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Pfandsammler Erkundungen einer urbanen Sozialfigur. von Moser, Sebastian J. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.03.2014
  • Verlag: Hamburger Edition HIS
eBook (ePUB)
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Pfandsammler

An Bahnhöfen, vor Fußballstadien, in Stadtgärten und Fußgängerzonen, überall trifft man sie an: die Pfandsammler. Es sind Männer und Frauen, alte und junge, und sie gehören spätestens seit der Einführung des Pfandes auf Einweggetränkeverpackungen im Jahre 2006 zum Bild einer jeden deutschen Großstadt. Verdienen kann man mit dem Aufklauben von Dosen und Flaschen kaum etwas; diese nur vordergründige rein ökonomische Aktivität erlaubt es noch nicht einmal, die eigene Existenz auf minimale Weise selbstständig zu sichern. Zudem werden diese Menschen, die mit ihren Händen tief in die Abfalltonne der Innenstädte greifen, die öffentlichen Plätze vom Unrat der anderen reinigen und dann mit dem signifikanten Klappern der Flaschen in ihren Tüten weiterziehen, zumeist nur toleriert oder gar vor aller Augen erniedrigt. Ihnen haftet das Etikett des Drecksarbeiters, Penners und Schmarotzers an. Die vermeintlich einfache Frage, warum Menschen trotz all dieser widrigen Umstände tagtäglich aufs Neue durch die Straßen der Großstädte ziehen, welche Aussagen die Betrachungen dieser Sozialfigur in Bezug auf Prekarität und Marginalität, auf Armut und Einsamkeit in unserer modernen Gesellschaft zum Ausdruck bringt, erkundet die vorliegende Studie. Den heutigen Sammlern von Pfandflaschen werden historische Gefährten vergleichend zur Seite gestellt. Sie sammelten Holz, Lumpen und Ähren und fügten sich in ihre Rollen in den jeweiligen gesellschaftlichen Gebilden. Sebastian J. Moser legt mit diesem Buch die bisher einzige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Figur des Pfandsammlers vor. Die Arbeit räumt mit gängigen Klischees auf, ermöglicht einen Einblick in die Welt der Pfandsammler und führt zu überraschenden Einsichten in die Verfasstheit unserer modernen Gesellschaft.
Sebastian J. Moser studierte Soziologie, Sozialanthropologie und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bielefeld. Im Jahr 2012 war er Mitbegründer des Labo Co-Errance, das sich mit Fragen alternativer Forschung und Lehre beschäftigt. Seit Anfang 2014 gehört er dem Centre Max Weber in Lyon an.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 270
    Erscheinungsdatum: 12.03.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783868546118
    Verlag: Hamburger Edition HIS
    Größe: 1015kBytes
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Pfandsammler

Zur Phänomenologie des Pfandsammelns
Jeder Sozialforscher, der sich anschickt, ein Phänomen seiner Gesellschaft zu untersuchen, ist häufig mit dem Problem des "Immerschon-Bekannten" oder "Fast-schon-Banalen" konfrontiert. Das, was er sieht, entspricht zumeist dem, was jeder auf der Straße, bei subkulturellen Veranstaltungen oder gleich welcher gesellschaftlichen Institution selbst beobachten könnte. Im Konjunktiv jedoch liegt der Unterschied! Ist der Sozialforscher auch im Allgemeinen ausgebildet, ein Feld mithilfe wissenschaftlicher Methoden zu untersuchen, die ihm bei der systematischen Erschließung helfen und zur anschließenden Validierung seiner Ergebnisse verwendet werden können, so ist es allen voran die forschende Muße, die den Blick des Forschers vom Blick des Nicht-Forschers unterscheidet. Das plötzliche Erstaunen über etwas Alltägliches und der Wunsch, die dadurch ausgelösten Deutungskrisen zu lösen, ist zuallererst der Ausgangspunkt jeder Forschung. Um uns Schritt für Schritt dem hier verhandelten Phänomen des Pfandsammlers zu nähern, sollen im Folgenden zunächst die ethnografischen Beobachtungen präsentiert werden. Diese sollen einen ersten Eindruck davon vermitteln, wie sich diese Tätigkeit gestaltet. Verzichtet wird dabei weitestgehend auf theoretische Konzeptionen oder Literaturverweise. Viel eher stütze ich mich bei diesen Ausführungen auf das Immer-schon-Bekannte, verlängere jedoch die Dauer seiner Betrachtung. Dabei ist zu wünschen, dass dem Nicht-Forscher Bekanntes vor Augen geführt wird, das durch die Brille des Forschers gefiltert wurde, der in der vorteilhaften Lage ist, dem Beobachteten etwas mehr Aufmerksamkeit schenken zu dürfen, als es das Alltagsgeschäft zulässt.
Als Pfandsammeln ist zunächst ganz allgemein die Suche nach leeren, mit Pfand belegten Getränkegebinden wie Dosen, Glas- oder Plastikflaschen zu verstehen. Werden diese Gebinde gefunden, so können sie anschließend an dafür vorgesehenen Stellen, wie zum Beispiel Supermärkten, Getränkehändlern oder Tankstellen, abgegeben werden. Ziel der Tätigkeit ist es, das auf die Gebinde erhobene Pfandgeld zu erhalten. Damit Flaschen oder Dosen gesammelt werden können, müssen sie zuvor von denjenigen Personen, die das Pfandgeld entrichtet haben, zurückgelassen worden sein. Dies geschieht häufig dadurch, dass die Gebinde in Abfallbehälter geworfen oder an Ort und Stelle liegen gelassen werden. Außerdem darf die durch die Entrichtung des Pfandes initiierte und prinzipiell noch andauernde Beziehung zwischen dem Händler und dem Kunden der Flasche nicht mehr anzusehen sein, das heißt die zuvor durch zwei Personen eingegangene Beziehung muss ent personalisiert werden, da sonst der Sammler, der das Gebinde gefunden hat, es nicht problemlos abgeben könnte.
Das Pfandsammeln lässt sich in drei Phasen unterteilen: 1) Das (Ein-)Sammeln der Flaschen oder Dosen stellt den zeitaufwendigsten Teil der Tätigkeit dar. 2) Es müssen Vorrichtungen bestehen oder geschaffen werden, die ein Zwischenlagern ermöglichen, sodass mit einem Mal möglichst viele Flaschen oder Dosen gesammelt werden können. 3) Die letzte und sicherlich entscheidendste Phase ist die des Abgebens beziehungsweise Eintauschens.
(Ein-)Sammeln
Für das (Ein-)Sammeln von Pfandflaschen müssen Orte aufgesucht werden, an denen die Nicht-Sammler oder Geber ihre Getränke konsumieren und/oder deren Verpackungen zurücklassen. Zu den Orten, an denen ich Flaschensammler angetroffen habe, gehören Fußgängerzonen, Parks, Universitäten, Schulen,

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