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Woher man kommt, wohin man geht Über die Zugkraft der Klassenherkunft am Beispiel junger IndustriearbeiterInnen von Altreiter, Carina (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.12.2018
  • Verlag: Campus Verlag
eBook (PDF)
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Woher man kommt, wohin man geht

Soziale Klasse, einst zentraler Kampfbegriff der Arbeiterbewegung und bedeutende analytische Kategorie in der Soziologie, fristet im deutschsprachigen Raum seit einigen Jahrzehnten ein eher kümmerliches Dasein. Carina Altreiter zeigt in ihrer Studie, was analytisch zu gewinnen ist, wenn man sich mit einer Klassenbrille sozialen Phänomenen nähert: Angelehnt an Bourdieu untersucht sie, wie die Klassenherkunft junger Industriearbeiterinnen und -arbeiter deren Übergang von der Schule in die Arbeitswelt prägt, wie sie Auseinandersetzungen mit konkreten Arbeitsbedingungen formt und im Lebensverlauf berufliche Positionen verfestigt. Die Fallgeschichten zeigen deutlich, wie sich die Aufrechterhaltung sozialer Ordnung auf individueller Ebene vollzieht. Carina Altreiter, Dr. phil., ist wiss. Mitarbeiterin am Institut für Soziologie an der Universität Wien.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 308
    Erscheinungsdatum: 06.12.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783593439655
    Verlag: Campus Verlag
    Serie: Labour Studies 21
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Woher man kommt, wohin man geht

1 Einleitung 'Ich fragte meine Mutter nach den abgebildeten Leuten. Der erweiterte Familienkreis: die Kinder meiner Brüder, Cousins und Cousinen mit ihren Ehepartnern usw. Immer fragte ich: ?Was macht er/sie jetzt?? Die Antworten ergaben eine Kartografie der heutigen ?classes populaires?, der sogenannten ?einfachen? Leute, die in Wahrheit Leute ohne Privilegien sind. ?Der arbeitet bei X in der Fabrik?, ?der bei Y in der Kellerei?, ?der ist Maurer?, ?der ist Polizist? und ?der ist arbeitslos?. Den sozialen Aufstieg verkörpern die Cousine, die Finanzbeamtin geworden ist, und die Schwägerin, die als Sekretärin arbeitet. Natürlich ist das nicht mehr das Elend, das ich in meiner Kindheit kannte (?Denen geht es nicht schlecht?, ?Die verdienen ziemlich gut?, fügte meine Mutter hinzu, wenn sie erzählte, was bestimmte Personen auf den Fotos beruflich machten). Im sozialen Gefüge nehmen jedoch all diese Menschen denselben Platz ein wie früher, die relationale Position in der Klassengesellschaft hat sich für die gesamte Verwandtschaft kaum geändert.' (Eribon 2016, 97) Im Jahr 2016 erschien die autobiographische Erzählung Retour à Reims des französischen Soziologen Didier Eribon in deutscher Übersetzung, die auf einer sehr persönlichen Ebene die Erfahrungen des sozialen Aufstiegs vom Kind einer Arbeiterfamilie zum Universitätsprofessor schildert. Der Autor beschreibt darin seinen verzweifelten Versuch, mit Fortschreiten seines Bildungsaufstiegs alle Brücken zu seiner Herkunft abzureißen, die ihm verhasst war und für die er sich im intellektuellen Milieu von Paris schämte. Die Geschichte lässt sich sicherlich nicht nur für Frankreich erzählen. Alle, die einen vergleichbaren sozialen Aufstieg durchlebt haben, wissen vermutlich Ähnliches zu berichten. Dennoch habe ich mich beim Lesen des Buches immer wieder gefragt, ob etwas Vergleichbares in Deutschland oder Österreich hätte geschrieben werden können. Ich würde behaupten, dass dem nicht so ist. Dabei meine ich nicht die Aufstiegsgeschichte an sich, sondern vielmehr den klassenspezifischen Rahmen, in welchen die Erfahrungen eingeordnet werden. Von Klassen zu sprechen, aber vielmehr noch die Gesellschaft in sozialen Klassen zu denken, scheint uns heutzutage fremd geworden zu sein. Im Alltag haben wir uns an eine Wahrnehmung der Welt gewöhnt, die auf Individualität gebaut ist und soziale Klassen ins Reich der Geschichte verbannt, die lediglich noch für HistorikerInnen oder LinksromantikerInnen Bedeutung haben. Auch im öffentlichen Diskurs hat sich die Vorstellung festgesetzt, dass das Leben individuell gestaltet werden kann und nicht mehr durch die soziale Herkunft vorherbestimmt ist. In den Mittelpunkt gerückt ist das Individuum mit seinen persönlichen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Talenten. Die Verteilung von und der Zugang zu Ressourcen sowie zu sozialen Positionen, soziale Auf- und Abstiege, Erfolge ebenso wie das Scheitern werden an individuellen Leistungen und Anstrengungen festgemacht. Aber hält dieses Buchgefühl und diese öffentlich geteilte Meinung einer empirischen Prüfung stand? Studien im Bereich der Bildungsforschung widerlegen diese selbstverständlich gewordene Wahrnehmung in regelmäßigen Abständen. Schulische Leistungen, aber auch damit verbundene Bildungswegentscheidungen, streuen nicht beliebig, sondern korrelieren mit dem Bildungshintergrund der Eltern (Bruneforth u.a. 2016; 2013). In Österreich klafft der Leistungsunterschied zwischen Kindern, deren Eltern höchstens über einen Lehrabschluss verfügen oder eine mittlere Schule abgeschlossen haben, und jenen, deren Eltern eine Matura (Abitur) haben, bereits am Ende der Primarstufe deutlich auseinander und drückt sich umgerechnet in einem Kompetenzrückstand von knapp einem Jahr aus. Während nur jedes zehnte Kind aus einem akademischen Haushalt den Bildungsstandard in Mathematik bei den PISA Überprüfungen nicht erreicht, gelingt das mehr als der Hälfte der Kinder aus Familien

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