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Vertrauen und Gewalt Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne von Reemtsma, Jan Ph. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.12.2013
  • Verlag: Hamburger Edition HIS
eBook (PDF)
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Vertrauen und Gewalt

'Die Probleme der Gewalt sind immer noch sehr dunkel', schrieb Hannah Arendt. Warum sich auch die Soziologie mit den Phänomenen der Gewalt schwer tut, ist eine der zentralen Fragen, mit denen sich Jan Philipp Reemtsma beschäftigt. Er analysiert, was Vertrauen und vor allem Vertrauen in die Moderne heißt - und in welcher Weise dieses Vertrauen an die besonderen Legitimationsanforderungen gebunden ist, denen der Gebrauch von Gewalt in der Moderne unterworfen ist. Wie kann extreme Destruktivität neben dem modernen Programm der Gewalteinschränkung oder trotz dieses Programms bestehen und warum besteht das Vertrauen in die Moderne ungeachtet der Gewaltexzesse des 20. Jahrunderts fort? Jan Philipp Reemtsma untersucht die Phänomene der Gewalt in ihrem unterschiedlichen Körperbezug und in ihrem Verhältnis zur Ausübung von Macht, er fragt, aus welchem Grund bestimmte Gewaltformen in der Moderne tabuisiert worden sind, obwohl sie nach wie vor fortbestehen, und in welcher Weise dieses Fortbestehen besondere Wahrnehmungs- und Analyseschwierigkeiten produziert. Dieser Blick auf die Moderne konkurriert nicht mit anderen, sondern ergänzt sie und bedient sich dabei einer besonderen Beschreibungstechnik. Weiträumige Überblicke über historische, politische, literarische oder philosophische Entwicklungen von der Antike bis in unsere Gegenwart wechseln mit einer Konzentration auf konkrete Ereignisse ab; soziologische Reflexionen und historisches Beispielmaterial werden durch philologische Analysen ergänzt und anhand einer Auseinandersetzung zum Beispiel mit William Shakespeare als einen Theoretiker von Macht und Gewalt oder anhand einer Betrachtung von Friedrich Schillers Konzeption des Desperado im 'Wilhelm Tell' verdeutlicht. Jan Philipp Reemtsma leistet einen bedeutenden Beitrag zum Verständnis der Beziehung, die zwischen Vertrauen, Gewalt und Macht herrscht.

Jan Philipp Reemtsma, Prof. Dr. phil., lebt und arbeitet vorwiegend in Hamburg. Er ist Gründer und Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung sowie der Arno Schmidt Stiftung und Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg. Er hat zahlreiche Aufsätze und Bücher zu literarischen, historischen, politischen und philosophischen Themen veröffentlicht.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 576
    Erscheinungsdatum: 09.12.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783868545814
    Verlag: Hamburger Edition HIS
    Größe: 3008 kBytes
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Vertrauen und Gewalt

Einleitung: Das Rätsel

"Wie isses nun bloß möglich", sagte meine Mutter.

Walter Kempowski, Tadellöser & Wolff

"Mein Werk wird später wahrscheinlich auf den sattsam bekannten Satz "Wie isses nun bloß möglich!" zusammenschrumpfen, und das ist für ein Menschenleben schon viel, analog zu "Ich weiß, daß ich nichts weiß"", schrieb Walter Kempowski am 5. März 1990 in sein Tagebuch. 1 Schön ist die Kombination dieser Frage mit dem Aphorismus des Sokrates. Doch ist auf diese berühmte Frage denn überhaupt anders zu antworten, als der Roman es tut, nämlich deiktisch?

""Wie isses nun bloß möglich", sagte meine Mutter. "Ich glaub', wir gehen 'rein"." 2

Jede historiographische Abhandlung hat wie jeder Roman ihre eigene Deixis, keine erfasst die Komplexität des Geschehens, das gilt für jede Zeit und ist trivial – auch wenn auf solche Trivialitäten immer mal wieder hingewiesen werden muss. In Walter Kempowskis "Tadellöser & Wolff" tritt die Frage, die nicht nur die Geschichtsschreibung, sondern unsere zivilisatorischen Gewissheiten so strapaziert hat – wie es denn "dazu" hat kommen können –, als mütterlicher Routineschnack auf. Der Roman zeigt, wie das, was uns als Extrem und extremer Bruch mit aller Normalität erscheinen will und muss, als schiere Normalität gelebt werden konnte – ins Prinzipielle gewendet: kann. Und ebendarum war es – wird es – "möglich". Ist mehr zu sagen?

Zu fragen ist: Wieso hält sich die Frage so hartnäckig? Wieso taucht sie zu Beginn des 21. Jahrhunderts nach Abertausenden von Seiten publizierter historischer Forschung in ihrer so schlichten 50er-Jahre-Gestalt wieder auf: Wie konnten "ganz normale Familienväter so was tun"? 3 Lassen wir die immer wieder Erstaunen machenden Feststellungen, Leute wie Eichmann oder Höß seien normale Familienväter gewesen – was in aller Welt versteht jemand, der so etwas sagt, unter "ganz normal"? –, beiseite, sie mögen vielleicht nur darum erstaunlich sein, weil sich inzwischen die Vorstellung von einem akzeptablen Benehmen von Familienvätern geändert hat. Dass Familie vor gar nichts schützt, müsste eigentlich einem normalen Räsonnement zugänglich sein. Als Schopenhauer nach einer Formulierung suchte, die Bosheit des Homo sapiens durch eine Hyperbel zu veranschaulichen, und auf den Satz kam, ein Mensch sei fähig, einen anderen zu töten, um sich mit dessen Fett die Stiefel zu schmieren, fügte er hinzu, er bezweifle, dass es sich dabei wirklich um eine Hyperbel handele. 4 Für diese Einsicht waren die historischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts nicht nötig. Zwar war Auschwitz präzedenzlos – erst die Deutschen des 20. Jahrhunderts brachten es fertig, dem Morden eine Stadt zu gründen –, aber diese Präzedenzlosigkeit bedeutet nicht, dass wir nicht seit je gewusst hätten, dass Menschen durch die Jahrhunderte immer wieder in der Lage gewesen sind, Scheußlichkeiten zu begehen, die uns fassungslos machen. Ist das Säuglinge-mit-dem-Kopf-gegen-eine-Wand-Schlagen, von dem wir immer wieder lesen müssen, eine habituelle Handlung des Homo sapiens oder eine habituelle Phantasie, die er über seinesgleichen anstellt? Man ist versucht zu sagen: gleichviel. Tzvetan Todorov zitiert Quellen der Conquista, in denen die Rede davon ist, dass Menschen Menschen töten, nur um auszuprobieren, ob ihre Schwerter, die sie zuvor mit Flusskieseln ges

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