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Migration und Mittelschicht Eine Ethnografie sozialer Mobilität von Lemberger, Barbara Maria (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.03.2019
  • Verlag: Campus Verlag
eBook (PDF)
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Migration und Mittelschicht

Die türkische Immigration nach Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte. Über Jahrzehnte hinweg hat sich eine starke migrantische Mittelschicht etabliert, die bisher überwiegend durch berufliches Unternehmertum gesellschaftliche Mobilität erfahren hat. Entgegen der Annahme, dass einzig das Dispositiv der individuellen Leistung soziale Transformation hervorbringt, verdeutlicht diese Ethnografie, dass das Verhältnis komplexer ist. Im Zentrum der Untersuchung steht das 'Mittelschicht-Werden' innerhalb der postmigrantischen Gesellschaft. Barbara Lemberger hat am Institut für Europäische Ethnologie an der LMU München promoviert und ist Mitglied im Labor Migration am Institut für Europäische Ethnologie an der HU Berlin.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 214
    Erscheinungsdatum: 13.03.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783593441047
    Verlag: Campus Verlag
    Serie: Arbeit und Alltag .16
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Migration und Mittelschicht

1 Die gesellschaftliche Mitte von Berlin - Migration und Mobilität relokalisiert 'Die Türkischstämmigen brauchten keine Aufforderung vom Staat, sich heimisch zu fühlen. Sie haben es gemacht, trotzdem ihnen immer wieder gesagt wurde: Ihr gehört nicht hier her. [...] Die Geschichte der türkischen Immigration nach Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte.' Feridun Zaimo?lu 1.1 Migration und Erfolg Im Jahr 1985 entstand die türkische Tragikomödie 'Gurbetçi ?aban'. Im Mittelpunkt steht der junge ledige ?aban, der von Istanbul aus in die Arbeitsmigration nach Köln aufbricht. Voller Elan, erwartungsvoll und in launiger Abenteuerstimmung besteigt der junge Mann den Fernbus. In Köln angekommen, sucht er seine Unterkunft auf - eine von bereits mehreren Gurbetçi-Familien bewohnte Altbauwohnung, wo die räumliche Enge zu permanentem Gezanke führt. Am nächsten Tag stellt sich heraus, dass ?aban ohne gültige Arbeitserlaubnis eingereist ist. Das ist seinem neuen Arbeitgeber, dem Inhaber der Hans-GmbH nur recht, da seine gesamte Produktion und sein Wohlstand auf der Ausbeutung 'illegaler' türkischer Arbeitskräfte fußt. Der Hungerlohn, die Erpressungen, Beschimpfungen und alltäglichen Schikanen am Ort der Arbeit in der Fabrik und im Hause des Direktors lassen ?aban die Arbeit schon bald hinwerfen und er ersinnt (wie üblich) eine List: Mit Hilfe seiner Liebsten, einer türkischen Kollegin in der Hans-GmbH, gelingt es ihm, über fiktive Kinder Kindergeld anzusammeln. Davon kauft er eine Kuh, über den Gewinn der verkauften Milch schafft er sich eine Herde an und schließlich eröffnet er in Köln die ?aban GmbH, einen stattlichen Milch- und Schlachterbetrieb. Zuletzt verschuldet sich der Fabrikinhaber der Hans-GmbH beim mittlerweile zu Vermögen und Ansehen gekommenen ehemaligen ausgebeuteten Arbeiter ?aban in solcher Höhe, dass er sie ihm überschreiben muss. ?aban dreht den Spieß nun um und lässt den Direktor und seinen Stab für ihr an den ?Gastarbeiter/-innen? ausgeübtes Unrecht büßen. Diese putzen nun seinen eigenen Mercedes und auch sein eigenes neues Heim. ?abans Klasse ist gerächt und der soziale Aufstieg in grotesker Weise vollzogen. Damit endet der Film. Obgleich es sich hier um ein schnell produziertes und publikumsgefälliges Werk handelt, das die Themen Ausbeutung der ?Gastarbeiter/-innen? auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt sowie den gesellschaftlichen Rassismus in der Bundesrepublik recht plakativ darstellt, ist der Plot eine Kritik, Verspottung und Übertreibung, also eine Satire auf die bundesrepublikanische Ausländerpolitik der Zeit. Denn in den 1980er Jahren konzentrierte sich diese auf Strategien der Rückführung der Arbeiter/-innen und ihren Familien aus dem Süden. Dreh- und Angelpunkt in den öffentlichen Diskursen und zugleich in den migrantischen Kämpfen waren dabei unter anderem der topos Kindergeld4: Mit diesem sicherte sich der Titelheld den Grundstock für seine eigene wirtschaftliche Existenz, nachdem er aufgrund ausbeuterischer Bedingungen die Arbeit in der Fabrik weder weiterführen konnte noch wollte. Die Szenen der Auszahlung des Kindergeldes nehmen im Film einen wichtigen Platz ein und sind mehrdeutig: Zum einen wird Bezug genommen auf den immerwährenden rassistischen Diskurs um problematischen Kinderreichtum von türkischen/muslimischen Familien, den der Titelheld fintenreich zu seinem Vorteil wendet und in Bares münzt. Zum anderen macht sich die Szene zugleich in Komplizenschaft mit der Zuschauerschaft über die Beamten der deutschen Behörden lustig, die ihm den Kinderreichtum von neun Sprösslingen glauben und eine Menge Geld dafür bezahlen. Diese 'List' ist, mit Michel de Certeau gesprochen, eine 'Möglichkeit für den Schwachen [...] ein ?letztes Mittel? [...], eine Taschenspielerei mit Handlungen' (de Certeau 1988: 90). Sie erlaubt ?aban, sich aus den Verhältnissen zu befreien und mit dem Aufbau seines eigenen Betriebs 'einen Coup zu landen' (ebd.). Gesellschaftstheoretisch

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