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Diskurs - Macht - Subjekt Theorie und Empirie von Subjektivierung in der Diskursforschung

  • Erscheinungsdatum: 14.10.2011
  • Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
eBook (PDF)
26,99 €
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Diskurs - Macht - Subjekt

Michel Foucaults umstrittene metaphorische Prophezeiung vom 'Verschwinden des Menschen, wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand' hat - im Zusammenklang mit seiner 'Archäologie des Wissens' - der Diskursforschung die Auszeichnung oder den Vorwurf eingebracht, sie betreibe (nichts als) eine Analyse subjektloser diskursiver Strukturen. Gleichwohl haben die Irritationen, Zustimmungen und Ablehnungen, die von dieser Provokation ausgingen, im Feld der Diskursforschung - in der Tradition von Foucault, aber auch darüber hinausgehend - eine lebhafte, spannende und kontroverse Debatte zur Frage nach dem Subjekt und seiner Einbindung in Diskurse und Machtrelationen angestoßen. Der vorliegende Band präsentiert aktuelle theoretische Positionen und empirische Forschungen: zum Verhältnis von Diskurs und Macht, Subjekt und Akteur, Handeln und Praxis. Dr. Reiner Keller ist Professor für Soziologie an der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau. Dr. Werner Schneider ist Professor für Soziologie/Sozialkunde an der Universität Augsburg. Dr. Willy Viehöver arbeitet am Lehrstuhl für Soziologie der Universität Augsburg.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 266
    Erscheinungsdatum: 14.10.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783531931081
    Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
    Größe: 3949 kBytes
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Diskurs - Macht - Subjekt

Nicht Herr im eigenen Hause und doch nicht eines anderen Knecht - Individuelle Agency und Existenz in einer pragmatisierten Diskurstheorie (S. 35-36)

Joachim Renn

Intro: Wo steht das Subjekt ?

Die auf das Werk von Michel Foucault zurückgehende diskurstheoretische Tradition gibt einer alten Geschichte einen anderen Anstrich: Das individuelle Bewusstsein ist nicht Herr im eigenen Hause. Diese Botschaft wird als die nach der heliozentrischen Kosmologie und nach der Evolutionstheorie Darwins dritte dezentrierende Kränkung der humanen Selbsteinschätzung der Freudschen Psychoanalyse zugeschrieben. Das ist mittlerweile die alte Geschichte. Die Diskurstheorie ergänzt diese kränkende Einsicht dadurch, dass sie subjektive Selbstverhältnisse auf den Effekt von Dispositiven und von diskursiven "Subjektivierungen" zurückführt und damit auch noch die individuelle Autonomie, die das Ziel einer erfolgreichen Psychoanalyse ("wo Es war, soll Ich sein") wäre, als einen historisch voraussetzungsvollen Schein entzaubert (Foucault 1989). Die scheinhafte Autonomie, hinter der sich bestenfalls auferlegte Formen der Selbstdisziplinierung, der verhohlenen Unterwerfung unter ein äußeres Gesetz der Selbstkontrolle verbergen, machen das Bewusstsein auf den ersten Blick vom Herrn über sich selbst zu einem Knecht äußerer Verhältnisse. Aber wessen Knecht soll das "Ich", das individuelle Selbst, das nur glaubt, über sich zu verfügen, sein, wenn die Macht über das Selbst keiner Person, sondern anonymen Diskursen zukommt, wenn überdies die subtilste wie nachhaltigste Verknechtung in der Form subjektiver Selbstbeherrschung besteht, also in der Delegation an ein Agens, das immerhin agieren muss, um beherrscht zu werden ?

In der jüngeren Diskussion um die Foucaultsche Diskurstheorie sind Vorbehalte gegen die starke Version diskursiver Subjektivierung vernehmbar geworden, die das Misstrauen gegen die Souveränität des "Subjekts" nicht länger als das letzte Wort der Diskurstheorie gelten lassen wollen; nicht nur hat sich der Fokus der Arbeiten Foucaults von der Disziplinar- zur "Pastoralmacht" fortbewegt, sondern neuere Diskurstheorien weben Fäden der Aufmerksamkeit für die kontrolltranszendenten Praktiken und Spielräume der Personen in den Text der Machtanalytik ein.

Die folgenden Überlegungen untersuchen die Implikationen der gegenwärtig viel diskutierten Stichworte der "Performativität", des "postsouveränen Subjekts" und der "resigni 􀂿 zierenden Praktiken" (etwa Butler 1998; de Certeau 1988) aus der Perspektive einer pragmatisierten Diskurstheorie. Eine solche Diskurstheorie rechnet auf der Basis handlungstheoretischer Motive des amerikanischen Pragmatismus bei der Analyse diskursiver Ereignisse die Abhängigkeit diskursiver "Ordnung" von der Ebene des "Vollzuges" stärker ein als es die gängigen Lesarten der Diskurstheorie als einer "post-subjektivistischen" Kon zeption erlauben wollen. Der Vollzug von Diskursen mag dabei selbst wieder auf anonyme Sequenzformate wie "Praktiken" zugerechnet werden; das subjektive Moment der Intentionalität muss aber in pragmatistischer Lesart notwendig schon von vornherein wirksam (nicht unbedingt: seiner selbst gewiss) sein, bevor es durch Diskurse "erzeugt" bzw. suggeriert wird, ohne dass dabei souveräne Subjekte, Akteure oder Sprecher frei von Abhängigkeiten unterstellt werden müssten. Wenn das Verhältnis zwischen Diskurs und Bewusstsein (Renn 2005) als eine "Übersetzung" zwischen diskursiven Formaten und intentionalen Vollzügen einer mehrdimensionalen "Selbstbehauptung" betrachtet werden kann, dann stellt sich die Konstellation zwischen Diskurs und empirischen Subjekten anders dar, als es das etablierte Konzept der "Subjektivierung" vermuten lässt. Aus einer konstitutionstheoretischen Einbahnstrasse wird ein dynamisches, als solches aber noch weitgehend ungeklärtes Verhältnis.

Die diskurstheoretische Frage nach dem Bewusstsein ber

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