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Der diskrete Charme des Marktes Zur sozialen Problematik der Marktwirtschaft von Berger, Johannes (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 19.08.2009
  • Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
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Der diskrete Charme des Marktes

Die soziologische Gesellschaftstheorie ist bis auf den heutigen Tag von einer anhaltenden Skepsis gegenüber der Marktvergesellschaftung geprägt. Gemeinschaftsverlust, zunehmende Ungleichheit und empörende Ungerechtigkeiten sind bekannte Stichworte der Kritik an dieser historisch neuartigen Organisationsform der Wirtschaft. Die Denkanstöße dieser Kritik aufnehmend versucht dieser Band einen zumindest für die Soziologie ungewöhnlichen Blick auf die Marktwirtschaft zu werfen: Märkte befördern Gleichheit, indem sie Eintrittsbarrieren schleifen, die in Verbandsbildungen aller Art ihre Wurzel haben. Solche Eintrittsbarrieren sind eine zentrale Ursache materieller Ungleichheit. Internationale Entwicklungsunterschiede resultieren in erster Linie nicht aus unfairen Handelspraktiken, sondern aus der unterschiedlichen technologischen Leistungsfähigkeit von Nationen. Sie werden abgebaut, wenn entweder die weniger entwickelten Länder technologisch aufholen oder wenn bestehende Barrieren der Aneignung neuen Wissens beseitigt werden.

Prof. em. Dr. Johannes Berger hatte den Lehrstuhl für Makrosoziologie an der Universität Mannheim inne und war im Sommersemester 2007 und 2008 Gastprofessor an der Universität Konstanz.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 238
    Erscheinungsdatum: 19.08.2009
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783531919782
    Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
    Größe: 156152 kBytes
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Der diskrete Charme des Marktes

Kapitell Der diskrete Charme des Marktes (S. 17)

I

Die Soziologie hat sich seit ihren Anfängen notorisch schwer damit getan, ein von Vorurteilen freies Verständnis der Marktvergesellschaftung zu entwickeln. Teils mag dies mit ihren konservativen, antiaufklärerischen Ursprüngen zusammenhängen`, teils mit ihrer mangelnden Abdichtung gegen lebensweltliche Einflüsse, die immer wieder dazu führt, dass populäre Vorurteile in ihr auf einen fruchtbaren Boden fallen.

Jedenfalls stoßen Auffassungen, dass der Gang der modemen Gesellschaft "pathologisch" sei (Tönnies 1935, S.:xXIII), dass die Einkommensverteilung höchst ungerecht und die Ökonomie, um ein aktuelleres Beispiel zu wählen, ein wahrer "Terror" (Forrester 1997) sei, in ihr viel eher auf Widerhall als etwa in der Nachbardisziplin der Wirtschaftswissenschaften.

Die stärkere Abschottung der Wirtschaftswissenschaften gegen eine populäre Kritik am Marktliberalismus gründet wahrscheinlich nicht nur in Voreinstellungen, die der Soziologie fremd sind, sondern auch in ihrer strikteren Orientierung an fachimmanenten Standards. Dies möchte ich hier nicht weiter vertiefen . Anders als die Wirtschaftswissenschaften, für die der Markt Modellcharakter hat, ist die Soziologie (jedenfalls dort, wo sie sich auf grundsätzliches Terrain begibt), insgeheim wohl immer noch am Ideal der Gemeinschaft einerseits, der staatlichen Planung und Fürsorge als höchstem Ausdruck des Gemeinschaftshandelns andererseits orientiert.

Die Ausrichtung auf die Gemeinschaft ist ihr von ihren Gründungsvätern Tönnies und Durkheim mit auf den Weg gegeben worden". Der Idee, dass auch der Markt ein idealer Zustand sein kann, steht das Fach eher fremd gegenüber. Belege hierfür finden sich nicht nur bei den gesellschaftstheoretischen Vorläufern (z.B. Marx und Engels), sondern auch und gerade bei den akademischen Gründungsvätern der Soziologie zuhauf.

Den Grundton einer bis auf die Knochen konservativ eingefärbten Kulturkritik an Märkten, der durch sie etablierten "zügellosen" Konkurrenz und dem Privateigentum haben ausgerechnet Marx und Engels vorgegeben. Dies wird in einer Lesart, die beide nur als Begründer des "wissenschaftlichen Sozialismus" ansieht, gerne übersehen.

Trotz des Lobs der Modernisierung gerade auch im Kommunistischen Manifest hat Marx in keiner Phase seiner Entwicklung die modeme Gesellschaft der atomisierten Individuen, sondern stets die Gemeinschaft als Ideal angesehen", Noch im Kapital kritisiert er das "Verhältn is wechselseitiger Fremdheit", das für die Markteilnehmer so kennzeichnend sein soll, jedoch nicht für die "Mitglieder eines naturwüchsigen Gemeinwesens, habe es nun die Form einer patriarchalischen Familie, einer altindischen Gemeinde (oder) eines Inkastaats", Der "Tauschhandel", so Marx (1964, S.36) sehr bezeichnend, "entspringt nicht im Schoß der naturwüchsigen Gemeinwesen, sondern an deren Rändern, und schlägt von da in das Innere des Gemeinwesens zurück, auf das er zersetzend wirkt".

Die zersetzende Wirkung des Tauschhandels, die "zügellose Konkurrenz": dies sind nicht einfach sachliche Beschreibungen, sondern mit einem negativen Akzent versehene Charakterisierungen, die nur dann verständlich werden, wenn man das implizite Lob der Unmittelbarkeit und damit die Abneigung gegen Vermitteltheit mitliest. Nirgendwo artikuliert sich dieses Vorurteil gegen die nachträgliche Vergesellschaftung über den Tausch deutlicher als in der Kritik am Privateigentum.

"Die neue Gesellschaftsordnung", so Engels (1964) in den Grundsätzen des Kommunismus, "wird den Betrieb aller Produktionszweige aus den Händen einzelner, einander Konkurrenz machender Individuen nehmen und dafür alle diese Produktionszweige durch die ganze Gesellschaft, d.h. für gemeinschaftliche Rechnung, nach gemeinschaftlichem Plan und unter Beteiligung aller Mitglieder der Gesellschaft betreiben lassen müssen".

Ich zitier

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