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"Ein Proll mit Klasse" Mode, Popkultur und soziale Ungleichheiten unter jungen Männern in Berlin von Ege, Moritz (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.09.2013
  • Verlag: Campus Verlag
eBook (PDF)
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"Ein Proll mit Klasse"

Die umgangssprachliche Rede vom 'Prolligen' verdeutlicht, wie im alltäglichen Kommentieren von Kleidung, Körperhaltung oder Frisur die wechselseitige Antipathie von sozialen Gruppen mitverhandelt wird. Wie hängen die eigenmächtige Stilisierung als 'Proll' und die feindselige oder spöttische Etikettierung von außen zusammen? Was bedeutet zum Beispiel die Aussage, man sei 'auch nur ein Proll, aber ein Proll mit Klasse'? Auf der Grundlage ethnografischer Forschung bietet Moritz Ege Einblicke in solche 'Klassifikationskämpfe' und in die Lebenswirklichkeit junger Männer, deren proletenhafte Stilpraxis als Bedrohung und Provokation wahrgenommen wird. Dadurch kommen erstmals junge Erwachsene selbst zu Wort, die sonst nur Gegenstand von Debatten um gesellschaftliche Entwicklungen sind.

Moritz Ege, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Assistent am Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie an der LMU München.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 532
    Erscheinungsdatum: 10.09.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783593420868
    Verlag: Campus Verlag
    Größe: 6845 kBytes
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"Ein Proll mit Klasse"

1. 'Prolls' überall: Alltägliche Semantiken einer Figur
In einer Gesellschaft, die sich als demokratisch-egalitär orientiert versteht, sich aber auch als heterogen und sozial polarisiert beschreiben lässt, sind Unterschiede in der Stilisierung der alltäglichen Lebensführung, der Kleidung, den Körperhaltungen oder Frisuren in unübersichtlicher Art und Weise mit sozialen Ungleichheiten und ihren politisch-moralischen Überformungen verwoben. In der Figur des 'Prolls' und in der Rede über 'das Prollige' werden die Ambivalenzen des alltäglichen Umgangs mit sozialen Ungleichheiten und ästhetischen Differenzen in besonderer Weise sichtbar. Die Funktionsweisen solcher kultureller Verdichtungen, vor allem unter Jugendlichen, sind Gegenstand dieser Studie und werden an exemplarischen Fällen untersucht. Die folgenden Schlaglichter auf vier kurze Szenen und Sachverhalte führen in die Thematik ein, indem sie verschiedene Verwendungen dieser Figur und mit ihnen verbundene Ambivalenzen illustrieren.
Die erste Szene spielt bei Casa, einem kleinen Jugendmode-Geschäft in der Heinz-Galinski-Straße in Berlin-Wedding. 'Wir wollen mehr so das Prollige', sagt Cengiz, der Verkäufer, beim Erklären dessen, was die Eigenmarke ausmacht, und zeigt auf ein T-Shirt, auf dem 'Casa' steht. 'Casa, italienisch für Villa', erklärt der Mittdreißiger, der ein fein rasiertes O-Bärtchen trägt, einen glitzernden Ohrring und auf dem Kopf eine Base-Cap, die über und über mit dem Logo von Dolce & Gabbana bedruckt ist. 23 Euro kosten die Jeans hier. Nächste Woche, erzählt der Verkäufer, tritt der Weddinger Gangsta-Rapper 'Massiv' mit Casa-Sachen bei einer Livesendung auf MTV auf. Davon erhofft man sich einiges. Was Cengiz mit 'prollig' meint? Er zuckt mit den Schultern und zeigt auf den T-Shirt-Druck, 'Na, hier, so halt'. Er zeigt auf die großen, silbernen Lettern. 'Bei Hugo Boss oder so ist das Logo nur klein; hier ist es sehr groß. Das ist der Unterschied, das Prollige'. Sein eigener Look mit der Dolce & Gabbana-Cap (also von einer Marke, deren kulturelle Wertigkeit mir ein Modejournalist später als 'edel-prollig' erklärt) verkörpert selbstbewusst, was er verkauft. Mit dieser Kennzeichnung evoziert er eine kulturelle Figur. Konkret verweist er zunächst auf einen ästhetischen Gestus, der mit einem demonstrativen Ausstellen zu tun hat. In diesem Sinn geht es beim 'Prolligen' um eine Stilisierung, die bewusst mit der Verkörperung eines kulturellen Typus (des 'Prolls') spielt. 'Prollig' bezeichnet dann einen der Figur entsprechenden kulturellen Code beziehungsweise das Stereotyp eines solchen Codes oder Registers.
Zugleich stehen die Casa-Produkte nicht nur für eine Geste, sondern für einen ganz speziellen subkulturellen Stil, den Jugendliche 'Picaldi-Style' (nach einer lokalen Jeansmarke), 'Kanaken-Style', 'Ghetto-Style', 'Proll-Style' oder 'Gangsta-Style' nennen und der zu einer spezifisch Berliner jugendkulturellen Figuration gehört, die ich in dieser Arbeit beleuchten und auf verschiedenen Ebenen kontextualisieren werde. Bushido, der erfolgreichste deutsche Rapper und Inbegriff jenes Stils, nannte seine Ästhetik jedenfalls ganz in diesem Sinn die 'Proll-Schiene'. Während Cengiz mit dem 'Prolligen' primär einen ästhetischen Gestus bezeichnet, eine Stilisierungsabsicht, spielt das Wort 'Proll-Style' - die Bezeichnung 'Ghetto-Style' macht es noch deutlicher - mehr oder weniger indirekt auch auf eine soziale Position an, auf 'Unterschichten' im weiteren Sinn. Ihnen gehören auch die meisten von Cengiz' Kunden an, die im Berliner Bezirk Wedding leben, einem ehemaligen Arbeiterviertel in einer deindustrialisierten, multiethnischen Stadt. Die soziale Verortung des 'Prolligen' bleibt in Wortverwendungen wie der bei Cengiz jedoch in charakteristischer Weise vage und mehrdeutig, da die großen Logos und das in einem positiven Sinn als 'prollig' verstandene 'Protzen' mit der Marke auch unter wohlhabenden Berühmtheiten verbreitet ist,

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