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Interkulturelle Dialoge und dekoloniale Geschlechterdiskurse Indigene Gesellschaftsentwürfe und sexuelle Vielfalt in Ecuador von Becker, Greta-Marie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 07.04.2016
  • Verlag: Tectum Wissenschaftsverlag
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Interkulturelle Dialoge und dekoloniale Geschlechterdiskurse

Südamerika durchläuft derzeit hochgradig komplexe politische, soziale und ökonomische Prozesse. Einerseits wird die polit-ökonomische Umstrukturierung vorangetrieben, die im Zuge der Neoliberalisierung in den 1980er-Jahren begann, andererseits bahnen sich Vorschläge für eine fundamentale gesellschaftliche Neuordnung ihren Weg in die Politik mehrerer Länder. In Ecuador haben sich Formen des sozialen Protests entwickelt, die auf der Suche nach alternativen Gesellschaftsmodellen und selbstbewussten lateinamerikanischen Identitätsentwürfen eine Revision der kolonialen und imperialen Geschichtsschreibung eingeleitet hat. Unter besonderer Berücksichtigung der andinen Konzeptualisierung vom Guten Leben [Sumak Kawsay] untersucht Greta-Marie Becker die Verhandlung von Sexualität im heutigen Ecuador. Welchen Raum können nicht-heteronormative Lebensweisen in diesem besonderen politischen Klima für sich beanspruchen? Wie verhalten sich indigene Rechtsansprüche zu den Anliegen von trans-/homo-/bi- oder intersexuellen Personen? Anhand der politischen Arbeit sexuell diskriminierter Menschen untersucht Becker, welche Handlungsmacht diese während der Aushandlung der neuen Verfassung von 2008 und den Jahren danach entwickeln konnten. Sie bietet gleichermaßen eine fundierte Analyse der historisch gewachsenen Geschlechterkonstruktionen vor dem Hintergrund der Kolonialgeschichte Ecuadors wie auch eine Revision der derzeitigen Gesetzeslage in Bezug auf Geschlechterthemen. Becker beleuchtet die kontroverse Dynamik vergeschlechtlichter, ethnisierter Identitätsbildungsprozesse innerhalb der fragmentierten Moderne Lateinamerikas und erforscht die stärker werdende Kritik an der kulturellen Vorherrschaft des globalen Nordens. Das Ergebnis wurde mit dem Herta-Pammer-Preis ausgezeichnet.

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Interkulturelle Dialoge und dekoloniale Geschlechterdiskurse

2 Einführung in die zentralen Begriffe und Konzepte der Dekolonialen Theorie 5

Im Rahmen Postkolonialer Studien wird seit den 1970er Jahren von Theoretiker innen wie Edward Said, Homi K. Bhabha und Gayatri C. Spivak darauf hingewiesen, dass der Kolonialismus nicht nur die Gesellschaften des Südens grundlegend geprägt hat, sondern ebenso konstitutiv für die kolonialisierenden Gesellschaften und ihre Selbstwahrnehmung war und ist. Vor diesem Hintergrund muss die Kolonialisierung als eine globale Erfahrung verstanden werden und kann geographisch nicht allein außerhalb Europas verortet werden. Ausgehend von einer Kritik an der systematischen Trennung von polit-ökonomischen Analysen des Welt(wirtschafts)systems und kritischen Postkolonialen Studien zur okzidentalistischen Selbstvergewisserung im Bereich der Kulturwissenschaften werden seit Ende der 1990er Jahre dekoloniale Forderungen nach einem 'Reframing' der Theoretisierung globaler Macht- und Herrschaftsverhältnisse formuliert.

Eine dekolonial-lateinamerikanische Sichtweise weist zudem auf die Notwendigkeit hin, auch postmoderne, postkoloniale, poststrukturalistische und feministische Ansätze im Hinblick auf ihr epistemisches Grundgerüst, welches aus der Perspektive dekolonialer Denker innen oftmals unreflektiert im westlichen Wissenschaftskanon verhaftet bleibt (vgl. Grosfoguel 2010: 311) kritisch zu hinterfragen.

Die Theoretisierung dieser Perspektive auf die Welt baut auf dem geistigen Erbe nicht- weißer feministischer Strömungen wie beispielsweise der Third World- und Chicana-Feminismus, der lateinamerikanischen Dependenztheorie, der Befreiungstheorie und den Subaltern Studies auf. Im Zentrum der Kritik steht nicht zuletzt die Fragmentierung wissenschaftlicher Disziplinen. Kapitalismuskritischen wie postkolonialen Ansätzen aus den hegemonialen Zentren wird eine Perspektive gegenüber gestellt, in der die Abwertung und Diskriminierung aufgrund von 'Rasse', Geschlecht, Sexualität, Spiritualität und Weltsicht nicht losgelöst von internationalen polit-ökonomischen Strukturen verhandelt werden können, sondern "einen integralen, verwobenen Hauptbestandteil des umfassenden 'Paketes' des europäischen modernen, kolonialen, kapitalistisch/patriarchalen Weltsystems dar[stellen]" (Grosfoguel 2010: 317, siehe auch Grosfoguel 2000). Von einem dekolonialen Standpunkt aus ist die Struktur der kolonialen Herrschaftsformen nicht nur in ethnisierte Identitätsmuster der ehemalig kolonisierten wie kolonialisierenden Gesellschaften eingeschrieben, sondern prägt bzw. erzeugt zudem das ungleiche Verhältnis der internationalen Arbeitsteilung. Rassistisch/ethnisierte Hierarchien zwischen Europäer innen und Nicht-Europaer innen können aus dekolonialer Perspektive nicht abseits globaler kapitalistischer Strukturen analysiert werden.

Um dieses Weltsystem erklären zu können, wird als analytisches Schema der politischen Ökonomie die Wallersteinsche Weltsystemtheorie herangezogen, kritisch befragt und ausgehend von einer geopolitisch lateinamerikanischen Perspektive erweitert.

In Anlehnung an die Vertreter innen der Gruppe 'Colonialidad/Modernidad' 6 wird die globale Ordnung so als ein patriarchales, eurozentrisches, kapitalistisches und kolonial geprägtes Weltsystem analysierbar (vgl. Mignolo 2000). In der dekolonialen Auseinandersetzung mit der (post)kolonialen Welt geht der nationalistisch-territoriale Kolonialismus der Moderne in eine postmoderne, globale und deterritorialisierte Form der 'Kolonialität' über (vgl. Castro-Gómez 1998: 155). Dieser Begriff soll es ermöglichen, "die Kontinuität der kolonialen Herrschaftsformen nach dem Ende der kolonialen Verwaltung" zu beschreiben. Im Rahmen dieser Konzeptualisierung soll dem 'Mythos der Dekolonisation', d. h. der Vorstellung einer ent-kolonialisierten Weltordnung widersprochen werden (vgl. Castro-Gómez 1998; Grosfoguel 2007). Der Begriff der 'Koloni

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