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Der Mensch - nach Rücksprache mit der Soziologie

  • Erscheinungsdatum: 07.11.2013
  • Verlag: Campus Verlag
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Der Mensch - nach Rücksprache mit der Soziologie

Der Mensch ist ein soziales Wesen, das in Beziehungen zu anderen Menschen lebt. Diese alteuropäische Denkvoraussetzung hat den Menschen aus dem Fokus der Soziologie gerückt. Denn es ist nicht der Mensch, es sind die sozialen Beziehungen, für die sie sich interessiert. Doch hat sich damit bereits die Frage nach dem Menschen für die Soziologie erledigt? Die Autorinnen und Autoren des Bandes diskutieren aus unterschiedlichen Perspektiven die Relevanz anthropologischer Annahmen für die gegenwärtige Soziologie.
Mit Beiträgen von Eva Barlösius, Ulrich Bröckling, Christoph Deutschmann, Hartmut Esser, Joachim Fischer, Hans-Joachim Giegel, Andreas Göbel, Sabine Hark, Roland Reichenbach, Rudi Schmidt und Jürgen Straub.

Michael Corsten und Michael Kauppert sind Professoren für Soziologie an der Universität Hildesheim.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 07.11.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783593419701
    Verlag: Campus Verlag
    Größe: 1795kBytes
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Der Mensch - nach Rücksprache mit der Soziologie

Tiefsinnige Frage, leichtfertige Antworten? Der Mensch - vor einer Rücksprache mit der Soziologie
Michael Kauppert

In der Beschreibung des Menschen bittet Hans Blumenberg (2006: 502f.) seine Leser darum, sich den folgenden Dialog vorzustellen:

'Tiefsinniger Frager: Was ist der Mensch?

Leichtfertiger Antworter: Da geht doch einer.

Tiefsinniger Frager: Ob das auch so einer ist wie ich?

Leichtsinniger Antworter: Alle sind so wie du.

Tiefsinniger Frager: Vielleicht ist jeder ein anderer.

Leichtfertiger Antworter: Alle sind anders.

Tiefsinniger Frager: Woher will man wissen, was alle sind?'

1. Der initiale Vorsprung, den ein Fragesteller gegenüber seinem Antwort-geber hat, verkehrt sich in dem von Blumenberg inszenierten Dialog in den sozialen Nachteil desjenigen, dem es nur mühselig gelingt, weiterzufragen, ein Eindruck, der sich einem Leser des Dialogs dann aufdrängt, wenn er auf die Leichtigkeit achtet, mit der der leichtfertige Antworter imstande ist, die Fragen des tiefsinnigen Fragestellers zu retournieren. Auf die Frage nach dem Menschen zu antworten fällt offenbar ungleich leichter, als diese Frage in Gang zu halten.

2. Im Dialog zwischen dem tiefsinnigen Frager und dem leichtfertigen Antworter wiederholt sich die Differenz zwischen der theoretischen Ein-stellung einerseits und der Lebenswelt als dem 'Inbegriff der gelebten Selbstverständlichkeiten unterhalb des Niveaus von Aufmerksamkeit und Ausdrücklichkeit' (Blumenberg 2006: 50) andererseits. Die Gesprächs-partner beziehen sich hier nur oberflächlich aufeinander. Tatsächlich reden sie aneinander vorbei. Bereits die anfängliche Frage 'Was ist der Mensch' verlangt einen ganz anderen Typus von Antwort, als sie vom leichtfertigen Antworter gegeben wird: Auf die Frage nach dem Menschen begegnet dieser mit der sprachlichen Zeigehandlung auf einen Menschen. Es ist der Gebrauch des (un-)bestimmten Artikels, der im Dialog den Unterschied zwischen Theorie und Lebenswelt begründet. Im bestimmten Artikel liegt die 'Forderung von äußerster Strenge und Präzision [...]. Sie verlangt nach strikter Ökonomie, und das heißt ausschließend: nach der Definition' (a.a.0.: 504). Mit deiktischen Ausdrücken kann sich insofern derjenige, der wissen will, was der Mensch ist, nicht zufrieden geben: Auf den Menschen lässt sich nicht zeigen. Wo dies dennoch geschieht, hat die Zeigehandlung regelmäßig eine rhetorische Funktion: Zur Anschauung gelangt das, und nur das, was dem Antwortenden geeignet erscheint, die Frage nach dem Menschen zu delegitimieren oder aber aufzuwerten.

3. In der philosophischen Tradition hat die Favorisierung von Definiti-onen insbesondere im Ausgang von Aristoteles dazu geführt, den Men-schen (zôon logon echon, zôon politikon) nicht durch sein Äußeres, für jedermann Sichtbares, sondern durch seine inneren Fähigkeiten zu be-stimmen, und zwar in Differenz zum Tier. Auch wenn damit das Problem von Verwechselbarkeiten innerhalb des Spektrums von Lebewesen klassifikatorisch gebannt schien - ihre Überzeugungskraft gewinnen Definitionen des Menschen doch nicht allein und nicht einmal vordringlich daraus. Anthropologica wie die des Aristoteles beziehen sich nicht nur auf das Wesen, dem sie vorderhand zugedacht sind; sie erheben es damit zugleich auf eine Stufe mit Entitäten, deren 'Leben' gerade nicht von der Art und Qualität sein konnte, die man Organismen zuspricht: stadtstaatliche Lebensgemeinschaften, derer angeblich nur Götter oder Tiere nicht bedürfen; Göttlicher Geist, dem sich das menschliche Denken anzuähneln vermeintlich in der Lage sei. In den Augen Blumenbergs blieb dabei allerdings offen, wie 'Vernünftigkeit als eine gerade für dieses Lebewesen notwendige und integrale Leistung aus seinen Existenzbedingungen heraus zu verstehen', und das heißt 'als das Minimum der Leistungsvoraussetzung der Selbsterhaltung für dieses organische System [...] erwiesen werden könnte' (ebd.: 510

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