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Brücken bauen - Perspektiven aus dem Einwanderungsland Deutschland

  • Erscheinungsdatum: 25.10.2013
  • Verlag: Verlag Bertelsmann Stiftung
eBook (PDF)
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Brücken bauen - Perspektiven aus dem Einwanderungsland Deutschland

Ethnische und religiöse Vielfalt ist in Deutschland inzwischen Realität - ist sie aber auch gelebte und anerkannte Normalität? Menschen mit Migrationshintergrund, Bindestrichdeutsche, Neudeutsche - es gibt viele Bezeichnungen für Menschen, die sowohl deutsch als auch türkisch, vietnamesisch oder italienisch fühlen, leben und so geprägt sind. Kurzum: Sie haben mehrere nationale und kulturelle Wurzeln, verorten sich in diesen vielfältigen Zusammenhängen. Die Begriffe offenbaren aber jeweils eine emotionale Kluft, die es schwer macht, als das verstanden zu werden, was letztlich alle sind: Bürgerinnen und Bürger Deutschlands, die eine moderne deutsche Einwanderungsgesellschaft repräsentieren. Die Autorinnen und Autoren dieses Buches sind im 'Forum der Brückenbauer' aktiv, einem Netzwerk, das aus einem Leadership-Programm der Bertelsmann Stiftung für gesellschaftspolitisch engagierte Nachwuchsführungskräfte hervorgegangen ist. Sie alle verkörpern gelebte Vielfalt in der deutschen Gesellschaft - die weder uniform noch homogen ist. Sie sind das lebendige Beispiel für ein neues Sowohl-als-auch. In ihren Artikeln machen sie deutlich, dass die gesellschaftliche Veränderung in Deutschland keine Anti-These zum bisherigen darstellt, sondern eine Synthese von deutsch und zugleich vielfältig ist. Dieser Band beleuchtet die verschiedenen Lebensrealitäten in Deutschland und einiger seiner Protagonisten. Er zeigt, dass es mittlerweile eine 'neue' Normalität gibt, die auch als solche verstanden werden sollte. Das Buch ist eine Einladung an alle, sich auf die Spurensuche nach den Brückenbauern von heute und morgen zu begeben.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 204
    Erscheinungsdatum: 25.10.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783867935418
    Verlag: Verlag Bertelsmann Stiftung
    Größe: 1985 kBytes
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Brücken bauen - Perspektiven aus dem Einwanderungsland Deutschland

Typisch deutsch!? – Die Veränderung des Deutschseins

Andreas Wojcik

Was heißt es in meiner Wahrnehmung, deutsch zu sein? Ist das die Herkunft oder ist es viel mehr? Ich bin in Polen geboren, in Polen zur Schule gegangen, habe polnisch gesprochen, gesungen, gegessen und mich durch und durch als Pole gefühlt. Als ich 16 Jahre alt war, erfuhr ich von meiner Großmutter, dass ich deutscher Herkunft bin. Was für ein Gefühl sollte ich nun entwickeln – als Deutscher und Pole zugleich? Diese besondere Situation griff tief in meine Gefühlswelt ein, hatte ich doch in der Vergangenheit gelernt, ein guter Pole zu sein. Von heute auf morgen prüfte ich alle meine Handlungen und meine Gedanken unter diesem neuen Aspekt: deutsch oder polnisch? So begann meine Auseinandersetzung mit dem Deutscher-Sein im Vergleich zum Pole-Sein.

Von nun an prüfte ich quasi in einer Art Selbstkontrolle mein Handeln unter zwei Gesichtspunkten: Was an mir ist deutsche Wesensart und was ist polnische Wesensart? Von meiner Schulbildung und meinem damaligen Umfeld her war ich antideutsch geprägt. Als Schüler in einem sozialistischen System lernte ich Deutschland nur als Bedrohung – den Klassenfeind – für unser polnisches Vaterland kennen. So lernten wir in der Schule beispielsweise, dass die deutschen Kreuzritter das Gebiet der Pruzzen besetzt und sie mit Feuer und Schwert christianisiert hatten. Da sie aus ihrem herrschaftlichen Selbstverständnis heraus an die sie umgebenden Völker ständig Gebietsansprüche stellten, war der Deutschritterorden für Litauer und Polen eine immerwährende Bedrohung, die ihren Höhepunkt in der Schlacht bei Grünwald 1410 fand. Dieses Feindbild hatte sich bei mir bis zur Ausreise nach Deutschland verfestigt. Gleichzeitig lernte ich, die Vorzüge des Sozialismus in all seinen Ausprägungen zu lieben. Mit diesen Einstellungen fuhr ich in den Westen.
Erste Erfahrungen beim Klassenfeind

Hier angekommen suchte ich sofort nach dem Klassenfeind. Ich ging mit meiner Tante in den Supermarkt und war erstaunt über das üppige Angebot, das der Klassenfeind (Kapitalismus) seinen Bürgern gegen Bezahlung zur Verfügung stellte. Dies glich ich mit einem gleichwertigen Geschäft in Brzeg ab und kam zu dem Ergebnis: 1:0 für den Kapitalismus. Das hatte nichts mit dem Wesen der Deutschen zu tun, sondern galt lediglich meiner ersten positiven Erfahrung.

Mein nächstes einschneidendes Erlebnis war der Besuch einer deutschen Schule. Ich wurde zu Beginn meiner schulischen Laufbahn in Deutschland auf die Hauptschule verwiesen, obwohl ich polnischer Gymnasiast in der Oberstufe war. Schon nach wenigen Tagen stand es in der Bewertung zwischen West und Ost 1:1, konnte ich doch behaupten, dass meine Mitschüler im Vergleich zu meinem Bildungsstand erheblichen Nachholbedarf hatten. Noch mehr erstaunte mich ihre Sozialisierung. Galten für mich nach wie vor die deutschen Tugenden Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe, Gehorsam, hatten meine Klassenkameraden von all dem offenbar noch nie was gehört.

Es galt, mich so schnell wie möglich anzupassen. Dafür musste ich mich nicht besonders anstrengen. Und niemanden in meiner Klasse störte meine holprige deutsche Aussprache, da die meisten dies bei einem Jungen mit Zuwanderungsgeschichte ganz normal fanden. Auch für die Lehrkräfte war mein mangelndes Sprachvermögen kein Problem, denn sie waren die Vielsprachigkeit gewohnt und machten kein besonderes Aufheben davon. Da ich bald durch glänzende Noten auffiel, verhalfen mir die Lehrer, vor allem der Direktor der Schule, zum Wechsel auf ein Gymnasium. In dieser

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