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Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben Und andere Argumente für ökonomische Unabhängigkeit von Ghodsee, Kristen R. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.10.2019
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben

Im August 2017 sorgte ein Beitrag von Kristen R. Ghodsee in der New York Times für Furore. Der Titel: Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex hatten. Bei "Sozialismus" mögen viele an alte Männer in grauen Anzügen denken. Tatsächlich aber garantierten zahlreiche sozialistische Länder ihren Bürgerinnen durch die Integration in den Arbeitsmarkt, Lohngleichheit und eine aktive Sozial- und Familienpolitik ein hohes Maß an ökonomischer Unabhängigkeit. Das erlaubte vielen Frauen, ihre Partner nicht nur unter dem Gesichtspunkt wirtschaftlicher Absicherung, sondern eben auch unter dem der individuellen Entfaltung zu wählen. Dreißig Jahre nach dem Ende des Staatssozialismus blickt die Historikerin und Ethnografin zurück und untersucht die Auswirkungen der kapitalistischen Transformation auf die Leben von Frauen. Die Lasten einer unregulierten Wirtschaft, so das Ergebnis ihres Essays, den sie nun erweitert als Buch vorlegt, tragen vor allem Frauen. Und sie sind es, die durch eine gerechtere Gesellschaft am meisten zu gewinnen haben. Kristen R. Ghodsee, geboren 1970, ist Professorin für Russische und Osteuropäische Studien an der University of Pennsylvania und forschte unter anderem in Princeton, Rostock und Freiburg. Von ihr ist zuletzt erschienen: Red Hangover: Legacies of Twentieth-Century Communism (2017).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 27.10.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518763728
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 5099 kBytes
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Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Meine Erinnerungen lassen sich im Wesentlichen in vier Kategorien einteilen. Der erste Typ Erinnerungen ist historisch: eine lineare Abfolge bestimmter Ereignisse. Die Autofahrt von Sofia nach Zagreb 2009, um ein U2-Konzert zu besuchen, oder die Reise von Boston über Amsterdam und Nairobi nach Lusaka, um eine verehrte Stammesführerin zu interviewen. Andere sind intellektueller Natur: Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich etwas über Hegels Dialektik oder die kulturelle Vielfalt von Verwandtschaftsmustern lernte. Der dritte Typ von Erinnerungen sind Sinneseindrücke: der Klang von Rachmaninows "Vocalise", der Anblick der aufgehenden Sonne in Japan, der Geruch von Gardenien im Frühling oder der Geschmack von frischer Wassermelone mit salzigem weißen bulgarischen Käse. Die letzte - und eindringlichste - Kategorie umfasst emotionale Erinnerungen. Was diesen an Detailliertheit mangelt, machen sie mit ihrer Intensität wett. Es ist eine solche emotionale Erinnerung, die ich an den Abend des 30. Juni 1990 auf dem Alexanderplatz habe.

Elena Lagadinowa (rechts, mit Angela Davis) (1930-2017): Die jüngste Partisanin, die während des Zweiten Weltkrieges gegen die mit den Nationalsozialisten verbündete bulgarische Monarchie kämpfte. Bevor sie Vorsitzende des Komitees der bulgarischen Frauenbewegung wurde, machte sie einen Doktor in Agrarbiologie und arbeitete als Forschungsassistentin. Lagadinowa stand an der Spitze der bulgarischen Delegation auf der ersten UN -Weltfrauenkonferenz 1975. Da freie Märkte zur Diskriminierung jener führen, die Kinder austragen, so Lagadinowas Überzeugung, können Frauen in ihrer Doppelrolle als Arbeiterinnen und Mütter nur durch staatliche Eingriffe unterstützt werden.
(Mit freundlicher Genehmigung von Elena Lagadinowa.)

Mein erster Aufenthalt in Deutschland führte mich in ein Land, das es nicht mehr gibt. Ich hatte den Sommer 1990 damit verbracht, als Rucksacktouristin durch Bulgarien, Jugoslawien, Rumänien, Ungarn und die Tschechoslowakei zu reisen. Beim Grenzübertritt in die DDR ließen mich die Grenzbeamten erst passieren, nachdem ich einen bestimmten Betrag Dollar in Ostmark umgetauscht hatte - dabei sollte diese Währung in weniger als einer Woche Geschichte sein. Und als Amerikanerin hatte ich keinen Anspruch darauf, Ostmark am 1. Juli in D-Mark zu wechseln. Mir blieb nichts anderes übrig, als sie auszugeben, und das tat ich, indem ich allerhand Deutschen, die ich nie zuvor gesehen hatte, Getränke spendierte.

An den Namen des Lokals kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es war randvoll mit Menschen, die den bevorstehenden Umtausch ihrer Ostmarkscheine in eine harte Währung feierten. Es waren überwiegend junge Leute, und das Zechgelage dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Ich erinnere mich, wie ich nach zahllosen Gesprächen mit Fremden und viel zu vielen Bieren das Gefühl hatte, ich surfe auf der Welle der Geschichte und werde Zeugin eines bedeutenden Einschnitts. In mein emotionales Gedächtnis brannten sich die Hoffnung, die Freude und die Ungläubigkeit über die unendlichen Möglichkeiten ein, die mit der neuen Freiheit verbunden waren. Als jemand, der den Großteil seiner Teenagerjahre in großer Angst vor dem drohenden Inferno eines Atomkrieges verbracht hatte, wurde ich in jener Nacht auf dem Alexanderplatz mit einem alles durchdringenden Optimismus angesichts der Geburt einer neuen Welt angesteckt.

Nach jenem ersten Aufenthalt fand Deutschland immer wieder Wege, mich zurückzulocken. Nach Kurzbesuchen in einem Berlin voller Kräne 1995, 2000 und 2005 zog ich 2008 nach Rostock, wo ich am Max-Planck-Institut für demografische Forschung ein Aufenthaltsstipendium erhalten hatte. Fast 18 Jahre nach jener wunderbaren Nacht unter dem Berliner Fernsehturm erlebte ich, dass sich die mit der Wiedervereinigung verknüpften Hoffnungen für viele

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