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Die Ordnung herrscht in Berlin von Masci, Francesco (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.03.2014
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Die Ordnung herrscht in Berlin

Berlin ist keine Stadt, Berlin ist eine Verheißung. Menschen von überall her strömen in die angesagteste Metropole der Welt, um dem Versprechen von Hedonismus, Kreativität und Freiheit nachzujagen. Doch dieses Zentrum lebenskünstlerischer Avantgarde bildet in Wirklichkeit nur den Vorposten einer neuen Herrschaftsform, kritisiert der italienische Philosoph Francesco Masci in seinem streitbaren Essay: Eine absolut gewordene Kultur assimiliert jedes politische Denken und Handeln; die von der Vergangenheit so gezeichnete Stadt verabschiedet sich aus der Geschichte. Was bleibt, sind leere Individuen, die ihre fi ktiven Subjektivitäten feiern - und sich umso leichter beherrschen lassen. Ein Theorie-Projektil gegen den Berlin-Hype. Und ein Signal an alle Berghain-Gänger, 1. Mai-Randalierer und Offspace-Künstler: Die Party ist vorbei.

Francesco Masci, Philosoph, geboren 1967 in Perugia, hat sich in Frankreich durch seine scharfe Kritik an der llusionären Freiheit unter der Herrschaft des Entertainment einen Namen gemacht.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 128
    Erscheinungsdatum: 17.03.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783882214116
    Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
    Originaltitel: L ordre régne á Berlin
    Größe: 889 kBytes
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Die Ordnung herrscht in Berlin

Raum ohne Territorium

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gilt die Großstadt als unerschöpflicher Quell zukunftsorientierter Erfahrungen. Die "Steigerung des Nervenlebens", von der Simmel spricht, ist eng mit der allgemeinen Beschleunigung verknüpft, die alle westlichen Großstadtbewohner erfasst. Literatur und später auch Film haben diesen rhetorischen Topos eines immer stärker mechanisierten und entfremdeten Stadtlebens in seiner ganzen Breite ausgeleuchtet. Das Berlin der zwanziger Jahre verkörperte dies perfekt: Vom Potsdamer Platz "ist vor allem zu sagen, dass er kein Platz ist", schreibt Franz Hessel in einer seiner Berlinskizzen, sondern "eine Wegkreuzung", über die der "berühmte Verkehrsturm [...] wacht", jene kleine Ding-Persönlichkeit und Ikone des Berlins dieser Zeit, die man in Walter Ruttmanns Film Berlin: Die Sinfonie der Großstadt (1927) inmitten des unablässigen Stroms von Pkws und Doppeldeckerbussen ausharren sehen kann. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war Berlins Bilderwelt, wenngleich wie die Stadt selbst in zwei Versionen gespalten, von zukunftsorientierten Ereignissen beseelt. Auf der einen Seite die apokalyptische Vision einer unmöglichen Zukunft, die folgerichtige Strafe für eine Gegenwart, die ebenso karg schien wie die Brache, in die sich der Potsdamer Platz inzwischen verwandelt hatte. Auf der anderen Seite die sichere Zukunft der Kommunistischen Partei: redundant, bürokratisch und unbeirrbar optimistisch. Das too much future der Ostberliner Punks antwortete posthum auf das berühmte no future der Punks aus dem Westen. Beide Slogans teilen das Gefühl von Abscheu, das fehlender Hoffnung entspringt. Im Westen war diese Hoffnungslosigkeit mit einer ganz der Kontingenz überantworteten Welt verknüpft, im Osten mit einem erstickten Leben, dessen Schicksal vollkommen von der Partei geplant und der rohen Notwendigkeit unterworfen war. Mit ihrem asozialen Verhalten übersteigerten die Punks des Westens nur die ohnehin übermäßige Unordnung einer als unsinnig und verabscheuungswürdig wahrgenommenen Welt, gerade weil sie unsinnig war. Der anarchistische Krimskrams konnte im Schaufenster ganz gut neben den tabuisierten Zeichen der Macht (dem Hakenkreuz) existieren, weil sich im symbolischen Chaos am besten der Widerspruch ausdrückte, der aus der nostalgischen Sehnsucht nach einer unmöglichen Ordnung hervorbrach. Im Osten trieb diese Wut einen Teil der Jugend zur Konfrontation und transformierte sich in einen Angriff auf die Ordnung eines nur zu wirklichen diktatorisch-bürokratischen Systems. Die absolute Kultur hat der wiedervereinigten Stadt einen sich zyklisch wiederholenden Zeitrhythmus von Erwartung und Eintritt des Ereignisses aufgezwungen und vermochte es so, die scheinbar unversöhnlichen Sehnsüchte der Punks beiderseits der Mauer zu befriedigen und miteinander zu versöhnen: der nach Ordnung im Westen und der nach Unordnung im Osten. Die Zukunft stellt sich den Individuen, die bisher nichts anderes kannten als die Alternative zwischen einem Regime der freien und permanenten Konkurrenz um Bild-Kapital und einer staatlich-bürokratisch kontrollierten Bildzirkulation, nun nicht mehr als ein Richtung Fortschritt strebendes Feld von Zufällen dar. Auf ihrem Höhepunkt bringt die Zeit der absoluten Kultur nichts weiter hervor als Wiederholung. Der entfesselte Individualismus mit seinen libertären Erscheinungsformen nimmt, gleich ob von spielerischen oder feindseligen Motiven getragen, nur noch die Gestalt unnötiger Wiederholungen von Bildern und Events an, die schon bei ihrem ersten Erscheinen dazu dienten, den Subjekten in einer instabilen Wirklichkeit Halt zu geben. Berlin verkörpert heute die letzte Phase in

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