaft in den letzten Jahren verfolgt hat, wird der Aussage zustimmen, dass zumindest an der diskursiven Plausibilität der Alternative Freundschaft gearbeitet worden ist. Das Fernsehen zeigt vermehrt Sendungen, in denen Freunde einander die wichtigsten Bezugspersonen sind. Man vergleiche etwa die Cosby-Show mit Friends oder Sex and the City . Das öffentliche Bild der Freundschaft hat sich verschoben. Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Betrachtung der Freundschaftsratgeberliteratur. Der normative Freundschaftsdiskurs im Ratgebergenre hat sich im Zeitraum von 1990 bis 2006 tiefgreifend verändert. 1 Ein neues Freundschaftsideal hat sich etabliert. Die feminine Freundschaft ist zur kanonischen Form der Freundschaft aufgestiegen. Heute liegt die Deutungsmacht im Freundschaftsdiskurs bei den Frauen und der Fokus des Freundschaftsdiskurses auf Freundinnen und der Freundschaft zwischen Frauen. Die Autoren (darauf deuten zumindest ihre Pseudonyme und öffentlich einsehbaren Profile hin) sind heute meistens weiblichen Geschlechts, während sie noch Anfang der 1990er fast ausschließlich männlichen Geschlechts waren. Die Geschichten der Ratgeber berichten heute üblicherweise von Frauen in engen und intimen Beziehungen und nicht mehr von Männern, die versuchen, Erfolg in der Welt des Berufs oder öffentlichen Angelegenheiten zu haben. Ein als weiblich deklariertes Freundschaftsideal mit einer wertenden Semantik ist entstanden. Männliche Freundschaften werden offen für schwächer gehalten als ihr weibliches Pendant, und das nicht nur von Frauen: "Beim Mann pflegen sich die Freundschaften in der Regel weniger differenziert und darum harmloser zu entwickeln." 2 Im Kielwasser der Feminisierung fährt dabei die Verfürsorglichung des Freundschaftsideals. Das kann man etwa an den Erklärungsweisen gebotener Handlungen der Selbsthilfebücher erkennen: Noch Anfang der 1990er-Jahre war es üblich, Freundschaftspraktiken aufgrund potenzieller Erfolge in der Arbeitswelt oder des Zuwachses an persönlichem Glück zu empfehlen. Freundschaft war der "Weg zu Erfolg, Glück und Einfluss" 3 . Dagegen werden Freundschaftsregeln heute vor allem kontextsensitiv und beziehungszentriert – also fürsorgeethisch – und nicht mehr instrumentell und universell – also zweck- oder wertrational – begründet. "Weil wir Freundinnen sind" 4 , lautet die neue Losung. Ih

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