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Gewalt erklären! Plädoyer für eine entdeckende Prozesssoziologie von Hoebel, Thomas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.09.2019
  • Verlag: Hamburger Edition HIS
eBook (ePUB)
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Gewalt erklären!

Gewalt ist ein soziales Ereignis, das alltäglich ist, auch wenn sich Regionen der Welt mitunter massiv in ihren Gewaltniveaus unterscheiden. Und doch wird Gewalt - zumindest in den westlichen Gesellschaften - als Rätsel oder exotisches Geschehnis wahrgenommen, mit Auswirkungen, die selbst noch in den Sozialwissenschaften zu beobachten sind. Denn die Gewaltforschung tut sich einigermaßen schwer, Gewalt zu erklären, wenn nicht sogar der Versuch der Erklärung dezidiert zurückgewiesen wird. Erklärungen, die jeweils bei den Motiven von Akteuren, bei situativen Interaktionsdynamiken oder gesellschaftlichen Bedingungskonstellationen ansetzen, können allein nicht überzeugen. Die Autoren schlagen vor, an prozessualen Erklärungen von Gewalt zu arbeiten, die den Blick auf die Vorgänge der Verursachung richten, um so der wissenschaftlichen Diskussion um Gewalt einen neuen methodischen Impuls zu geben. Dr. Thomas Hoebel, Soziologe, ist seit 2019 Wissenschaftler in der Forschungsgruppe Makrogewalt am Hamburger Institut für Sozialforschung. Er ist Gründungsmitglied der Forschungsgruppe 'Organisation, Dauer und Eigendynamik von Gewalt' (ordex-forschungsgruppe.de). Wolfgang Knöbl, Prof. Dr., Soziologe, ist seit 2015 Direktor des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Zuvor war er Professor für Soziologie an der Georg-August-Universität Göttingen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 23.09.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783868549676
    Verlag: Hamburger Edition HIS
    Größe: 431 kBytes
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Gewalt erklären!

1.Gewalt erklären? Zur Einführung

Erklären gehört zur basalen Kommunikationsform des Alltags. Auf die Frage, warum wir etwas getan haben, erklären wir, warum. Auf die Frage, wie etwas funktioniert, folgt die Erklärung des Wie. Erklären umfasst Warum-, Wie- und Was-Fragen, und entgegen einer weit verbreiteten Ansicht sind Warum-Fragen nicht privilegierter als andere. Zudem können wir uns nicht auf ein bestimmtes Fragewort verlassen, um festzustellen, ob jetzt eine Erklärung gefragt ist. Was Erklärung meint und welche Aussagen als Erklärungen gelten, ist kontextbedingt und davon abhängig, mit welchen Problemstellungen die Beteiligten gerade befasst sind. Der Begriff des Erklärens hat also verschiedene Bedeutungshorizonte. 1

Obwohl "Erklären" das Kerngeschäft wissenschaftlicher Disziplinen ist, bleibt in ihnen höchst umstritten, was damit genau gemeint sein soll. Nicht verwunderlich ist deshalb, dass sich auch die sozialwissenschaftliche Gewaltforschung außerordentlich schwertut, ihren Untersuchungsgegenstand zu "erklären". Dazu tragen nicht zuletzt bestimmte Besonderheiten dieses Forschungszweigs bei. Die sozialwissenschaftliche Gewaltforschung ist noch recht jung, auch wenn sie seit einigen Jahren geradezu einen Boom erlebt. 2 Somit befindet sie sich gegenwärtig in einer Phase des Testens, Kritisierens und Sortierens seiner Argumente und Ansätze, in der vieles möglich und nicht weniges fragwürdig erscheint. So verfolgen die beteiligten Wissenschaftlerinnen 3 ein breites Spektrum an Zielen, das von einem expliziten Erklärungsverzicht über die eher implizite Weigerung, Auskunft darüber zu geben, was mit "erklären" gemeint sein könnte, bis zu waghalsigen Konstruktionen reicht, die alle möglichen Aspekte sozialer Wirklichkeit in Haftung nehmen, um Gewalt zu "erklären" - vom Neoliberalismus über Diskriminierungsverhältnisse bis hin zu globalen Nord-Süd-Disparitäten.

Das zentrale Problem der gegenwärtigen sozialwissenschaftlichen Gewaltforschung sehen wir somit darin, dass sie sich zu wenig mit ihren theoretischen Prämissen, Problemen und Perspektiven befasst und dabei versäumt, zur Frage der Erklärung klar Stellung zu beziehen. Ihr zentrales Problem besteht dagegen nicht darin, dass Gewalt, was auch immer der Begriff bezeichnen soll, per se unerklärlich ist. Ganz im Gegenteil. Auch wenn sich Regionen der Welt darin unterscheiden, welches Gewaltniveau in ihnen jeweils zu beobachten ist, handelt es sich bei Gewalt um ein alltägliches Phänomen. Sie ist damit nicht grundsätzlich anders zu behandeln als andere Alltagsphänomene auch. Gewalt scheint freilich ein Geheimnis in sich zu tragen, weil sie zumindest den Bürgern westlicher Staaten als absolute Ausnahme, als exotisches Phänomen, entgegentritt, sodass die Beschäftigung mit ihr - zumindest in der Öffentlichkeit - oftmals "obsessive" Züge trägt. 4 Das ist keine gute Basis für nüchterne Analysen. Gewalt als exotisch zu deklarieren, ist vielmehr Teil des Phänomens 5 , vermindert jedoch die Chancen, sie zu begreifen und zu erklären. Genau hier wollen wir ansetzen.

Es besteht unserer Auffassung nach sowohl die Notwendigkeit als auch der Bedarf, sich explizit und systematisch mit der Erklärung von Gewalt zu befassen. Dazu gehört, sich mit Kausalzusammenhängen und dem Begriff der Kausalität zu beschäftigen. Die Gewaltforschung hat die Güte und die Grenzen ihrer explanatorischen Behauptungen bislang nur allzu selten ausgelotet. Der Frage, wie sich diese Lücke schließen ließe, widmet sich das vorliegende Buch, womit es auch den Anspruch erhebt, der Debatte um Gewalt neue Impulse zu geben.
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