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Das Unbehagen in der Gesellschaft von Ehrenberg, Alain (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.04.2011
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Das Unbehagen in der Gesellschaft

In den letzten Jahrzehnten sind in den westlichen Gesellschaften die Freiheitsspielräume der individuellen Lebensgestaltung enorm gewachsen, traditionelle Rollenvorgaben und gesellschaftliche Bindungen wurden aufgelöst. Die alte Frage "Was darf ich tun?" ist abgelöst worden von der neuen Frage "Wozu bin ich fähig, was kann ich tun?". Dadurch sehen sich die Menschen heute mit einer neuen Quelle des Leidens konfrontiert: ihrer Unfähigkeit, die Freiheitsspielräume und Wahlmöglichkeiten für ein gelingendes Leben zu nutzen. Die Ausbreitung einer neuen Sprache des Leidens über narzisstische Persönlichkeitsstörungen und depressive Erkrankungen ist die Folge. In seiner monumentalen Studie verfolgt Alain Ehrenberg diese Entwicklung anhand zweier groß angelegter Fallstudien in Frankreich und den USA. Alain Ehrenberg, geboren 1950, ist Soziologe und emeritierter Forschungsdirektor am CNRS (Cermes3) in Paris. 2001 gründete er das Forschungszentrum für Pharmaka, psychische Gesundheit, Gesellschaft (CNRS-Inserm-Universität Paris-Descartes).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 531
    Erscheinungsdatum: 20.04.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518746707
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: La Société du malaise
    Größe: 1797 kBytes
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Das Unbehagen in der Gesellschaft

37 Die Demokratie gibt dem Volk nicht die gewandteste Regierung, aber sie bringt das zustande, was die geschickteste Regierung nicht beizubringen vermag, sie verbreitet in dem ganzen sozialen Körper eine unruhige Geschäftigkeit, einen Überschuß an Kraft, einen Tatwillen, die ohne jene unmöglich sind und die, wenn die Bedingungen nur einigermaßen günstig sind, Wunder vollbringen können. Da liegen ihre wahren Vorzüge.

Alexis de Tocqueville

Über die Demokratie in Amerika

Band 1, 1835, S. ? 366

Ich bin durch die Le Moyne Street gegangen und habe nach dem Haus gesucht, in dem die Familie Bellow vor einem halben Jahrhundert gewohnt hat, aber ich fand nur ein leeres Grundstück [...]. Ringsum nichts als Leere, keine Spur vom alten Leben. Nichts. Doch vielleicht ist es gut so, daß es nichts Greifbares gibt, an das man sich klammern kann. Das zwingt einen, nach innen zu schauen, nach dem zu suchen, was überdauert. Gibt man Chicago nur eine kleine Chance, macht es einen noch zum Philosophen.

Saul Bellow

"Chicago: Die Stadt, wie sie war, die Stadt, wie sie ist"

1995, S. ? 236

Diesseits und jenseits des Atlantiks gebrauchen wir dieselben Wörter: Demokratie, Republik, Individualismus, Freiheit, Gleichheit, Autonomie, öffentlich, privat usw. Hier und dort haben sie aber nicht genau dieselbe Bedeutung. Wir verwenden auch unterschiedliche Wörter: So beziehen sich die Amerikaner beispielsweise ständig auf den Begriff der Gelegenheit oder 38 Chance, der in unserer Tradition nicht existiert. Wenn wir diesen Begriff hören, weisen wir ihm einen negativen Wert zu und sind der Meinung, daß die Amerikaner Utilitaristen und Materialisten seien. Diesen Begriff assoziieren wir mit einem anderen, der ebenfalls negativ besetzt ist, weil er mit der Schwäche staatlicher Regulierung und sozialer Absicherung identifiziert wird: dem Liberalismus. Liberalismus und Utilitarismus verbinden sich für uns schließlich auch noch mit Materialismus und Konformismus, das heißt mit einer ganzen Reihe von Begriffen, die die Franzosen negativ auffassen usw. Wir verwenden also einerseits dieselben Wörter, anhand derer wir zu verstehen meinen, während sie doch andere Bedeutungen haben, und andererseits auch verschiedene Wörter, von denen wir glauben, daß sie vielleicht für die Amerikaner angemessen sein mögen, aber nicht für uns. Dasselbe gilt für jene: Unsere Brüderlichkeit, ohne die Freiheit und Gleichheit für uns keinen Sinn haben, ist für sie gleichbedeutend mit einem Gouvernantenstaat ( nanny state ). Sie betonen das Verdienst, wir die Absicherung. Hier haben wir es mit zwei Logiken der Reziprozität zu tun. 1

Zwischen den beiden Gesellschaften herrschen zwar viele Mißverständnisse, aber das folgenreichste beruht darauf, daß die Grundlage des amerikanischen Individualismus liberal ist, während die des französischen Individualismus antiliberal oder illiberal ist. 2 Für die Franzosen bedeutet er in erster Linie Antietatismus. Aber der Begriff ist eigentlich weiter und geschmeidiger. Über die politische Doktrin einer Partei hinaus ist der Liberalismus eine bestimmte Weise, die Gesellschaft zusammenzuhalten, der gemeinsame Fundus der politischen Philosophie der Amerikaner und ihrer demokratischen Kultur. Selbst die politische Spaltung zwischen Konservativen und Liberalen muß innerhalb des Liberalismus verstanden werden. Sein Wesen bildet übrigens den Gegenstand wiederkehrender Debatten bei Historikern und Politologen jenseits des Atlantiks. Diese geistige Situation fußt darauf, daß ihr Spe

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