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Gnadenlos Warum Menschen morden von Schreiber, Jürgen (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.04.2011
  • Verlag: C. Bertelsmann
eBook (ePUB)
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Gnadenlos

Spektakuläre Kriminalfälle, exzellent recherchiert und hautnah beschrieben - im Stile literarischer Reportagen

Der nette Nachbar, der eine 17-Jährige erschlägt, der Vater, der seine beiden Buben ertränkt, die Ehefrau, die das fast perfekte Verbrechen ihres Mannes Jahrzehnte deckt, die Geliebte, die ihren Freund aus Habgier erschießt und als Braut in Weiß heiratet. Jürgen Schreiber erzählt jenseits aller Sensationsgier Geschichten von zerstörten Leben, tödlichen Irrtümern, heillosen Verwicklungen: Vom Mord an Jakob von Metzler, vom Freigänger Dieter Zurwehme, der eine blutige Spur durch Deutschland zog, vom ersten Geiselgangster mit seiner am Ende beinahe tröstlichen Biographie. Als Gerichtsreporter schaut Schreiber genau hin, hört genau zu. Er sucht bei Angehörigen, Ermittlern und Tätern nach Hintergründen, begegnet nicht enden wollendem Leid, unversöhnlichem Hass, verstörten Seelen. Schuld und Sühne, Schicksal und Verstrickung bewegen die Menschen, weil oft ein einziger Moment genügt, um in den Bann des Bösen zu geraten.

Jürgen Schreiber, Jahrgang 1947, mehrfach ausgezeichneter Journalist und Sachbuchautor, war bis 2007 Chefreporter beim 'Tagespiegel'. Er schrieb für das 'SZ-Magazin', das 'ZEITmagazin', die 'Frankfurter Allgemeine Zeitung', die 'Stuttgarter Zeitung' und die 'Frankfurter Rundschau'. Schreiber war Gründungsmitglied von 'Die Woche' und erhielt zweimal den Wächter-Preis der deutschen Presse sowie 1991 den Theodor-Wolff-Preis. Buchveröffentlichungen: 'Ein Maler aus Deutschland' (2005: Pendo), 'Meine Jahre mit Joschka' (2007: Econ), 'Die Stasi lebt' (2009: Knaur) und 'Sie starb wie Che Guevara' (2009: Artemis & Winkler).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 15.04.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641055806
    Verlag: C. Bertelsmann
    Größe: 648 kBytes
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Gnadenlos

Blutrache (S. 125-126)

In Wiesbaden bekämpfen sich seit Jahren türkische Familien mit einem unglaublichen Hass. Sie tun das mit modernsten Waffen und mit Hightech-Ausrüstung. Resultat: fünf Tote. Ein Prozess ermöglicht nun Einblicke in die Parallelwelten einer deutschen Kurstadt.

Sie nannten ihn "Polo". Am 17. Mai 2004 liegt er erschossen am Boden, blutige Tränen rinnen ihm über das Gesicht. Sie zeichnen ein geometrisches Muster von der Nase über die Wangen zur Sonnenbrille des 38-jährigen Polat T., der im hessischen Oberursel auf offener Straße hingerichtet worden ist. 19.08 Uhr vor dem "Pro Fitness"-Sportstudio. Es verspricht auf seiner Homepage "Wohlbefinden für Körper und Seele". Der Täter steigt aus dem Auto, kniet hin, drückt ab. Eine Kugel trifft T. ins Herz, eine durchschlägt die vordere Hirn-, eine andere die Bauchschlagader, jede für sich tödlich. T. ist das fünfte und vorerst letzte Opfer einer Mordserie unter verfeindeten türkischen Familien, die sich in und um Wiesbaden kaltmachen, als spiele das Gemetzel in Chicago. Nicht in einer Kur- und Rentnerstadt, die vom wechselseitigen Erschießen seit 2001 in Atem gehalten wird und wo die Polizei mit dem Motto wirbt: "Wir wollen, dass Sie sicher leben."

Im dortigen Landgericht bringt das Einsatzkommando dieser Tage Aydin K. und Sohn Ertac zum Saal 003. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt sie, das Verbrechen "gemeinschaftlich und aus niedrigen Beweggründen" geplant und vorbereitet zu haben. Vor dem Justizbau patrouilliert demonstrativ Bereitschaftspolizei, drinnen folgen strenge Kontrollen an der "Schleuse", beäugt von krassen Typen mit kugelsicheren Westen unter weiten Hemden. Auf den Hüften sitzende Pistolen und Schulterhalfter lugen hervor. Sicherheitsglas trennt Publikum und Gericht voneinander. Die Fensterscheiben sind mit Folie abgeklebt, Einblick von außen unmöglich.

Der Bau gleicht einer Festung, die Strafkammer geht in Deckung, nachdem im "Türken-Krieg" ("Bild") potenzielle Zeugen wie eben jener Polat T. eliminiert worden sind. Kaum dass ihm die Fesseln abgenommen sind, beugt Ertac K. die Knie vor dem Vater und begrüßt ihn mit Hand- und Wangenküssen. Die Beschuldigten winken den Freunden, werden überschwänglich zurückgegrüßt. Ertac reckt siegesgewiss den Daumen, lässt seinen neuen Kinnbart bewundern.

Sie sitzen Aug in Aug mit der Witwe des Ermordeten. Deren rot lackierte Fußnägel kontrastieren stark zur dunklen Bekleidung. Eine eigenartige, fast leichtfertige Stimmung beherrscht den Raum, als könne selbst die Aussicht auf hohe Strafen die Angeklagten nicht ängstigen. Geht es doch bloß um die Tötung des Polat T. – ein "Bastard" in ihren Augen. Ertac K. ist ein kahler 30-Jähriger. In der Brusttasche steckt die Sonnenbrille, als ginge es in die Sommerfrische.

Der Polier tut herausfordernd, in dem makabren Schauspiel gleichzeitig Akteur und sein eigenes Publikum. Er übt sich in asiatisch anmutender Ruhe, testet, ob Zeugen seinem Blick standhalten. Ab und an zuckt es um den Mund. Dann blitzt für ein huschendes Lächeln ein Goldzahn auf. Intern hat er verlauten lassen, man sei "der Polizei physisch und psychisch überlegen". Wenn überhaupt, verraten ihn mitgekritzelte Sätze, hektisch dem Verteidiger zugesteckt.

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