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Soziale Raumzeit von Weidenhaus, Gunter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.07.2015
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Soziale Raumzeit

Seit Einstein wissen wir, dass es in der physikalischen Welt einen engen Zusammenhang zwischen Raum und Zeit gibt. Aber auch in der sozialen Welt, so die These von Gunter Weidenhaus, sind Raum und Zeit auf eine Weise verbunden, die für unsere Weltbezüge fundamental ist. Mit Soziale Raumzeit legt er die erste systematische Studie zu diesem Thema vor und zeigt, wie soziale Räume, zum Beispiel Heimaten oder Nationalstaaten, mit ganz bestimmten Zeitauffassungen einhergehen und vor dem Hintergrund beschleunigten sozialen Wandels die Zeit episodisch und fragmentiert erscheint, während sich der Raum von territorialen Großeinheiten in Netzwerke verwandelt. Erstmals wird hier der Zusammenhang von Raum und Zeit aus sozialwissenschaftlicher Perspektive systematisch erforscht und belegt. Gunter Weidenhaus ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der TU Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 06.07.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518741375
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 2139 kBytes
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Soziale Raumzeit

1. Einleitung

Cornelius hat kein Zuhause - aber obdachlos ist er nicht. Mein Interviewpartner hat zwar eine Wohnung und hat schon in vielen Städten Deutschlands in Wohngemeinschaften gelebt, was ihn aber interessiert, sind die Atmosphären der Städte, ihre Subkulturen und deren ' Locations '. Die Menschen 'auf der Straße' sind für ihn wichtig. Wo sein Bett steht, ist zweitrangig. Die Idee eines Zuhauses oder auch einer Heimat im traditionellen Sinne ist ihm eher ein Gräuel, denn "was anderes kannste machen, wenn du Familie und Kinder hast und dann sowieso vom Job nicht mehr nach Hause willst, weil dann der Heimatstress kommt". Cornelius plant nicht in die Zukunft. Seine befristete Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter verspricht zunächst einmal nur eines: Ein Jahr Anspruch auf Arbeitslosengeld. Spontan bei sich bietender Gelegenheit umsteuern, sich immer wieder neue Projekte suchen, nicht wissen, was morgen kommt, und auch nicht so tun als ob, das ist kein Problem für ihn. Als eine seiner Stellen mal wieder ausgelaufen war, reagierte er gelassen: "Jetzt bin ich arbeitslos - jetzt geh' ich nach Berlin."

Offensichtlich lassen sich die relevanten Lebensräume [1] meines Interviewpartners mit herkömmlichen Begriffen schlecht erfassen. "Trautes Heim - Glück allein" geht meilenweit an seinen Vorstellungen gelingenden Lebens und an seiner Realität vorbei. Die Struktur von Cornelius' biographisch wichtigen Räumen lässt sich viel eher als Netzwerk aus bestimmten Städten und Stadtvierteln beschreiben. Auch die Zeit seines Lebens folgt keinem herkömmlichen, linearen Modell, in dem die Gegenwart aus der Vergangenheit hervorgegangen ist und nun eine folgerichtige Zukunft geplant wird. Seine Geschichte klingt eher wie eine Reihe lose verbundener Gegenwarten, die sich zufällig aneinanderreihen.

Die Zeitstruktur seiner Lebensgeschichte scheint ebenso ungewöhnlich wie die Struktur seines Lebensraums. Es stellt sich die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen der Zeit und dem Raum in Cornelius Leben gibt. Vielleicht sind sogar ganz allgemein die Strukturen der Räume und Zeiten unseres Lebens miteinander verbunden? Mit anderen Worten: Könnte es nicht sein, dass sinnvoll von einer sozialen Raumzeit gesprochen werden kann?

Auch im Rahmen der wissenschaftlichen Diskussion sind Zeit und Raum in Bewegung geraten. Die gegenwärtigen zeitdiagnostischen Makroanalysen im Bereich der Sozialwissenschaften konstatieren unisono eine Veränderung der dominanten räumlichen und zeitlichen Konstruktionslogiken. Prominente Beispiele sind die an der Schwelle zur Post-, Nach- oder zweiten Moderne auf die 1980er Jahre datierten Übergänge vom ' Space of Places ' zum ' Space of Flows ' (Castells 2001, orig. 1996) oder von der linearen ' Clocktime ' zur ' instantaneous Time ' (von der Uhrenzeit zur unmittelbaren Zeit), in der erlebte Zeitabschnitte unabhängig voneinander und fragmentiert erscheinen (vgl. Urry 2000).

Was mit einer Veränderung der Zeit gemeint ist, soll hier zunächst nur mit wenigen Worten skizziert werden: Während sich einerseits die Rhythmen der Produktion und Konsumption immer weiter beschleunigen, scheint andererseits der Gesellschaft und den Subjekten die Zukunft abhandenzukommen. Die großen Metaerzählungen und Utopien der Moderne wie die Verwirklichung des Kommunismus oder ein durch Fortschritt zu realisierender "Wohlstand für alle" (Erhardt 1957) sind verstummt und die Diskussionen um eine einheitliche Richtung gesamtgesellschaftlicher Entwicklung erlahmt (vgl. zum Beispiel Schilcher/Weidenhaus 2010). Die schnellen gesellschaftlichen Veränderungen einerseits und das Fehlen einer Richtung dieser Entwicklungen andererseits kulminieren in der Metapher des "rasenden Stillstands" (Virilio 1998), in dem die Zeitstrukturen zu kollabieren drohen. Auch den Subjekten scheint es immer schwerer zu fallen, ihren Lebensweg oder beruflichen Werdegang vorherzusagen. Entsprechend

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