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Antisemitismus Präsenz und Tradition eines Ressentiments von Benz, Wolfgang (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.03.2016
  • Verlag: Wochenschau Verlag
eBook (PDF)
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Antisemitismus

Judenfeindschaft aus unterschiedlichen Motiven gipfelte unter nationalsozialistischer Ideologie im 20. Jh. im Völkermord. Der Judenhass lebte fort, daneben entstand nach dem Holocaust ein mit neuen Argumenten operierender Antisemitismus, der Scham- und Schuldgefühlen entspringt. Der oft beschworene 'neue Antisemitismus' ist dagegen nichts anderes als die monotone Judenfeindschaft mit ihren Stereotypen, Legenden, Unterstellungen und Schuldzuweisungen, die sich in Jahrhunderten entwickelt hat. Antisemitismus ist ein zentrales Element des Rechts-extremismus, aber er kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Doch nicht nur Judenhasser bieten Anlass zur Sorge. 'Islamkritiker' denunzieren pauschal alle Muslime als Judenfeinde und Überengagierte versuchen, Antisemitismus auf die Haltung gegenüber Israel zu verengen und beziehen in ihr Verdikt jede kritische Haltung zur israelischen Politik mit ein. Objektive Kriterien, was Antisemitismus ist, wie er sich historisch entfaltete, in welchen Formen er vorkommt, wie Judenfeindschaft von Israelkritik abzugrenzen ist, sind für eine differenzierte Betrachtung unentbehrlich. Informationen und Argumente dazu finden sich in diesem Buch.

Prof. Dr. Wolfgang Benz ist Historiker. Er lehrte bis 2011 an der TU Berlin und leitete dort das Zentrum für Antisemitismusforschung. Zahlreiche Veröffentlichungen zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, zum Holocaust und zur Ressentimentforschung.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 03.03.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783734401053
    Verlag: Wochenschau Verlag
    Größe: 769 kBytes
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Antisemitismus

Einleitung

Die Jahrhunderte lange Judenfeindschaft aus unterschiedlichen Motiven - religiösem Ressentiment, kulturellem Vorbehalt, ökonomischer und sozialer Ausgrenzung, rassistischem Hass - kulminierte unter nationalsozialistischer Ideologie im 20. Jahrhundert im Völkermord mit sechs Millionen Opfern. Die Dimension, aber auch die Methoden des Mordens, der Fanatismus der Mörder und, vielleicht am erschreckendsten, die gleiche kaltherzige Hinnahme des Geschehens durch Hassende, Ahnende, Wissende, Gleichgültige machen den Holocaust einzigartig in der Geschichte. Nach der Katastrophe erinnerten sich die Angehörigen der Tätergesellschaft so ungern wie die unbeteiligten Bewohner der Mordregionen.

Die Entschädigung für materielle Verluste und die "Wiedergutmachungsleistungen" der Bundesrepublik an jüdische Opfer erfolgten auf Drängen der Alliierten, (d. h. de facto der USA) als politische Notwendigkeit; die Amnesie der mit eigenem Leid beschäftigten Deutschen berührte das nicht. Und der Antisemitismus als Ressentiment gegen die Juden als Gruppe lebte fort. Er richtete sich gegen "Displaced Persons", das waren aus Ghettos und Lagern befreite Juden, die in Westdeutschland in Lagern lebten, wo sie auf Möglichkeiten zur Emigration warteten. Der Neid gegen deren vermeintliche Bevorzugung, die Scham über den Judenmord, dessen Details den Deutschen drastisch vor Augen geführt wurden, belebten die Abneigung der Mehrheit gegen die Juden ebenso wie die Schuldgefühle und das patriotische Aufbäumen gegen die Sanktionen, die von den Besatzungsmächten den Deutschen auferlegt wurden.

Neben der alten Judenfeindschaft entstand nun ein mit neuen Argumenten operierender Antisemitismus, der sich parallel dazu aus Scham- und Schuldgefühlen entwickelte und an den Restitutionsleistungen festmachte. Bestandteil der politischen Kultur der Bundesrepublik wurde gleichzeitig ein offizieller Philosemitismus, der aber private Ressentiments gegen Juden nicht tangierte. Die DDR leistete zwar keine Wiedergutmachung und bot deshalb keinen Ansatz für diesen "sekundären Antisemitismus", aber sie kultivierte im Schatten ihrer Schutzmacht einen vehementen Antizionismus. Die Bürger der DDR glaubten sich von antisemitischen Ressentiments frei. Die Parteisäuberung der frühen 1950er Jahre im Zeichen des Stalinismus, deren Opfer Juden waren, und der Exodus der Juden aus dem östlichen Nachfolgestaat des Deutschen Reiches wurden bis zum Ende der DDR nicht thematisiert.

Zur Überwindung der Amnesie über den Judenmord und zur Sensibilität gegenüber dem Antisemitismus trugen mehrere Ereignisse bei. Das Erschrecken über die Welle von Schmierereien an Synagogen, die Weihnachten 1959 von Köln ausgingen, war ein Anlass, dem Thema im Schulunterricht mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Der Eichmann-Prozess in Jerusalem 1961 hatte starke Resonanz in den deutschen Medien, ebenso der Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main Mitte der 1960er Jahre. Den stärksten Eindruck bei einem großen Publikum machte aber Anfang 1979 die Ausstrahlung des US-amerikanischen Fernsehrührstücks "Holocaust", das zum Ärger mancher Historiker über die emotionale "Betroffenheit" hinaus die Aufklärung über den Judenmord förderte.

Mit der Wende und der Vereinigung der beiden deutschen Staaten änderte sich auch das jüdische Leben in Deutschland. Hatten bislang vor allem die drei großen Gemeinden in Westberlin, München und Frankfurt die Wahrnehmung von Juden bestimmt, so entstanden neue Gemeinden durch den Zuzug von jüdischen "Kontingentflüchtlingen" aus der ehemaligen Sowjetunion. Die Zahl der in Deutschland lebenden Juden stieg damit auf über 100 000.

Das Verhältnis zu Israel hat in der deutschen Politik herausragende Bedeutung. Das betonen Politiker aller Ränge und fast aller Parteien einmütig bei allen Gelegenheiten. Im Sechstage-Krieg 1967 demonstrierten hunderttausende deutsche Bürger für das Existenzrecht des Staates Israel; Empathie für das Land

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